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Idee · 14.10.2026 · Oliver Bayer

Die Logline: Dein Video in einem Satz

Ein Zettel mit Problem, Absicht, Hindernis, Lösung, daneben ein Kompass.

Teil von Videoideen finden · Das Videokonzept

Daniel Mace ist Filmemacher. Er hat nach eigener Aussage in über 100 Ländern gedreht und mehr als 500 Filme gemacht. Zuletzt hat er vor allem mit MrBeast gearbeitet, dem größten YouTuber der Welt.

Bevor Mace zu einem Dreh fährt, schreibt er einen einzigen Satz auf einen kleinen Zettel. Den trägt er bei sich, falls sein Handy-Akku leer ist. Immer wenn er beim Dreh nicht mehr weiterweiß, liest er den Satz. Mace nennt ihn seinen Kompass.

Dieser Satz heißt Logline. Eine Logline ist dein ganzes Video in einem Satz: worum es geht, was jemand will, was im Weg steht und wie es ausgeht. In Hollywood verkauft man damit einen Film an Geldgeber oder Streamingdienste. Mace nutzt sie anders. Für ihn ist die Logline eine Straßenkarte von der Idee bis zum fertigen Video.

Hier lernst du seine Formel, siehst sein Beispiel aus Nepal und schreibst deine eigene Logline.

Warum ein Satz vor dem Dreh

Die meisten Videos von Mace haben kein Drehbuch. Er reist in ein Dorf, trifft Menschen und filmt, was passiert. Vieles kann er nicht planen. Gerade deshalb braucht er den Satz. Egal was vor Ort passiert, der Satz erinnert ihn daran, welches Video er drehen wollte.

Der Satz arbeitet auch nach dem Dreh weiter:

  • Titel und Thumbnail. Steht die Logline, denkt Mace sofort über Titel und Thumbnail nach. Wie das geht, gehört zum Hebel Packaging.
  • Der erste Satz im Video. Daraus baut er den Einstieg. Mehr dazu beim Hebel Intro.
  • Der Schnitt. Mace hat beim Dreh Momente, die er großartig findet. Passen sie nicht zur Logline, fliegen sie trotzdem raus. Er nennt das den traurigen Teil des Schnitts.

Der YouTube-Stratege Paddy Galloway nutzt die Logline zusätzlich als Filter: Lässt sich eine Idee nicht in einer Zeile sagen, ist sie für ihn keine gute Idee. Mehr dazu im Ein-Sekunden-Test.

Logline schreiben: Problem, Absicht, Hindernis, Lösung

Maces Formel hat vier Teile.

Die Logline-Formel: 1. Problem, 2. Absicht, 3. Hindernis mit Zeitlimit, 4. Lösung, am Beispiel von Daniel Maces Film in Nepal.

1. Problem. Was ist kaputt? Ein Satz, ohne Ausschmückung. In seinem Beispiel für Beast Philanthropy, den Wohltätigkeitskanal von MrBeast: Ein abgelegenes Dorf in Nepal hat keinen Strom. Deshalb ist medizinische Versorgung für 16.000 Menschen fast unmöglich.

2. Absicht. Was soll sich ändern? Mace formuliert das so, dass man es sich vorstellen kann. Nicht nur „Strom ins Dorf bringen“, sondern: Strom auf die Spitze eines Bergs bringen, rund 3.000 Meter hoch, und dort ein Krankenhaus bauen und versorgen.

3. Hindernis. Was macht es schwer? Schwieriges Gelände, Temperaturen um minus 4 Grad, und das Geld muss erst da sein. Mace betont einen Punkt besonders: Bau immer ein Zeitlimit ein. Wer weiß, dass die Zeit drängt, schaut gespannter zu.

4. Lösung. Wie geht es aus? Mace sagt: Das Ende soll unvermeidlich und trotzdem überraschend sein. Unvermeidlich: Das Krankenhaus bekommt Strom. Deshalb haben die Leute ja geklickt. Überraschend: der Weg dorthin. Mace sucht vor Ort nach stillen Helden. In Nepal fand er eine behelfsmäßige Klinik. Dort arbeiteten ausgebildete Ärzte, aber ihnen fehlten Geräte für schwere Fälle.

