Teil von Storytelling · Teil 9 von 12
Du weißt, was deine Geschichte beweisen soll. Du hast eine Figur, ein Hindernis, ein Ende. Im Kopf ist das Video fertig.
Dann kommt der Drehtag. Die Sätze klingen vor der Kamera steif. Das Wichtigste passiert, als die Kamera aus ist. Und im Schnitt liegen drei Stunden Material vor dir, aus denen keine Geschichte werden will. Zwischen der Geschichte im Kopf und dem Video auf YouTube liegen drei Stationen: Skript, Dreh und Schnitt. An jeder kann die Geschichte verloren gehen.
Ein Videoskript ist der Text deines Videos, ergänzt um das, was man dabei sieht. Es kann Wort für Wort ausgeschrieben sein oder nur aus ein paar Stichpunkten bestehen. Wie viel du vorher schreibst, hängt vom Video ab. Hier siehst du, wie du ein Video-Skript schreibst, wann du es schreibst und wie die Geschichte heil durch Dreh und Schnitt kommt.
Fünf Stationen von der Geschichte zum Video
1. Kernthese. Was soll dein Video beweisen? Ein Satz, der hinter der ganzen Geschichte steht. Wie du ihn findest, steht im Teil davor: Kernaussage. Bei meinem Dating-Kanal habe ich vor jedem Video die Kernthese aufgeschrieben und einen roten Faden festgelegt.
2. Logline. Worum geht es im Video, in einem Satz? Problem, Absicht, Hindernis, Lösung. Wie der Filmemacher Daniel Mace, der für MrBeast dreht, diesen Satz baut, steht in Die Logline. Wie du daraus eine ganze Seite machst, steht in Das Videokonzept.
3. Skript. Was sagst du, und was sieht der Zuschauer dabei? Hier wird aus der Geschichte Sprache und Bild.
4. Dreh. Was passiert wirklich? Bei vielen Videos weißt du das vorher nicht. Dann hilft dir die Logline beim Dreh wie ein Kompass. Mehr dazu in Story planen ohne Drehbuch.
5. Schnitt. Was bleibt drin, und in welcher Reihenfolge? Im Schnitt wird die Geschichte oft zum zweiten Mal geschrieben.
Die Reihenfolge ist nicht fest. Manche Creator schreiben das Skript erst nach dem Dreh. Station 1 und 2 stehen aber bei allen vorher.
Wie viel Skript brauchst du?
Es gibt kein Skript, das für jedes Video passt. Erfolgreiche Creator arbeiten ganz verschieden.
Der Filmemacher Daniel Mace schreibt vor dem Dreh nur zwei Seiten. Das eigentliche Skript entsteht bei ihm zum größten Teil im Schnitt. Der Videojournalist Johnny Harris schreibt seinen Text Wort für Wort, aber erst, wenn er von der Reise zurück ist. Der Filmemacher Van Neistat dreht zuerst, schreibt dann die Geschichte und dreht danach noch nach, was dem Skript fehlt. Wann welche Arbeitsweise passt, steht in Drehbuch oder spontan?.
Eine einfache Faustregel, meine Einschätzung: Je besser du vorher weißt, was passiert, desto mehr kannst du vorher schreiben. Ein Erklärvideo oder ein Kommentar lässt sich fast ganz ausschreiben. Ein Selbstversuch nicht.
Wenn du ausführlich schreibst, hilft eine einfache Form: links der Text, rechts das Bild dazu. Wie das aussieht, steht in Das Skript in zwei Spalten.
YouTube-Skript schreiben fürs Ohr
CommonLuke macht YouTube-Videos über Programmier-Projekte. Für ein Video nimmt er oft viele Stunden auf, während er programmiert. Bei einem Video waren es laut Bog 14 Stunden Rohmaterial für 14 Minuten Video. Der Tech-YouTuber Bog hat ihn zu einem Live-Gespräch in seine YouTube-Community eingeladen. Dort erklärt Luke, wie er aus so viel Material ein Video mit Geschichte macht.
Er denkt zuerst an den Ton. Beim Schreiben fragt er sich: Könnte jemand nur zuhören und trotzdem verstehen, was in dem Projekt passiert ist? So, als würde er es einem Freund erzählen. Sein Maßstab ist jemand, der nebenbei abwäscht und gar nicht auf den Bildschirm schaut. Die Bilder sind für ihn nur eine Hilfe obendrauf.
Daraus ergibt sich seine Reihenfolge:
- Ein knappes Skript schreiben, das ohne Bild funktioniert.
- Das Voiceover aufnehmen, also den Text, den er aus dem Off spricht.
- Das Voiceover schneiden, ganz ohne Bild. Es soll allein als Ton funktionieren.
- Für jeden einzelnen Satz ein Bild suchen: aus den Aufnahmen, als Meme, als Standbild oder als eigene Animation.
Ein Beispiel: Ein Vlogger, nennen wir ihn Sami, macht ein Kommentarvideo: „Warum die zweite Woche jeder Challenge die schwerste ist.“ Es gibt kein Ereignis, das man filmen könnte. Die Geschichte steckt ganz im Text. Hier lohnt sich Lukes Weg. Erst steht das Skript und funktioniert beim bloßen Zuhören. Dann kommen die Bilder: ein Kalender mit durchgestrichenen Tagen, ein Wecker, der um sechs Uhr klingelt, eine Einblendung mit der Antwort.
