Teil von Storytelling · Vom Skript zum Schnitt
Der Schriftsteller George Saunders schlägt ein Gedankenexperiment vor. Stell dir vor, du gehst zu einem Date und bist unsicher. Also nimmst du Karteikarten mit. „19:00 Uhr: nach Kindheitserinnerungen fragen.“ „19:15 Uhr: Outfit loben.“ Jedes Mal, wenn du auf die Karten schaust, merkt dein Gegenüber: Du bist nicht bei ihm. Und es hat recht.
Saunders hat unter anderem den Booker Prize gewonnen, einen der bekanntesten Literaturpreise. Seine Pointe, sinngemäß: „Ein Plan ist bequem. Mit einem Plan müssen wir nicht mehr denken, nur ausführen.“ Aber ein Gespräch funktioniert so nicht, schreibt er, und ein Kunstwerk auch nicht.
Drehbuch oder spontan, das ist die Frage, ob du deine Geschichte vor dem Dreh planst oder sie beim Dreh und im Schnitt findest. Vier Menschen, die davon leben, antworten verschieden. Hier siehst du, was jede Antwort kostet und welche zu deinem nächsten Video passt.
Johnny Harris: beide Extreme ausprobiert
Johnny Harris war Videojournalist bei der Nachrichtenseite Vox und macht heute lange Erklärvideos auf seinem eigenen YouTube-Kanal. In einem Podcast erzählt er, wie seine Arbeitsweise hin und her schwang.
Am Anfang: hinfahren und schauen. Harris fuhr los und ließ die Geschichte zu sich kommen, wie es viele Dokumentarfilmer tun. Das lag auch an fehlender Vorbereitung, sagt er. Aber es war nützlich. Die eigentliche Story-Arbeit machte er dann im Schnitt.
Dann: alles planen. Für seine große Vox-Serie plante er jede Geschichte vorher durch: diese Drohnenaufnahme, diesen Satz von jenem Gesprächspartner. Seine Bilder wurden dadurch viel besser. Aber nach drei, vier Jahren merkte er, dass er die Geschichte in sein vorgebautes Gerüst presste. Den Höhepunkt erreichte das 2018 in Hongkong. Er wollte dort alle Erklärungen, Daten und Fakten vor Ort in die Kamera sprechen. Er bekam alle Aufnahmen. Aber die Geschichte ließ sich danach nicht mehr formen. Vor Ort dachte er außerdem mehr an seinen nächsten Auftritt vor der Kamera als an das, was um ihn herum passierte.
Heute: vor Ort erleben, am Schreibtisch bauen. Vor Ort reagiert er nur noch und sammelt Erlebnisse. Zu Hause lässt er alles sacken, schreibt den Text Wort für Wort und spricht ihn im Studio ein. Vor einer Reise nach Finnland legt er bewusst nicht einmal fest, was er sagen will.
Sein Grund: Draußen ändert jedes Gespräch seine Meinung. Ein Plan vom Schreibtisch entsteht ohne das Material. Wissen sammelt er trotzdem vorher. Vor einem Video über Saudi-Arabien las er Bücher und sprach mit Fachleuten. Story-Arbeit machte er keine. Für Harris sind Wissen und Erzählen zwei Dinge. Erzählen heißt für ihn, chaotische Informationen in eine feste Reihenfolge zu bringen.
Eine Ausnahme gibt er zu. Bei Geschichtsvideos ist die Reihenfolge schon da, und das erleichtert ihn. Mit der Struktur zu kämpfen sei brutal.
Video ohne Skript drehen: Van Neistat
Van Neistat ist Filmemacher und der ältere Bruder des YouTubers Casey Neistat. In einem seiner Videos repariert er eine kaputte Seilrutsche auf einem Spielplatz, ohne zu fragen. Wie er daraus eine Geschichte mit einem unsichtbaren Gegner macht, steht in Informations-Diät.
Weil er dort nichts kontrollieren konnte, ging er in drei Schritten vor:
- Eine Idee haben und drehen. Ohne Skript, weil noch niemand weiß, was passiert.
- Die Geschichte schreiben. Aus allem, was er jetzt weiß.
- Nachdrehen, was das Skript verlangt. Eine Drohnenaufnahme vom Haus des Hausmeisters gab es nicht. Er schrieb sie ins Skript und drehte sie später.
Der dritte Schritt macht den Unterschied. Die Geschichte wird nicht ans Material angepasst. Das Material wird an die Geschichte angepasst. Neistat will die Geschichte so gut schreiben, dass sie fast ohne Bild funktioniert, wie ein Podcast.
Neistat sagt, er habe drei oder vier solcher Arbeitsweisen und wähle je nach Video. Die anderen beschreibt er nicht.
