Teil der Content-Recherche · Außerhalb jeder Nische
Chris Tyson war der erste Abonnent von MrBeast und ist in vielen seiner Videos zu sehen. MrBeast heißt eigentlich Jimmy Donaldson und betreibt einen der größten YouTube-Kanäle der Welt. Er schreibt: Ich habe nie jemanden getroffen, der Menschen so zum Lachen bringt wie Chris.
Warum Chris so lustig ist, verstand MrBeast erst, als er ein paar Jahre mit ihm zusammenwohnte. Chris schaut unglaublich viele Zeichentrickserien und albernes Zeug. Er kann fast jeden Satz aus jeder Folge von SpongeBob zitieren. Aus diesem Vorrat holt er seine Witze.
Dann stellt sich MrBeast einen anderen Chris vor. Der hat fünf Jahre lang nur Börsen- und Anlagetipps konsumiert. Wäre er genauso lustig? Nein, schreibt MrBeast. Nicht einmal zu 20 Prozent.
Die Geschichte steht in einem Handbuch, das MrBeast für neue Mitarbeiter geschrieben hat und das später öffentlich wurde. Er nennt das Prinzip dahinter die Informations-Diät. Hier erfährst du, wie sie funktioniert, wie du deine eigene zusammenstellst und wo das Prinzip an Grenzen stößt.
Was MrBeast mit Informations-Diät meint
Informations-Diät heißt bei MrBeast: alles, was du in Social Media konsumierst, auf YouTube und im Fernsehen schaust, und die Spiele, die du spielst. Diät heißt hier nicht weniger essen. Es heißt: bewusst auswählen, was reinkommt.
Wer Videos schreibt oder Regie führt, soll seine Diät beobachten und verbessern. Sonst fehlt ihm das Gespür für die Kultur, schreibt MrBeast. Er meint damit, was die Leute gerade bewegt. Die Leute vor der Kamera schauen Zeichentrick, damit sie lustig sind. Die Leute, die Videos schreiben, sollen Inspiration aufsaugen.
Was gehört dazu? MrBeast zählt auf: die neuesten Memes, also Witzbilder und Sprüche, die gerade im Netz kursieren. Was bei Prominenten los ist. Was auf YouTube gerade gut läuft. Was andere Creator machen. Was auf TikTok angesagt ist. Und zwar jeden Tag.
Wie aus Konsum eine Idee wird
MrBeast erklärt den Mechanismus mit einer ausgedachten Frucht. Angenommen, mitten in Australien wächst eine lila Frucht. Wer sie isst, wird zwei Fuß größer, also rund 60 Zentimeter. Bis eben wusstest du nichts davon. Jetzt weißt du es. Ab jetzt kann die Frucht in deinem Hinterkopf warten, bis das eine Video kommt, für das du sie brauchst. Vielleicht dauert das 10 Videos, vielleicht 100.
Sein Kernsatz, Wort für Wort betont: Du kannst dich nicht von Dingen inspirieren lassen, von denen du nicht weißt, dass es sie gibt.
Wie das in der Praxis aussieht, zeigt der Filmemacher Van Neistat, älterer Bruder des YouTubers Casey Neistat. In einem seiner Videos repariert er eine kaputte Seilrutsche auf einem Spielplatz, ohne Erlaubnis. Der Hausmeister Jerry wohnt direkt daneben. Neistat zeigt ihn nie. Er macht ihn zu einer Figur, vor der man Angst hat, ohne sie zu sehen.
Dafür griff er auf zwei alte Geschichten zurück. Die erste ist Boo Radley aus dem Roman Wer die Nachtigall stört: ein Nachbar, vor dem die Kinder Angst haben, der sich am Ende als guter Mensch entpuppt. Wann ihm das eingefallen ist, weiß Neistat nicht mehr. Er sagt nur: Das langsame Schreiben und Schneiden ließ Raum dafür. Die zweite ist eine Szene aus dem Film Stand By Me. Ein Junge flieht über einen Schrottplatz vor einem Hund. Die Szene hat sich ihm eingebrannt. Sie kommt mit drei oder vier Einstellungen aus. Genauso baute Neistat seine Szene mit Jerry: aus drei Einstellungen.