Die vier Teile kennst du aus jeder guten Geschichte. Der Drehbuchberater Michael Hauge fasst Filme ähnlich in einem Satz zusammen: eine Figur, die etwas Sichtbares will. Mehr dazu in Das Videokonzept.

Die Kunst des Weglassens

Mace schreibt die Logline in zwei Schritten.

Zuerst schreibt er alle vier Teile aus, in ganzen Sätzen. Bei ihm wird daraus ein ganzer Absatz. Dann kürzt er. Mace nennt das die Kunst des Weglassens. Sein Ziel sind ungefähr 25 Wörter.

Seine Logline für Nepal lautet sinngemäß: „In einem abgelegenen Dorf in Nepal haben 16.000 Menschen keinen Strom. Das erschwert die medizinische Versorgung. Wir kämpfen gegen das harte Gelände, bringen Strom ins Dorf, bauen das Krankenhaus und stärken die Menschen vor Ort.“

Links ein langer Absatz mit allen vier Teilen, Pfeil weglassen, rechts eine einzige Zeile: eine Logline, ca. 25 Wörter.

Das Kürzen ist der eigentliche Test. Was beim Kürzen übrig bleibt, ist dir wirklich wichtig. Was du streichst, gehört vielleicht gar nicht in dieses Video.

Logline-Beispiel: ein Video mit zehn Punkten

Nicht jedes Video hat eine Mission wie Maces Film aus Nepal. Viele erfolgreiche Videos sind Listen. Bei einer Liste ist der Zuschauer die Figur. Die Formel funktioniert trotzdem, nur aus seiner Sicht.

Ein Beispiel: Ein Dating-Kanal plant das Video „10 Fehler im Online-Dating“. Der Absatz nach Maces Formel, aus Sicht der Zuschauerin:

  • Problem: Sie hat Matches, aber daraus werden kaum gute Dates.
  • Absicht: Sie will wissen, was sie falsch macht, und es ab heute ändern.
  • Hindernis: Die eigenen Fehler sieht man am schlechtesten. Viele fühlen sich normal an, weil fast alle sie machen.
  • Lösung: Unvermeidlich: Sie bekommt zehn Fehler und zu jedem eine Lösung. Überraschend: Der größte Fehler sieht aus wie eine Stärke.

Gekürzt auf eine Logline: „Du hast Matches, aber keine guten Dates. Zehn Fehler, die sich normal anfühlen, halten dich auf. Der größte davon sieht aus wie eine Stärke.“

Das sind 24 Wörter. Bei einer Liste ist die Formel schwächer als bei einer Reise nach Nepal. Das Hindernis ist leise, und Maces Zeitlimit passt nicht. Ein erfundenes Zeitlimit wie „Nur noch bis Sonntag“ wirkt aufgesetzt. Lass es weg.

Trotzdem leistet die Logline bei einer Liste zwei Dinge:

Sie entscheidet, welche Punkte ins Video kommen. Vielleicht fallen dir 15 Fehler ein. Ins Video kommen nur die, die erklären, warum aus Matches keine guten Dates werden. Ein Fehler in den ersten Nachrichten passt. Ein Fehler beim Profilfoto eher nicht, denn Matches hat sie ja schon.

Sie bestimmt die Reihenfolge. Der Fehler, der wie eine Stärke aussieht, kommt ans Ende. So hat die Zuschauerin einen Grund, bis zum Schluss zu schauen.

Ohne diesen Satz wird eine Liste schnell zu zehn losen Tipps. Bei meinem Dating-Kanal habe ich vor jedem Video die Kernthese aufgeschrieben und einen roten Faden festgelegt, wie im Artikel Das Videokonzept beschrieben.

Zwei Ebenen: Kanal und Video

Justus Reid ist ein US-amerikanischer YouTuber, der seit Jahren auf dem Balkan lebt. Er hat unter anderem Videos gedreht, in denen er mit einem alten Yugo durch die Region fährt. Der Yugo ist ein Kleinwagen aus dem früheren Jugoslawien. Im Podcast Inkubator erzählt er, wie seine aktuelle Serie entstand.

