Teil von YouTube-Intro · Shorts
Jenny Hoyos schreibt den letzten Satz eines Videos, bevor sie es dreht. Manchmal mit einer Lücke darin. „Dann habe ich meine Mutter überrascht, und …“ Was nach dem „und“ kommt, zeigt sich erst vor der Kamera.
Hoyos macht kurze Videos auf YouTube. Als sie im 1of10 Podcast über ihre Strategie sprach, hatte ihr Kanal 8 Millionen Abonnenten. Im Gespräch mit dem Podcaster Jay Clouse hat sie erklärt, wie jedes ihrer Shorts aufgebaut ist.
Ein Shorts-Skript ist der Plan für ein kurzes Video: was am Anfang gesagt wird, wohin es geht und wie es endet. Bei Hoyos hat es fünf Teile. Der wichtigste ist der Hook, also der Einstieg, der den Zuschauer festhält. Wie du ihn baust, steht in Der Hook bei Shorts. Hier geht es um alles, was danach kommt.
Das Shorts-Skript in fünf Teilen
- Hook: ein sehr kurzer Einstieg.
- Vorschau: was am Ende passiert.
- Übergang: ein Satz, der Luft gibt, ohne das Tempo zu bremsen.
- Mitte: die Geschichte selbst.
- Schluss: ein Ende direkt nach der Auflösung.
Hook und Vorschau: zwei Zeilen, drei Sekunden
Hoyos sagt: In jedem Video mache ich einen Hook und dann eine Vorschau. Das sind zwei Zeilen. Zusammen dauern sie meist drei Sekunden oder weniger.
Die Vorschau sagt, worauf der Zuschauer wartet. Hoyos zeigt das an einer beliebigen Idee. „Ich gehe an den Strand.“ Das ist der Hook. Aber warum sollte jemand weiterschauen? Also kommt die Vorschau dazu: „Ich gehe an den Strand, und am Ende des Videos überrasche ich jemanden mit 100 Dollar.“ Hoyos sagt: Es kann wirklich alles sein. Es braucht nur irgendeine Erwartung.
Eine Vorschau kann man auch im Bild zeigen. Hoyos spricht sie aber immer zusätzlich aus, egal um welche Idee es geht.
Mein Narzissten-Video hatte genau so eine Vorschau: „Und das letzte Anzeichen ist das wichtigste.“ Den ganzen Einstieg zerlege ich in Der Hook bei Shorts.
Der Übergang: eine Pause ohne Pause
Nach Hook und Vorschau hat der Zuschauer zwei wichtige Informationen bekommen. Hoyos sagt: Würde ich jetzt noch mehr Details nachschieben, vergisst er die ersten beiden. Er braucht einen Moment zum Durchatmen.
Früher hat Hoyos dafür richtige Pausen eingebaut. Heute will sie eine Pause, die das Tempo nicht bricht. Ihr Beispiel:
- Hook: „McDonald’s hat dieses Gericht von der Karte genommen.“
- Vorschau: „Also mache ich es zu Hause nach und überrede sie, es zurückzubringen.“
- Erster Entwurf für den Übergang: „Legen wir los.“
„Legen wir los“ bricht das Tempo, sagt Hoyos. Der Satz sagt nichts. Sie hat ihn ersetzt durch: „Also habe ich illegal gekocht.“ Das gibt dieselbe kleine Pause. Aber der Satz gehört schon zur Geschichte. Und er macht neugierig.
Als Grund nennt Hoyos den Primacy- und den Recency-Effekt. Gemeint ist: Menschen merken sich vor allem, was am Anfang und was am Ende kommt. Das zeigten Versuche aus den 1960er- und 1970er-Jahren. Die Teilnehmer sahen eine Liste von Wörtern und sollten sich danach an möglichst viele erinnern. Am besten behielten sie die Wörter am Anfang und am Ende der Liste. So beschreibt es der Psychologe Robert Cialdini mit zwei Kollegen in dem Buch Yes!.
Die Mitte
Nach dem Übergang erzählt Hoyos meist nach einem von zwei Mustern: Problem und Lösung. Oder „aber“ und „deshalb“: Jeder Schritt verändert die Lage, statt nur „und dann“ zu sagen. Wie so eine Kette trägt, zeigt der Hebel Story.
Für die Mitte schreibt Hoyos oft nur ein grobes Skript oder ein paar Stichpunkte. Aus der Zahl der Wörter weiß sie ungefähr, wie lang das Video wird. Den Rest lässt sie beim Dreh und im Schnitt entstehen.
Der Schluss: aufhören, sobald es passiert ist
Hoyos‘ Regel für das Ende: Was du ankündigst, das tust du. Und direkt danach hörst du auf.
Wie viel das ausmacht, hat sie an einem eigenen Video gesehen. Nach fünf Tagen hatte es rund 50.000 Views. Normalerweise kommt sie auf etwa eine Million. In der Retention-Kurve sah sie das Problem: In der letzten Sekunde fiel die Kurve von 70 auf 45 Prozent. Die Retention ist der Anteil des Videos, den die Zuschauer im Schnitt schauen. Sie lag bei 83 Prozent. Hoyos hat in YouTube Studio die letzte Sekunde abgeschnitten. Danach lag die Retention bei 88 Prozent, und das Video ging durch die Decke. Diese Funktion gibt es laut Hoyos inzwischen nicht mehr. Plan das Ende deshalb vor dem Hochladen.
Hoyos rechnet vor, warum eine Sekunde so viel zählt. Bei einem Short von 30 Sekunden ist eine Sekunde schon gut drei Prozent der Länge.
