Teil von YouTube-Intro · Teil 4 von 4
„Dieser Mann wird dein Leben zerstören. Hier sind sechs Anzeichen, dass du gerade einen Narzissten datest. Und das letzte Anzeichen ist das wichtigste.“
So begann eines meiner kurzen Videos für meinen Dating-Kanal. Es bekam allein auf TikTok 2,1 Millionen Views. Drei Sätze, ein paar Sekunden. Danach war entschieden, ob jemand bleibt.
Bei kurzen Videos ist das immer so. Ein Short ist ein kurzes Hochkant-Video auf YouTube. Es läuft einfach los, sobald es im Feed erscheint. Wer nicht interessiert ist, wischt weiter. Ein Shorts-Hook ist deshalb der Einstieg, der den Zuschauer in den ersten drei Sekunden festhält, bevor sein Daumen sich bewegt.
Dieser Artikel zeigt, was in diese drei Sekunden gehört. Die meisten Beispiele stammen von Jenny Hoyos. Hoyos macht kurze Videos auf YouTube. Als sie im 1of10 Podcast über ihre Strategie sprach, hatte ihr Kanal 8 Millionen Abonnenten.
Bei Shorts klickt niemand
Bei einem langen YouTube-Video gibt es zwei Hürden. Erst muss der Zuschauer klicken. Dafür sorgen Titel und Thumbnail, also das Vorschaubild. Dann muss das Intro ihn halten. Wie das bei langen Videos geht, zeigt die Übersicht Das Intro bestätigt den Klick.
Bei Shorts fällt die erste Hürde weg. Hoyos sagt sinngemäß: Bei Shorts muss ja niemand auf dein Video klicken. Es spielt einfach. Im Feed gibt es kein Thumbnail, der Titel steht klein in einer Ecke. Was das für die Wiedererkennung deines Kanals bedeutet, steht in Dein Thumbnail-Stil.
Damit muss der Hook zwei Aufgaben auf einmal lösen. Er muss das leisten, was sonst Titel und Thumbnail tun: auffallen und sagen, worum es geht. Und er muss halten, was sonst das Intro hält. Hoyos sagt deshalb: Bei Shorts ist das erste Bild dein Thumbnail, und was du sagst, ist dein Titel. Was daraus für deine Idee folgt, steht in Der Ein-Sekunden-Test.
Auf die Frage, was bei Shorts am meisten zählt, antwortet Hoyos: ganz klar der Hook. Sie sagt: „Der Hook ist alles.“ Nach ihrer Erfahrung bringt der Hook die Leute dazu, bis zum Ende zu schauen. Mehr noch als der Inhalt selbst. Ihr Beispiel mit einem angeblichen Alien-Foto steht in Bestätigen heißt nicht verraten.
Wie lang dauert der Hook? Hoyos sagt: innerhalb der ersten drei Sekunden. Am besten ist schon das erste Bild gut.
YouTube selbst testet Shorts genau an diesem Punkt. Ein neues Short wird erst wenigen Leuten gezeigt. Bleiben sie dran oder wischen sie weiter? Davon hängt ab, ob es mehr Leute sehen. Wie dieser Test abläuft, steht in Wie der YouTube-Algorithmus testet.
Erst das Bild, dann die Worte
Die meisten fangen beim Hook mit dem Satz an. Hoyos fängt mit dem Bild an.
Sie behandelt ein Short, als wäre es ein langes Video. Auf ihrem iPad skizziert sie den Einstieg wie ein Thumbnail. Wie soll es aussehen? Wie könnte man es noch zusammenstellen? Sie zeichnet so lange, bis es klick macht. Erst dann überlegt sie, was sie dazu sagt. Hoyos: „Das Erste ist das Bild, ganz klar.“
Ein Beispiel aus ihrer Arbeit: Hoyos hat eine Reihe, in der sie Gerichte von Fast-Food-Ketten für einen Dollar nachkocht. Im ersten Bild zeigt sie nicht ihr Gesicht. Sie zeigt die Filiale von außen. Denn das Restaurant kennen mehr Leute als sie. Das Logo steht in der Mitte, das nachgekochte Essen davor. Genau in der Mitte steht „1-Dollar-Burrito“, „1-Dollar-Sandwich“ oder „1-Dollar-Burger“. Jedes Mal derselbe Aufbau.
In einer Sekunde versteht man drei Dinge: welches Restaurant, welches Gericht, welcher Preis. Und der Aufbau hilft noch einmal. Die Reihe ist eine Playlist. Viele Zuschauer schauen sie am Stück. Am gleichen Bildaufbau erkennen sie sofort: Das ist wieder Hoyos.