Ein Roman und ein alter Film, die er irgendwann gelesen und gesehen hatte, kamen beim Schneiden als Idee zurück.
Rick Rubin sieht das ähnlich. Er hat als Musikproduzent mit Johnny Cash, Adele und den Beastie Boys gearbeitet und ein Buch über Kreativität geschrieben, The Creative Act. Sein Bild: „Wir sind alle Antennen für kreative Gedanken.“ Ist die Antenne nicht fein eingestellt, gehen die Signale im Rauschen unter.
Joseph Sugarman, ein amerikanischer Werbetexter, beschreibt denselben Vorgang als Brutzeit. Zuerst sammelst du alles, was du über dein Thema weißt, und denkst gründlich darüber nach. Dann hörst du auf. Du machst etwas Schönes, gehst spazieren oder triffst einen Freund, und denkst nicht an die Aufgabe. Dein Unterbewusstsein arbeitet weiter. Irgendwann, beim Spazierengehen oder unter der Dusche, ist die Idee plötzlich da. Dann setzt du dich sofort hin und schreibst sie auf.
Fürs Video heißt das: Ideen entstehen in zwei Schritten. Erst musst du etwas aufnehmen. Dann brauchst du eine Pause, in der du nichts aufnimmst.
Stell deine Diät zusammen
Teil deinen Konsum in drei Bereiche:
- Deine eigene Nische: Kanäle mit deinem Thema. Hier siehst du, was gerade funktioniert.
- Nachbar-Nischen: Themen, deren Zuschauer Ähnliches wollen wie deine. Mehr dazu in Nachbar-Nischen.
- Alles andere: Zeichentrick, Fußball, Dokus, Romane, alte Filme, Memes.
Die meisten Creator konsumieren fast nur den ersten Bereich. Dann sehen ihre Ideen aus wie die der Konkurrenz. Der dritte Bereich ist der, aus dem bei Chris die Witze und bei Neistat die Szenen kamen.
Ein Beispiel: Ein Sanitärbetrieb macht YouTube-Videos über Wärmepumpen. Das Team schaut fast nur andere Heizungskanäle. Es nimmt sich vor, jede Woche auch drei Dinge ohne Bezug zur Heizung zu schauen. Darunter eine Doku über die Formel 1. Ein Boxenstopp dauert dort wenige Sekunden, jeder im Team hat genau einen Handgriff. Daraus wird: „Boxenstopp im Heizungskeller: Wie schnell schafft unser Team den Heizungstausch?“
Ein zweites Beispiel: Ein Dating-Creator schaut eine Tierdoku über Balztänze. Pfauen schlagen ihr Rad, andere Vögel bauen Nester, um Weibchen zu beeindrucken. Daraus wird: „Was Pfauen über das erste Date verraten“.
Fürs Video heißt das: Plan den dritten Bereich bewusst ein, so wie der Sanitärbetrieb. Ganz egal, ob du ihn gerade interessant findest. Du weißt vorher nicht, welche lila Frucht du später brauchst.
Halte fest, was zurückkommt
Ein Einfall, den du nicht aufschreibst, ist oft nach Minuten weg. Sugarman sagt deshalb: Sobald die Idee kommt, sofort aufschreiben.
Jenny Hoyos macht kurze Videos auf YouTube, ihr Kanal hat rund 8 Millionen Abonnenten. In einem Interview mit dem Podcaster Jay Clouse erzählt sie: Sie hat in einem Google-Dokument eine Liste mit 1.000 Ideen. Umsetzen wird sie davon etwa zehn.