Reid sagt, er habe es immer spannend gefunden, kaputte Dinge zu reparieren. Erst waren es Autos, weil er sich Autos leisten konnte. Dann kaufte er eine Ruine im kroatischen Wald. Der Plan: das Haus nur aufräumen, ohne Strom darin leben, wie der Philosoph Henry David Thoreau in seinem Buch Walden. Fünf oder sechs Folgen.

Ich lese das als Logline auf zwei Ebenen. Über dem ganzen Kanal steht ein Satz, der bleibt: Ich repariere kaputte Dinge. Unter jeder Serie steht ein eigener Satz, der sich ändern darf. Reids Serie wuchs, weil die Zuschauer schon nach der ersten Folge schrieben, sie könnten es kaum erwarten, das fertige Haus zu sehen. Aus „aufräumen“ wurde ein kompletter Umbau. Der Kanal-Satz blieb derselbe.

Reid zeigt auch, wie bewusst man das Hindernis wählen kann. Als er die Ruine zum ersten Mal sah, dachte er sinngemäß: Volltreffer, perfekt. Je schwieriger, desto besser. Seine Begründung: Das Publikum sieht gern, wenn jemand kämpft. Hier liegt auch eine Grenze. Reid erzählt, er mache Arbeiten am Haus manchmal in der falschen Reihenfolge, damit die Folgen weiterlaufen. Wer Hindernisse nur noch für die Kamera baut, riskiert, dass die Zuschauer es merken.

Die Idee, ein Werk auf einen Satz zu bringen, ist alt. Lajos Egri schrieb 1942 ein Lehrbuch für Theaterautoren. Er verlangte für jedes Stück eine Prämisse: einen Satz aus Figur, Konflikt und Ende. Sein Beispiel: „Geiz führt zu Verschwendung.“ Ein Stück mit zwei Prämissen sei zwangsläufig verwirrt, schreibt er. Man könne nicht in zwei Richtungen zugleich gehen. Für dich heißt das: ein Video, eine Logline.

Typische Fehler

1. Du schreibst ein Thema statt eines Satzes. „Ein Video über Fehler im Online-Dating“ ist ein Thema. Es fehlen Problem, Hindernis und Ende.

2. Zwei Videos in einem Satz. Brauchst du ein „und außerdem“, stecken zwei Ideen drin. Mach daraus zwei Loglines und wähl eine.

3. Kein Hindernis. Ohne Hindernis gibt es keine Spannung. Frag dich: Was könnte schiefgehen? Gibt es ein Zeitlimit?

4. Ein Ende ohne Überraschung. Wenn der Weg genauso aussieht, wie jeder ihn erwartet, fehlt der Grund, bis zum Schluss zu schauen. Such den Teil, den du selbst noch nicht kennst.

5. Der Satz verschwindet in der Schublade. Die Logline hilft nur, wenn du sie beim Dreh und im Schnitt wirklich liest. Mace hat sie deshalb auf Papier dabei.

Übung: deine Logline in 15 Minuten

  1. Nimm deine nächste Idee. Am besten eine, für die du schon ein Videokonzept geschrieben hast.
  2. Schreib die vier Teile aus (5 Minuten). Problem, Absicht, Hindernis mit Zeitlimit, Lösung. Ganze Sätze, so lang du willst.
  3. Prüf das Ende. Was ist unvermeidlich? Was könnte überraschen? Fällt dir nichts Überraschendes ein, notier eine Frage, die du beim Dreh klären willst.
  4. Kürz auf etwa 25 Wörter (5 Minuten). Streich zuerst Adjektive, dann Nebensätze. Dann alles, was nicht zu einem der vier Teile gehört.
  5. Lies den Satz einem Freund vor. Kann er dir danach sagen, worum es im Video geht? Wenn nicht, kürz weiter oder klär das Problem.
  6. Nimm den Satz mit. Auf einen Zettel, als Sperrbildschirm oder oben ins Skript. Lies ihn vor dem Dreh und vor dem Schnitt.

Wer hier schreibt

Oliver Bayer

Oliver Bayer

Sammelt, was erfolgreiche Creator anders machen, und übersetzt es in einen Ablauf, den du für jedes Video nutzen kannst.

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