Teil von YouTube-Intro · Der Einstieg
„Hi, ich bin Psychologin, und heute möchte ich über toxische Umfelder sprechen.“
Diesen Satz habe ich in einem älteren Artikel als Beispiel für einen falschen Einstieg benutzt. Er hat keine Lücke. Er stellt keine Frage. Er gibt keinen Grund zu bleiben. Besser wäre: „Mach nicht diesen Fehler …“ Sofort fragt sich der Zuschauer: Welchen Fehler?
Ein Intro-Fehler ist alles in den ersten Sekunden, das den Zuschauer warten lässt, ohne ihm einen Grund zum Bleiben zu geben. Das Intro ist der Anfang eines Videos bis zum Hauptteil. Die meisten YouTube-Intro-Fehler sind keine schlechten Ideen. Es sind Gewohnheiten. Sie klingen höflich oder professionell. Und sie kosten Zuschauer, bevor das Video überhaupt angefangen hat.
Hier sind die acht häufigsten. Zu jedem Fehler gibt es eine kurze Lösung und einen Link zu dem Artikel, der ihn ausführlich behandelt.
Die acht häufigsten Fehler im YouTube-Intro
Alle acht Fehler haben eine Gemeinsamkeit. Sie schieben etwas vor den Inhalt, für das der Zuschauer nicht geklickt hat.
Fehler 1: Begrüßung und Vorstellung zuerst
„Hallo und willkommen zurück auf meinem Kanal.“ „Ich bin Lisa, und auf diesem Kanal geht es um Dating.“ Das klingt freundlich. Aber der Zuschauer hat nicht für dich geklickt. Er hat für das Thema im Titel geklickt.
Werbetexter wissen das seit Jahrzehnten. John Caples schrieb jahrzehntelang Anzeigen für die New Yorker Agentur BBDO und maß sie an echten Bestellungen. In seinem Buch How to Make Your Advertising Make Money rät er: Lass einleitende Bemerkungen weg. Oft ist der erste Absatz einer Anzeige unnötig. Manchmal beginnt das Verkaufen erst im dritten. Caples zitiert dazu einen alten Spruch unter Textern, sinngemäß: „Sag’s mir schnell und sag’s mir wahr, sonst, mein Freund, war’s das.“
Für Radiospots war Caples noch strenger. Warum, steht in Der erste Satz.
David Ogilvy gründete 1948 die Werbeagentur Ogilvy, Benson & Mather. 1963 schrieb er über Fernsehwerbung: Du hast genau 58 Sekunden, um zu verkaufen. Dein Kunde zahlt 500 Dollar pro Sekunde. Halt dich nicht mit Einleitungen auf, die nichts zur Sache tun. Verkauf ab dem ersten Bild. Die Zahlen stammen aus dem Fernsehen der 1960er. Der Gedanke passt auf jedes Video.
Die Lösung: Fang mit der Sache an. Wer du bist, kommt später. Oder nur dann früh, wenn es als Beweis dient, warum man dir zuhören sollte. Wie das geht, steht in Warum sollte man dir zuhören? Der Beweis im Intro.
Dazu gehört auch die Bitte zu abonnieren. Am Anfang bittet sie um etwas, bevor der Zuschauer etwas bekommen hat. Wer abonniert, will mehr von dem, was er gerade gesehen hat. Also gehört die Bitte dorthin, wo er schon etwas gesehen hat.
Fehler 2: Das Versprechen nicht bestätigen
Der Titel verspricht etwas. Das Thumbnail, also das Vorschaubild, zeigt etwas. Dann beginnt das Video, und beides kommt nicht vor. Der Zuschauer fragt sich: Bin ich hier richtig? Und geht.
Die Lösung: Zeig oder sag in den ersten Sekunden, was Titel und Thumbnail versprechen. Wie, steht in Den Klick bestätigen: Zeig sofort, was Titel und Thumbnail versprechen.
Fehler 3: „In diesem Video …“
„In diesem Video spreche ich über drei Dinge: erstens die Nachricht, zweitens das Treffen, drittens den Abschied.“ Das ist eine Inhaltsangabe. Sie sagt, was kommt. Aber sie macht nicht neugierig auf das, was kommt.
Die Lösung: Mach aus jedem Punkt eine offene Frage. Ein Beispiel: „Es gibt eine Nachricht, nach der fast jeder Mann sich zurückzieht. Und die meisten Frauen schicken sie schon vor dem ersten Date.“ Wie du mit den ersten Sätzen Neugier weckst, steht in Der Hook: Wie die ersten Sätze neugierig machen. Der Hook ist der Einstieg, der den Zuschauer festhält.
Fehler 4: „Schau bis zum Ende“
„Schau unbedingt bis zum Ende, da kommt das Beste.“ Der Satz soll Zuschauer halten. Mario Joos hält ihn für verschwendete Zeit. Joos berät YouTube-Kanäle dabei, wie sie Zuschauer länger im Video halten. Er schreibt: Zuschauer aufzufordern, bis zum Ende zu schauen, ist keine gute Nutzung der Intro-Zeit. Und es gibt kaum Belege, dass es funktioniert.
