Teil von Videoideen finden · Ist die Idee klar und groß genug?
Yikes war 15 und lud ein Video nach dem anderen hoch. Zwei Minuten lang, drei, vier, fünf. Seine Zuschauer blieben im Schnitt 70 Prozent des Videos dran. In den Podcasts, die er hörte, hieß es: Das ist gut. Trotzdem holten seine Videos ein Jahr lang nur rund 2.000 Views.
Yikes ist heute ein YouTuber mit über einer Million Abonnenten. Bekannt ist er für 30-Tage-Challenges im Internet. Im Podcast des Analyse-Tools 1of10 erklärte er, was er damals übersehen hatte: Was sind 70 Prozent von zwei Minuten? Fast nichts. YouTube ist das egal.
Wie lang sollte ein YouTube-Video also sein? So lang, wie deine Idee Stoff hergibt. Und das entscheidest du nicht im Schnitt, sondern bevor du drehst. Hier lernst du, warum das so ist, wie du prüfst, ob eine Idee 15 Minuten trägt, und ob du sie überhaupt umsetzen kannst.
Was 70 Prozent von zwei Minuten sind
Zwei Zahlen werden oft verwechselt. Die Zuschauerbindung, auf Englisch Retention, sagt: Welchen Anteil des Videos schauen die Leute im Schnitt? Die Wiedergabezeit, auf Englisch Watch Time, sagt: Wie viele Minuten wurden insgesamt geschaut?
70 Prozent von zwei Minuten sind 84 Sekunden. 70 Prozent von 15 Minuten sind zehneinhalb Minuten. Gleicher Prozentsatz, ganz andere Wiedergabezeit. Yikes sagt es so: Zuschauerbindung ist nichts ohne Wiedergabezeit.
Bei der Klickrate ist es ähnlich. Das ist der Anteil der Menschen, die dein Video sehen und anklicken. Yikes sagt: Bei einem Video von einer Minute ist eine gute Klickrate leicht. Eine Minute hat jeder übrig. Bei 15 Minuten überlegt man genauer.
Die Länge steckt in der Idee
Yikes beschreibt seinen Fehler von damals genau. Er hatte eine Idee, die Spaß versprach. Dann gab er ihr ungefähr vier Minuten Inhalt. Er schnitt schnell und machte alles in einer Woche, vom Dreh bis zum Upload. Und hoffte, dass es viral geht. Es ging nie viral.
Dann wagte er ein Video, das 15 Minuten lang war. Eine 30-Tage-Challenge: Er wollte einen Kommentar so verbreiten, dass ihn bald alle unter fremde Videos schreiben. Jeden Tag gab es ein kurzes Update. Innerhalb einer Woche hatte das Video rund 200.000 Views. Es war sein erstes langes Video, das nicht auf einem aktuellen Trend beruhte. Wie er aus solchen Treffern ganze Reihen gemacht hat, steht in Kopier dich selbst zuerst.
Sein Rat an junge Creator heute: Mach deine Videos länger. Aber nicht irgendwie. Er sagt sinngemäß: Such Video-Ideen, die dir 10, 15, 20 oder 25 Minuten Inhalt geben. Und mach die. Streck nichts. Ein Video, das sich 15 Minuten lang zieht, will niemand sehen.
Yikes schränkt selbst ein: Bei ihm liefen die Videos ab 15 Minuten besser. Jeder mache andere Erfahrungen. Und in der Zeit der kurzen Videos habe er viel über Schnitt gelernt.
Yikes nennt auch den Grund, warum kurz in seiner Nische nicht reicht. Bei Challenge-Videos und Videos aus dem echten Leben trittst du gegen andere Videos von 15, 20, 25 Minuten an. Eine vierminütige Challenge will dort kaum jemand sehen.
Warum lange Videos gerade gewinnen: der Fernseher
Paddy Galloway ist einer der bekanntesten YouTube-Strategen. Er hat unter anderem für MrBeast und Red Bull gearbeitet. Er nennt eine Zahl aus seiner Arbeit: Vor fünf oder sechs Jahren kamen 15 bis 20 Prozent der Views seiner Kunden vom Fernseher. Heute sind es 50 bis 60 Prozent.
Viele erklären das so: YouTube bevorzugt lange Videos. Galloway dreht es um. Wer am Fernseher ein Video aussucht, will kein Video von vier Minuten. Er müsste gleich wieder etwas Neues suchen. Er will 30 Minuten schauen. Galloway sagt: Nicht YouTube bevorzugt lange Videos. Die Zuschauer sagen YouTube, dass sie am Fernseher lange Videos wollen.
Galloway warnt aber auch vor dem Umkehrschluss. Wer nur auf die durchschnittliche Wiedergabedauer schaut, könnte ein Video von drei Stunden machen. Ist das deshalb besser als eins von 30 Minuten? Nicht unbedingt.
Mario Joos berät YouTube-Kanäle dabei, wie sie Zuschauer länger halten. Er sagt: Manche Ideen funktionieren in bestimmten Längen besser. Menschen planen ein Video in ihren Tag ein. Einen Podcast heben sie sich für später auf. Ein kurzes Video schauen sie sofort. Sein Rat: Schau, welche Längen in deiner Nische am beliebtesten sind. Nimm sie als Richtwert.