Das Ende hat bei Shorts noch eine zweite Aufgabe. Ein Short hört nicht auf. Es fängt von vorn an. Hoyos sagt deshalb: Mach das Ende mit Absicht, im Wissen, dass das Video wieder von vorn läuft. Manchmal führt der letzte Satz direkt in den Hook zurück. Manchmal wirft er eine neue Frage auf, für die man das Video noch einmal sehen muss. Ihr Beispiel: Am Ende sagt sie, dass das Experiment ganz nebenbei noch eine zweite Frage beantwortet hat. Dann denken die Zuschauer: Moment, das schau ich mir noch mal an.
An Hoyos‘ eigenen Zahlen sieht man, wie viel das bringt. Etwa 85 Prozent der Zuschauer sehen ihre Shorts an, statt sie wegzuwischen. Ihre Retention liegt trotzdem bei etwa 95 Prozent. Das geht nur, weil viele das Video noch einmal schauen.
Bei kurzen Videos will Hoyos sogar über 100 Prozent. Warum, steht in Wie lang sollte dein Video sein?
Erst die Enden, dann die Mitte
Die meisten schreiben ein Skript von vorn nach hinten. Hoyos nicht. Ihre Reihenfolge:
- Die Idee wählen.
- Den Hook schreiben.
- Den letzten Satz schreiben.
- Die Vorschau schreiben.
- Die Mitte grob skizzieren.
- Drehen.
- Das Skript überarbeiten und fertig machen.
- Schneiden.
Der letzte Satz steht vor dem Dreh fest, oft mit einer Lücke für die Reaktion. Damit weiß Hoyos beim Dreh, worauf alles hinausläuft. Und die Vorschau kann nur ankündigen, was am Ende wirklich passiert.
Ich habe vor jedem Dreh die Kernthese aufgeschrieben, also die eine Aussage des Videos, und einen roten Faden durch das ganze Video. Damit die Leute weiterschauen.
Ein Beispiel für den Dating-Kanal, in Hoyos‘ Reihenfolge geschrieben:
- Hook: „Eine KI schreibt eine Woche lang alle meine Dating-Nachrichten.“
- Schluss (vor dem Dreh, mit Lücke): „Und am Sonntag sitze ich mit ___ im Café. Er hat keine Ahnung.“
- Vorschau: „Am Ende zeige ich dir, mit wem ich ein Date habe.“
- Übergang: „Also bekam die KI mein Handy.“
- Mitte (Stichpunkte): Die ersten Nachrichten klingen wie Bewerbungen. Trotzdem antworten zwei Männer. Deshalb lässt sie die KI weiterschreiben. Aber einer fragt nach einem Sprachmemo …
Wie lang soll ein Short sein?
Hoyos kennt ihre Zahl genau. Bei Jay Clouse sagt sie: genau 34 Sekunden. So lang sind ihre erfolgreichsten Videos. Im späteren 1of10-Podcast nennt sie 35 bis 45 Sekunden als ihren besten Bereich. Sie betont: Jeder muss seine eigene Länge in seiner Statistik finden. Ihr Publikum ist sehr jung. Zu lang ist für ihre Zuschauer schnell zu lang.
Dazu kommt eine zweite Regel: Deine Videos sollten ähnlich lang sein. Hoyos sagt: Beim Wischen durch Shorts stört es, wenn ein Video fünf Sekunden dauert, das nächste eine Minute und das übernächste 30 Sekunden. Weichst du stark von dem ab, was deine Zuschauer gewohnt sind, zeigt YouTube dein Video ihnen vielleicht seltener. Das ist ihre Vermutung, keine Angabe von YouTube.
Und jede Plattform ist anders. Auf TikTok liefen bei Hoyos Videos von 10 bis 20 Sekunden besser, dicht mit Informationen. Auf YouTube mochten die Zuschauer es langsamer, mit mehr Geschichte.
Grenzen
Nicht jedes Video lässt sich vorher schreiben. Hoyos sagt selbst: Bei manchen Videos weiß sie nicht, was passieren wird. Dann plant sie nur grob, wie es sich entwickeln soll. Ein Sketch lässt sich dagegen komplett schreiben.
Retention ist nicht alles. Hoyos hat selbst Zweifel an ihrer wichtigsten Zahl. Freunde schicken ihr Shorts mit über 100 Prozent Retention, die trotzdem nicht durchstarten. Und eines ihrer eigenen Shorts lag bei den ersten 100.000 Views bei nur 70 Prozent. Es bekam trotzdem rund 10 Millionen Views, weil vor allem wiederkehrende Zuschauer es sahen. Hoyos vermutet: YouTube misst eher, wie zufrieden die Zuschauer sind. Das ist ihre Vermutung.
Es ist das Gerüst einer Creatorin. Hoyos erzählt von ihren eigenen Videos, für ein Publikum von vor allem Kindern. Ob das Gerüst bei dir genauso funktioniert, zeigen erst deine eigenen Zahlen.
Übung: Schreib dein nächstes Short in dieser Reihenfolge
- Hook: Schreib den Einstieg in einen Satz. Prüf ihn mit Der Hook bei Shorts.
- Schluss: Schreib den letzten Satz. Lass eine Lücke, wo die Reaktion oder das Ergebnis hingehört.
- Vorschau: Schreib einen Satz, der ankündigt, was am Ende passiert. Lies Hook und Vorschau laut. Stopp die Zeit. Über drei Sekunden? Kürzen.
- Übergang: Schreib einen Satz, der schon zur Geschichte gehört. Streich „Legen wir los“, „Fangen wir an“ und alles, was nur ankündigt.
- Mitte: höchstens fünf Stichpunkte. Jeder Punkt verändert die Lage.
- Nach dem Dreh: Schneid direkt nach der Auflösung. Schau dir das Ende zusammen mit dem Anfang an. Läuft es rund wieder in den Hook?