Daniel Mace: ein Satz, zwei Seiten
Daniel Mace dreht Filme für MrBeast. Er liegt zwischen den Polen. Vor dem Dreh schreibt er einen Satz als Kompass und zwei Seiten mit den Abschnitten der Geschichte. Alles andere findet er vor Ort, und das eigentliche Skript entsteht zum größten Teil im Schnitt. Wie das im Einzelnen aussieht, steht in Story planen ohne Drehbuch.
George Saunders: ohne Plan, mit vielen Durchgängen
Saunders schreibt Kurzgeschichten. In seinem Buch A Swim in a Pond in the Rain (deutsch: Bei Regen in einem Teich schwimmen) erklärt er, wie. Du brauchst keine Idee, um eine Geschichte anzufangen, schreibt er. Nur einen Satz. Dann liest du ihn, änderst ihn, liest wieder. Immer wieder.
Er vergleicht das mit Bauklötzen, die er mit seinen Töchtern ohne Plan zusammensteckte. Trotzdem entstand ein Gebilde. Hätten sie es geplant, wäre es weniger geworden. Ein Werk muss sein Publikum überraschen, schreibt Saunders. Das kann es nur, wenn es vorher seinen Macher überrascht hat.
Van Neistat sagt über die Wendung in seinem Seilrutschen-Video fast dasselbe: Sie verschwendet die Zeit der Zuschauer nicht, weil sie überrascht. Und er selbst war beim Machen überrascht.
Was alle vier vorher festlegen
Auf den ersten Blick widersprechen sich die vier. Doch keiner legt vorher fest, was die Geschichte bedeutet, und marschiert stur darauf zu. Und jeder legt etwas anderes fest:
- Harris sammelt Wissen und legt das Packaging fest. Das Plakat zum Saudi-Video entwarf er vorher. Mehr dazu in Titel und Thumbnail.
- Van Neistat hat eine Idee und schreibt, bevor er schneidet.
- Mace legt die Richtung fest, nicht den Weg.
- Saunders legt nichts fest, aber überarbeitet ohne Ende.
Geschrieben wird bei allen. Die Frage ist nur, wann.
Welche Arbeitsweise passt zu deinem Video?
Drei Fragen helfen bei der Entscheidung.
Kannst du es wiederholen? Ein Tutorial oder ein Kommentar lässt sich beliebig oft aufnehmen. Dann schreib vorher. Ein Beispiel: Eine Gründerin, nennen wir sie Olivia, erklärt „Fünf Fehler im ersten Angebot an einen Kunden“. Sie kennt jeden Fehler schon. Ein Skript spart ihr Takes und hält den roten Faden.
Kennst du den Ausgang? Bei einem Selbstversuch nicht. Dann nimm einen Kompass mit und schreib danach. Ein Beispiel: Olivia geht zu einem Speed-Networking-Abend. Wer mit wem spricht, weiß sie vorher nicht. Ein Skript würde sie zu den Karteikarten aus Saunders‘ Date machen.
Steht die Reihenfolge schon fest? Bei einer Fallstudie oder einer Chronik ja. Dann ist Planen leicht, wie bei Harris‘ Geschichtsvideos.
Ein Beispiel aus einer anderen Nische: Ein Kanal über YouTube-Strategie analysiert das erfolgreichste Video eines anderen Kanals. Alles liegt vor, das Skript kann vorher stehen. Begleitet er einen Creator bei dessen erstem Dreh, legt er nur die Frage fest, die das Video beantworten soll. Die Geschichte schreibt er danach.
Grenzen
Praktiker, keine Studien. Harris ist im selben Jahrzehnt in allem besser geworden, nicht nur im Planen. Ob seine Videos wegen der Arbeitsweise besser wurden, lässt sich nicht trennen. Und das Urteil darüber fällt er selbst.
Saunders schreibt Romane und Kurzgeschichten. Er kann jeden Satz beliebig oft ändern. Ein Drehtag kommt nicht wieder. Deshalb braucht ein Creator mehr Plan als ein Schriftsteller, mindestens einen Kompass.
Übung: Wann schreibst du?
- Nimm dein nächstes Video. Schreib in einem Satz auf, worum es geht.
- Beantworte die drei Fragen. Wiederholbar? Ausgang bekannt? Reihenfolge fest?
- Wähl deinen Zeitpunkt. Vorher schreiben, danach schreiben oder beides wie Van Neistat.
- Leg fest, was du vorher festlegst. Mindestens die Frage, die das Video beantwortet, und Titel und Thumbnail. Den Rest so knapp wie möglich.
- Plan den Nachdreh ein. Halte dir nach dem ersten Schnitt eine Stunde frei für Aufnahmen, die dir dann fehlen.