Hoyos stellt an das Bild noch zwei Bedingungen. Man muss den Hook ohne Ton verstehen. Und er muss so einfach sein, dass ein Kind ihn versteht. Beides steht ausführlich in Der Ein-Sekunden-Test. Ich habe dasselbe bei meinen kurzen Videos erlebt: Je einfacher die Sprache, desto mehr Leute blieben in den ersten Sekunden dran.
Die Handlung läuft schon
Fast jedes Video fängt gleich an, sagt Hoyos. Der Creator erzählt, was er gleich tun wird. „Ich baue jetzt einen geheimen Raum. Okay, los geht’s.“ Erst danach passiert etwas.
Hoyos macht es umgekehrt. Ihr meistgesehenes Video zeigt, wie sie ein Loch in eine Wand schlägt. Dahinter baut sie einen geheimen Raum. Das Video beginnt nicht mit der Ankündigung. Es beginnt mitten in der Arbeit: Die Wand ist schon offen, dahinter liegt ein ganzer Raum. Hoyos sagt: Ich wusste, ich muss den Hook damit anfangen, dass ich das Ding schon tue.
Die Idee war nicht neu. Hoyos hatte gesehen, dass eines der meistgesehenen Videos des Creators Justin Flom genau so begann: mit einer Wand, die aufgebrochen wird. Sie wusste also, dass dieser Einstieg schon einmal funktioniert hatte.
Ein Beispiel für den Dating-Kanal:
- Schwach: „Heute möchte ich mit euch über rote Flaggen beim Dating reden.“ Das Bild: eine Frau vor der Kamera. Nichts passiert.
- Stärker: Das Bild: ein Handy, ein Chat, die Uhr zeigt 23:48. Eine neue Nachricht: „Bist du noch wach?“ Dazu der Satz: „Er schreibt dir nur nach 22 Uhr? Das bedeutet es wirklich.“
Im zweiten Fall ist der Zuschauer schon mitten in der Situation. Er muss nichts abwarten. Warum das auch bei langen Videos gilt, steht in Der Einstieg: Fang mitten im Geschehen an.
Eine Frage, die bis zum Ende trägt
Ein gutes Bild hält den Daumen für einen Moment an. Mehr nicht. Hoyos sagt: Der Zuschauer muss nicht nur gefesselt sein. Er braucht auch einen Grund, bis zum Ende zu schauen.
Am liebsten nimmt sie dafür eine Frage. Die besten Hooks sind laut Hoyos Fragen: Sie machen neugierig und sagen zugleich, was am Ende kommt. Ihr bekanntestes Beispiel und wie du solche Fragen baust, steht in Der Hook: Wie die ersten Sätze neugierig machen.
Eine Frage muss nicht als Frage formuliert sein. Hoyos sagt: Auch eine Aussage geht, wenn sie eine offene Frage nahelegt.
Mein Narzissten-Video vom Anfang hat keine einzige Frage. Trotzdem stellt jeder der drei Sätze eine:
- „Dieser Mann wird dein Leben zerstören.“ Welcher Mann? Bin ich gemeint? Der Satz spricht eine Angst an. Bei meinem Kanal brachten die Videos die meisten Zuschauer, die eine Angst ansprachen oder Symptome, die viele kennen.
- „Hier sind sechs Anzeichen, dass du gerade einen Narzissten datest.“ Jetzt weiß der Zuschauer, was kommt. Sechs Punkte. Und er fragt sich: Treffen sie auf meinen Partner zu?
- „Und das letzte Anzeichen ist das wichtigste.“ Das habe ich bewusst vorher angekündigt. So bleiben die Leute bis zum Ende dran, weil sie das wichtigste Anzeichen wissen wollen.
Warum gerade Angst, Konflikt oder ein aktueller Anlass in die ersten Sekunden gehören, steht in Nachrichtenwert: Was eine Idee interessant macht. Je mehr dieser Faktoren in den ersten Sekunden stecken, desto besser liefen meine Videos. Wie du den dritten Satz baust, die Ankündigung des Endes, zeigt So baust du ein Short auf. Und wen das Video am Ende erreicht hat, steht in Das Ziel deines Videos.
So findest du deinen Shorts-Hook
Hoyos hat ihre Hooks nicht von Anfang an selbst erfunden. Am Anfang hat sie nach eigener Aussage die Hooks anderer Creator kopiert. Sie nennt das „wie ein Künstler stehlen“: So lernt man. Was hinter dieser Idee steckt, steht in Steal Like an Artist.