Ihre besten Ideen kommen nach eigener Aussage aus ihrem Alltag. Einmal aß sie Ratatouille, eines ihrer Lieblingsgerichte. Sie ärgerte sich, dass es 20 Dollar kostet, es zu kochen. Dann dachte sie: Kann ich nicht einen Garten anlegen und für fünf Dollar unendlich Ratatouille haben? Das Video, in dem sie den Garten anlegt, hat nach ihrer Erinnerung rund 30 Millionen Views.
Auch das ist Konsum: ein Gericht essen, sich über den Preis ärgern. Entscheidend war, dass Hoyos den Gedanken bemerkte und als Video-Idee erkannte.
Aufschreiben allein reicht nicht. Austin Kleon schreibt Bücher über Kreativität und führt jeden Morgen Tagebuch. Viele lesen ihr Tagebuch nie wieder, sagt er. Er schon. Sein Rat in Gib nicht auf!: „Setz dir einen regelmäßigen Termin, zu dem du genau betrachtest, worauf du geachtet hast.“
Wie du deine Liste führst, damit nichts verloren geht, steht in Außerhalb jeder Nische. Videos, die dir auffallen, speicherst du am besten in Playlists: Study-Playlists.
Drei typische Fehler
1. Nur die eigene Nische konsumieren. Das ist der Chris, der fünf Jahre lang nur Anlagetipps schaut. Du kennst dann alles, was deine Konkurrenz auch kennt, und sonst nichts.
2. Nie aufhören, Neues aufzunehmen. Wer jede freie Minute mit dem Handy verbringt, lässt Sugarmans zweiten Schritt aus. Die Idee braucht eine Pause, in der nichts Neues reinkommt.
3. Scrollen als Recherche ausgeben. Drei Stunden Feed ohne eine einzige Notiz sind keine Diät, sondern Zeitvertreib. Der Unterschied ist, ob am Ende etwas auf deiner Liste steht.
Wo das Prinzip an Grenzen stößt
Druck oder Ruhe? Sugarman schreibt: Die Brutzeit funktioniert am besten mit etwas Druck, etwa einer Frist oder dem eigenen Ehrgeiz. Ohne Druck arbeitet das Gehirn langsamer. Van Neistat sagt das Gegenteil: Die besten Ideen kommen, wenn alles erledigt ist und du entspannt bist. Er beruft sich dabei auf den Regisseur David Lynch und die Regisseurin Jane Campion. Beide Sichtweisen beruhen auf eigener Erfahrung, nicht auf Studien. Probier aus, was bei dir funktioniert.
MrBeast schreibt für sein Team. Sein Handbuch richtet sich an Leute, die riesige Unterhaltungsvideos für ein sehr breites Publikum machen. Er schreibt selbst dazu: Das ist kein Regelwerk, nichts darin soll wörtlich genommen werden. Wer Lernvideos für eine kleine Fachnische macht, braucht vielleicht weniger Promi-News und mehr Fachbücher.
Dein Geschmack ist nicht der deiner Zuschauer. Was du gern schaust, ist nicht automatisch, was deine Zuschauer gern schauen. Die Diät füllt deinen Vorrat. Ob eine Idee daraus zu deinem Publikum passt, prüfst du mit der Zielgruppenanalyse. Und welche Idee du am Ende drehst, entscheidest du beim Hebel Idee.
Übung: Dein Diät-Protokoll
- Schreib eine Woche lang auf, was du konsumierst. Alles, was länger als zehn Minuten dauert: Videos, Serien, Podcasts, Bücher, Spiele.
- Ordne jeden Eintrag einem Bereich zu: eigene Nische, Nachbar-Nische, alles andere.
- Schau dir die Verteilung an. Ist der dritte Bereich fast leer, plan für die nächste Woche mindestens ein Drittel deiner Zeit dafür ein.
- Schreib jeden Abend einen Satz: Was davon könnte ein Video werden? Auch wenn die Antwort an manchen Abenden „nichts“ ist.
- Plan eine Pause ohne Input ein. Einen Spaziergang ohne Kopfhörer, eine Dusche ohne Podcast. Notier, was dir dabei einfällt.