Meine Erfahrung: 8 bis 15 Minuten, aber Packaging zuerst
Mit meinem Dating-Kanal holte ich auf TikTok zeitweise fast 10 bis 20 Millionen Views im Monat. Auf YouTube holten die Videos teils um die 80.000 Views. Irgendwann habe ich bessere Videos speziell für YouTube gemacht, denn die Wiedergabezeit ist dort viel höher. Diese Videos waren 8 bis 15 Minuten lang.
Am wichtigsten war aber nicht die Länge. Am wichtigsten war das Packaging: Idee, Titel, Thumbnail und Intro. Gemeint ist alles, was darüber entscheidet, ob jemand klickt und nach den ersten Sekunden bleibt. Eine lange Laufzeit nützt nur, wenn beides klappt. Wie das geht, zeigen die Hebel Packaging und Intro.
Wann kurz die richtige Länge ist
Nicht jede Idee muss lang werden. Jenny Hoyos hat mit kurzen Videos acht Millionen Abonnenten erreicht. Am Anfang machte sie lange Videos. Dann fiel ihr auf: Ihre angeblich langen Videos waren alle nur zwei, drei Minuten lang. Sie neigte von selbst zu kürzeren Inhalten. Also setzte sie ganz auf YouTube Shorts. Shorts sind die kurzen Hochkant-Videos auf YouTube.
Das ist dieselbe Regel, nur andersherum: Die Länge folgt der Idee. Trägt eine Idee nur drei Minuten, mach einen Short daraus. Bei Shorts zählt dann tatsächlich der Anteil, der geschaut wird. Hoyos will bei Videos unter 30 Sekunden über 100 Prozent, also Zuschauer, die das Video noch einmal ansehen.
So prüfst du, ob eine Idee 15 Minuten trägt
Eine einfache Methode: Zähl die Etappen. Eine Etappe ist ein Teil des Videos, in dem etwas Neues passiert. Ein neuer Versuch, ein neuer Ort, eine neue Wendung. Bei Yikes‘ 30-Tage-Challenge bringt jedes Tages-Update eine neue Etappe.
Ein Beispiel: zwei Ideen für einen Dating-Kanal.
- „3 Fehler beim ersten Date“: drei Etappen. Nach drei bis vier Minuten ist alles gesagt. Gestreckt auf 15 Minuten wird es zäh. Ein guter Short oder ein kurzes Video.
- „Ich teste sieben Tage lang die meistgeteilten Dating-Tipps von TikTok“: sieben Etappen. Jeder Tag bringt einen neuen Test und ein neues Ergebnis. Dazu eine offene Frage, die bis zum Ende trägt: Welcher Tipp funktioniert wirklich?
Prüf drei Dinge:
- Wie viele Etappen hat die Idee? Als grobe Faustregel: Für 15 Minuten brauchst du mehr als drei.
- Bringt jede Etappe etwas Neues? Wiederholt sich eine Etappe, fliegt sie beim Schneiden sowieso raus.
- Gibt es eine Frage, die bis zum Ende offen bleibt? Sonst steigen die Zuschauer nach der Hälfte aus. Wie du so eine Frage baust, zeigt der Hebel Story.
Kannst du die Idee überhaupt umsetzen?
Eine Idee, die 15 Minuten trägt, kostet meist mehr als eine Idee für vier Minuten. Mehr Drehtage, mehr Orte, mehr Menschen. Deshalb gehört die Machbarkeit zur selben Prüfung. Galloways Beispiel dafür, ein Auto auf dem Mond, steht in Ist die Idee klar und groß genug?.
MrBeast hat für diesen Schritt in seinem Team einen eigenen Begriff: Feasibility, auf Deutsch Machbarkeit. In seinem internen Handbuch erklärt er es an einer Idee: Verstecken spielen im größten Gebäude der Welt. Bevor das Video in die Produktion geht, prüft das Team: Bekommen wir dieses Gebäude überhaupt? Wenn ja, geht das Video in die Produktion. Wenn nein, hat niemand Zeit verschwendet.
Im selben Handbuch steht eine zweite Regel: Sag die Nachteile. Sein Beispiel: „Ich habe das Schloss gefunden, das wir brauchen!“ Aber es ist das ganze Jahr ausgebucht, über dem Budget, und letzte Woche ist darin jemand gestorben. Die Nachteile sind wichtiger als die Begeisterung.
Für deine Ideen reichen fünf Fragen:
- Zeit: Schaffst du den Dreh in der Zeit, die du hast? Yikes plante alles in einer Woche und gab seinen Ideen deshalb nur vier Minuten.
- Geld: Was kostet die Idee, und hast du das Geld?
- Ort: Kommst du an den Drehort?
- Menschen: Machen die Menschen mit, die du brauchst?
- Erlaubnis: Darfst du dort filmen und die Menschen zeigen?
Fällt eine Antwort mit Nein aus, ist die Idee nicht tot. Aber sie gehört nicht in diesen Monat.
Übung: der Längen-Check für fünf Ideen
- Nimm fünf Ideen, die deine bisherigen Filter bestanden haben.
- Schreib zu jeder die Etappen auf. Eine Zeile pro Etappe.
- Schätz die Länge. Rechne grob zwei bis drei Minuten pro Etappe. Vergleiche mit den beliebtesten Längen in deiner Nische.
- Entscheide das Format. Unter vier Etappen: Short oder kurzes Video. Ab vier: langes Video. Streck keine Idee, nur weil lange Videos besser laufen.
- Mach die fünf Machbarkeits-Fragen. Streich oder verschiebe jede Idee mit einem Nein.
Am Ende weißt du bei jeder Idee, wie lang das Video wird. Bevor du eine Zeile Skript geschrieben hast.