Dafür hat sie eine Technik. Sie nimmt eine Liste der zehn größten YouTuber. Dann fragt sie zu ihrer eigenen Idee: Wie würde es klingen, wenn dieser YouTuber das Video gemacht hätte? Daraus schreibt sie viele Hooks. Sie wählt ihren Lieblings-Hook, lädt hoch und schaut auf die Prozentzahl. So lernt sie, welcher Hook am besten funktioniert hat. Erst danach hat sie ihren eigenen Stil gefunden.
Das klappt nur mit vielen Versuchen. Für meinen Dating-Kanal habe ich zeitweise bis zu sechs Videos am Tag gedreht und hochgeladen. Jedes Video ist ein Versuch. Ein kurzes Video, das nicht funktioniert, zeigen TikTok und Instagram einfach kaum jemandem. Der Verlust ist klein.
Findest du für eine Idee gar keinen guten Hook, liegt es vielleicht nicht am Hook. Hoyos zieht daraus den Schluss: Vielleicht ist es keine gute Idee. Mehr dazu in Der Ein-Sekunden-Test.
Woran du einen guten Hook erkennst
YouTube zeigt dir für jedes Short, wie viele Zuschauer es angesehen und wie viele es weggewischt haben, in Prozent. Du findest den Bericht in YouTube Studio unter Analytics, im Tab „Inhalte“. TikTok und Instagram haben ähnliche Zahlen.
Für Hoyos ist das die Zahl für den Hook. Sie sagt: Angesehen gegen weggewischt zeigt, wie gut deine Hooks sind. Ihr Rat: Optimier langsam anhand dieser Zahl und der Retention. Retention ist der Anteil des Videos, den die Zuschauer im Schnitt schauen.
Hoyos nennt auch Werte. Im Schnitt sehen nach ihrer Einschätzung etwa 70 Prozent ein Short an, statt es wegzuwischen. Bei ihr sind es etwa 85 Prozent. Das sind ihre Zahlen aus dem Gespräch mit dem Podcaster Jay Clouse, keine Angaben von YouTube.
Vergleich deine Shorts untereinander. Leg das Short mit dem höchsten Wert neben das mit dem niedrigsten. Was zeigt das erste Bild? Was ist der erste Satz? Läuft die Handlung schon?
Grenzen
Hoyos spricht für ein sehr junges Publikum. Sie schätzt, dass rund 80 Prozent ihrer Zuschauer zwischen 8 und 12 Jahre alt sind. Ein Hook für Kinder ist nicht automatisch ein Hook für Erwachsene, die einen Partner suchen. Die Regeln (Bild zuerst, Handlung läuft, offene Frage) gelten breiter. Die Worte musst du für deine Zuschauer finden.
Jede Plattform ist anders. Hoyos erlebte, dass dasselbe Video auf TikTok und auf YouTube völlig verschieden lief. Mehr dazu in der Zielgruppenanalyse.
Ein guter Hook rettet kein schwaches Video. Der Hook hält die Leute am Anfang. Ob sie bis zum Ende bleiben, entscheidet der Rest. Wie Hoyos die Zeit nach dem Hook baut, steht in So baust du ein Short auf. Wie eine Geschichte trägt, zeigt der Hebel Story.
Die Beispiele sind Erfolge. Hoyos und ich erzählen von Videos, die funktioniert haben. Wie viele Videos mit einem Einstieg mitten in der Handlung trotzdem floppten, wissen wir nicht.
Übung: zehn Hooks für ein Video
- Nimm eine Idee für ein Short. Schreib sie in einem Satz auf.
- Zeichne das erste Bild. Strichmännchen reichen. Was sieht man, bevor ein Wort fällt? Zeichne drei Varianten.
- Schreib zehn Hooks. Für jeden Hook fragst du: Wie würde ein bekannter Creator aus deinem Thema das Video anfangen? Nimm zehn verschiedene Creator.
- Streich jeden Hook, der ankündigt. „Heute zeige ich dir …“, „Ich werde jetzt …“ fliegen raus. Die Handlung muss schon laufen.
- Prüf jeden übrigen Hook mit einer Frage: Welche Frage hat der Zuschauer nach drei Sekunden im Kopf? Kannst du sie nicht aufschreiben, streich den Hook.
- Wähl einen Hook und lade hoch. Nach ein paar Tagen schaust du auf „angesehen vs. weggewischt“. Mach beim nächsten Short dasselbe und vergleiche.