Dass Lukes erstes Video ohne Skript kaum lief und mit Skript neu hochgeladen ein Erfolg wurde, steht in Der YouTube-Algorithmus. Warum der erste Satz für halbe Zuhörer besonders zählt, steht in Der erste Satz.
Oder erst schneiden, dann schreiben?
Das YouTube-Duo Sticks dreht Kurzfilme über andere YouTuber. Es arbeitet genau andersherum. Bevor es auch nur ein Wort Voiceover schreibt, schneidet es das ganze Video nur mit Bild, Musik und Schnitt. Erst danach kommt das Voiceover. Wie das geht, steht in Storytelling im Schnitt.
Beide Wege widersprechen sich nur scheinbar. Meine Einschätzung: Entscheidend ist, was bei deinem Video die Geschichte trägt. Bei Luke zeigen die Aufnahmen stundenlanges Programmieren. Sie belegen, dass etwas passiert ist, aber sie erzählen es nicht. Bei Sticks erzählen die Bilder selbst.
Ein Beispiel: Derselbe Vlogger dreht eine Challenge: „Drei Freunde bestimmen, wohin ich dieses Wochenende reise.“ Hier passiert vor der Kamera etwas. Das Gesicht der Freundin, als sie den ersten Zettel aufklappt, sagt mehr als jeder Satz aus dem Off. Erst schneiden, dann schreiben.
Wo die Geschichte verloren geht
An drei Stellen geht die Geschichte oft verloren.
Im Skript: Du erzählst, statt zu zeigen. „Der Tag war anstrengend“ ist ein Satz. Ein Bild davon ist eine Szene. Wie du Behauptungen in Bilder übersetzt, steht in Zeigen statt erzählen.
Beim Dreh: Du arbeitest den Plan ab, statt hinzuschauen. Die beste Szene ist oft die, die nicht im Skript stand. Und ein Gefühl, das du nicht hattest, lässt sich später nicht ins Video schreiben. Mehr dazu in Das Leben erzählen lassen.
Im Schnitt: Du behältst, was dir gefällt. Eine Szene, die dich viel Arbeit gekostet hat, ist noch keine Szene, die der Zuschauer braucht. Mehr dazu in Kill your darlings.
Alle drei haben dieselbe Ursache. Der rote Faden aus Station 1 und 2 ist irgendwo unterwegs liegen geblieben. Wer seine Logline beim Schreiben, beim Dreh und vor dem Schnitt noch einmal liest, merkt das früher.
Sieben Werkzeuge für Skript, Dreh und Schnitt
- Story planen ohne Drehbuch: Daniel Mace nutzt seine Logline als Kompass beim Dreh. Dazu seine vier Teile einer großen Geschichte, das Eisberg-Prinzip und warum er nur zwei Seiten schreibt.
- Drehbuch oder spontan?: Johnny Harris, Van Neistat, Daniel Mace und der Schriftsteller George Saunders im Vergleich. Wann du planst und wann du findest.
- Das Skript in zwei Spalten: Wie Johnny Harris Text und Bild nebeneinander schreibt. Mit Vorlage.
- Zeigen statt erzählen: Warum ein Bild mehr sagt als jede Zahl und wie du abstrakte Sätze in Szenen übersetzt.
- Kill your darlings: Wie du dich von Szenen trennst, die du liebst, die dem Zuschauer aber nicht helfen.
- Das Leben erzählen lassen: Warum eine erzwungene Verwandlung im Video wie ein Sketch wirkt.
- Storytelling im Schnitt: Wie Sticks erst schneiden und dann texten, und was J- und L-Cuts sind.
Wie du ein Video beendest, steht in Outro im Video. Mehr zum Handwerk des Schneidens findest du beim Erfolgsfaktor Schnitt.
Grenzen
Ein Skript rettet keine schwache Idee. Wenn das Video im Kern nicht interessant ist, macht es auch das beste Skript nicht dazu. Woran du eine gute Idee erkennst, steht in Videoideen finden.
Die Quellen sind Praktiker. CommonLuke ist ein einzelner Kanal. Sticks, Harris und Mace berichten aus ihrer eigenen Arbeit, nicht aus Studien.
Die fünf Stationen sind meine Einteilung. Keine der Quellen nennt genau diese fünf. In der Praxis laufen sie oft ineinander.
Übung: dein Video in fünf Stationen
- Schreib deine Kernthese auf. Ein Satz: Was soll das Video beweisen?
- Schreib die Logline darunter. Problem, Absicht, Hindernis, Lösung, etwa 25 Wörter.
- Entscheide, wer die Geschichte trägt. Deine Stimme oder das Bild? Danach richtet sich die Reihenfolge: erst Text oder erst Schnitt.
- Mach den Abwasch-Test. Lies dein Skript jemandem vor, der nicht auf den Bildschirm schaut. Versteht er die Geschichte? Wenn das Bild tragen soll: Schneide eine Szene ohne Ton und frag, ob man sie trotzdem versteht.
- Nimm die Logline mit zum Dreh. Lies sie bei jeder Überraschung.
- Lies sie vor dem Schnitt noch einmal. Alles, was nicht zu ihr passt, kommt auf einen Stapel „vielleicht raus“.