Das Problem: Der Satz behauptet einen Grund, statt einen zu liefern. Der Zuschauer weiß danach immer noch nicht, was am Ende kommt.
Die Lösung: Sag, worauf das Video hinausläuft. Ein Beispiel: „Am Ende zeige ich dir die eine Nachricht, auf die er garantiert antwortet.“ Das ist ein Ziel, kein Befehl. Wie du Ziel und Aufbau eines Videos ansagst, steht in Ziel und Fahrplan: Sag, wohin das Video geht.
Fehler 5: Teaser mit Gefühlen statt Inhalt
Ein Teaser ist ein kurzer Ausschnitt aus dem späteren Video, der im Intro gezeigt wird. Joos schreibt: Teaser können zeigen, dass sich das Video lohnt. Aber viele Creator teasern Gefühle statt Inhalt. Das kann nach hinten losgehen.
Ein Beispiel: Ein Dating-Video zeigt im Intro eine Frau, die weint. Musik, Zeitlupe. Der Zuschauer sieht ein Gefühl. Aber er weiß nicht, worum es geht. Besser: Die Frau liest die Nachricht vor, nach der er sich nie wieder gemeldet hat. Jetzt sieht der Zuschauer dasselbe Gefühl. Und er weiß, was im Video passiert.
Die Lösung: Jeder Teaser muss zeigen, was im Video vorkommt. Das Gefühl darf dabei sein, aber es ersetzt den Inhalt nicht.
Fehler 6: Zu viel erklären, zu viel zeigen
Viele Intros erklären alles, bevor es losgeht. Die Vorgeschichte, die Regeln, wer wer ist. Der Zuschauer braucht davon am Anfang nur einen kleinen Teil. Mehr dazu in So wenig Kontext wie möglich.
Dasselbe gilt fürs Bild. Texte, Pfeile, Einblendungen und schnelle Schnitte gleichzeitig verwirren eher, als dass sie festhalten. Warum die ersten Sekunden auch ohne Ton und ohne Bild-Gewitter funktionieren müssen, steht in Das stumme Intro.
Fehler 7: Zu lang, und dann ein Bruch
Manche Intros dauern über eine Minute. Und dann endet das Intro mit „So, dann legen wir mal los“, und kurz passiert nichts. Wie lang ein Intro sein darf und wie du ohne Bruch in den Hauptteil kommst, steht in Wie lang darf ein Intro sein?
Fehler 8: Ankündigungen und Logo-Animationen
Manche Videos beginnen mit einer Logo-Animation oder einer Titelmelodie. Manche Podcasts beginnen mit dem Satz „Heute haben wir … zu Gast“. Beides sagt dem Zuschauer, dass gleich etwas kommt. Aber es liefert noch nichts.
Eine Logo-Animation gehört zu einer Marke, die man schon kennt und mag. Ein neuer Zuschauer kennt deine Marke nicht. Für ihn ist das Logo Wartezeit. Was ein Intro auf YouTube eigentlich ist, steht in Das Intro bestätigt den Klick. Wann ein Trailer vor einem Podcast funktioniert und wann eine reine Ankündigung, steht in Das Podcast-Intro: Trailer oder erste Frage?
Grenzen
Nicht jeder überflüssige Satz ist ein Fehler. Joos schreibt: Ein einzelner „verschwendeter“ Satz im Intro ist in Ordnung. Er kann das Intro weniger auswendig gelernt wirken lassen. Ein Intro, das nur aus Pflichtpunkten besteht, klingt manchmal wie abgelesen.
Ein gutes Intro rettet kein schwaches Packaging. Packaging meint Idee, Titel und Thumbnail. Paddy Galloway ist YouTube-Stratege und berät Kanäle wie MrBeast und Red Bull. Er sucht oft nach Videos, die auf einem Kanal viel besser liefen als die anderen. Der Grund für diesen Erfolg liegt laut Galloway selten am Schnitt oder am Intro. Meistens liegt er an Titel und Thumbnail. Wer keine Klicks bekommt, muss zuerst dort ansetzen. Mehr dazu in Packaging.
Die Liste ist nicht vollständig. Ein Intro kann alle acht Fehler vermeiden und trotzdem langweilig sein. Die Liste zeigt, was du streichen kannst. Was ein Intro stark macht, zeigt Der Einstieg: Fang mitten im Geschehen an.
Übung: Dein Intro gegen die Liste
- Nimm drei deiner Videos. Am besten eines, das gut lief, und zwei, die schlecht liefen.
- Schreib die ersten 30 Sekunden ab. Wort für Wort, so wie sie gesprochen werden.
- Geh die Liste durch. Streich jeden Satz, der begrüßt, vorstellt, um ein Abo bittet, „In diesem Video“ sagt oder „bis zum Ende“ verlangt.
- Lies, was übrig bleibt. Beginnt das Video jetzt mit der Sache? Wenn ja: Das war dein Intro. Alles andere war Wartezeit.
- Schreib den ersten Satz neu. Er soll eine Frage auslösen. Schreib unter den Satz, welche Frage das ist. Fällt dir keine ein, ist der Satz noch nicht fertig. Mehr dazu in Der erste Satz.