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Analyse, Idee · 14.10.2026 · Oliver Bayer

Warum gute Videos floppen: So testet der YouTube-Algorithmus ein neues Video

Ein neues Video erreicht zuerst Zuschauer, die nicht passen. Ob es danach die große Gruppe der Zielgruppe erreicht, ist offen.

Teil von Videoideen finden · Die beste Idee wählen

Auf meinem Dating-Kanal sind auch gute Videos gefloppt. Manchmal lag es nicht am Video. Es war Pech: Die ersten rund 1.000 Leute, die es gesehen haben, passten nicht zur Zielgruppe des Videos.

Um das zu verstehen, musst du wissen, wie der YouTube-Algorithmus arbeitet. Der YouTube-Algorithmus ist das Empfehlungssystem von YouTube. Es entscheidet, welche Videos ein Zuschauer auf der Startseite, neben einem laufenden Video und im Shorts-Feed sieht. Laut YouTube bringen diese Empfehlungen mehr Views als Abonnements oder die Suche.

Hier liest du, wie YouTube selbst beschreibt, wie ein neues Video getestet wird. Was davon belegt ist und was Erfahrung von Creatorn. Und was du daraus für deine Ideen ableitest.

Der Algorithmus sucht Zuschauer für dein Video

Cristos Goodrow ist bei YouTube für die Technik zuständig, als Vice President of Engineering. 2021 hat er im offiziellen YouTube-Blog erklärt, wie Empfehlungen funktionieren. Sein Kernsatz: Für fast jedes Video gibt es ein Publikum. Die Aufgabe des Empfehlungssystems ist es, dieses Publikum zu finden.

Dafür nutzt YouTube laut Goodrow vor allem diese Signale:

  • Klicks: Wer klickt, will das Video wahrscheinlich sehen. Ein Klick allein reicht aber nicht.
  • Wiedergabezeit: Welche Videos jemand schaut und wie lange.
  • Umfragen: YouTube fragt Zuschauer, wie sie ein Video fanden, mit einem bis fünf Sternen. Nur Zeit mit Videos, die vier oder fünf Sterne bekommen, zählt als wertvoll. Für alle anderen sagt ein Modell voraus, wie sie geantwortet hätten.
  • Teilen, Likes, Dislikes: Wer ein Video teilt oder liked, war im Schnitt eher zufrieden. Ein Dislike zeigt das Gegenteil.

Eine feste Formel gibt es nach Goodrow nicht. Wie wichtig jedes Signal ist, hängt vom einzelnen Zuschauer ab.

Die YouTube-Hilfe sagt es noch deutlicher: Das System bewirbt Videos nicht bei deinem Publikum. Es sucht Videos für dein Publikum, wenn es YouTube öffnet.

Paddy Galloway, einer der bekanntesten YouTube-Strategen, macht daraus ein Gedankenspiel. Sinngemäß: Würde morgen die ganze Welt nur noch sechs Stunden lange Videos mit schwarzem Bild anklicken, würde YouTube nur noch solche Videos zeigen. Der Algorithmus spiegelt, was Menschen tun.

Fürs Video heißt das: Es gibt kein Video, das „der Algorithmus“ gut findet. Es gibt nur Zuschauer, die es gut finden. Die Frage ist, ob YouTube sie findet.

So testet der YouTube-Algorithmus ein neues Video

Rene Ritchie ist bei YouTube Creator Liaison, also der Verbindungsmann zwischen YouTube und den Creatorn. In seiner Kolumne im YouTube-Blog hat er 2024 beschrieben, was nach dem Hochladen passiert:

  1. Ein neues Video hat theoretisch ein unbegrenztes Publikum.
  2. Zuerst reagieren meist deine regelmäßigen Zuschauer. Das gibt einen ersten Schub.
  3. Jeder, der schaut, hilft bei den nächsten Empfehlungen.
  4. Irgendwann ist diese Gruppe ausgeschöpft.
  5. YouTube gibt aber nie auf. Es testet das Video weiter. Neue Gruppen kommen dazu, etwa über die Suche, ein aktuelles Ereignis oder ein ähnliches Video, das gerade gut läuft. Dann beginnt alles von vorn.

Bei Shorts ist der Test noch direkter. Im Shorts-Feed gibt es kein Thumbnail, auf das man klickt. Das Video läuft einfach los. Ritchie hat den Leiter von YouTube Shorts, Todd Sherman, gefragt, warum viele Shorts erst ein paar Hundert oder Tausend Views bekommen und dann stehen bleiben. Die Antwort: Diese ersten Views sind der Test. YouTube schaut, ob die Leute dranbleiben oder weiterwischen. Der Feed ist ein Wettbewerb. Läuft ein Short schlechter als die anderen, kommt er kaum über diese ersten Views hinaus. Vielleicht startet er an einem anderen Tag durch.

Ablauf: neues Video, erste Zuschauer, Frage: Bleiben sie dran? Ja: mehr ähnliche Zuschauer. Nein: Pause, YouTube versucht es später wieder.

Eine feste Zahl nennt YouTube nicht. Wer behauptet, YouTube teste jedes Video mit genau 1.000 Leuten, erfindet eine Regel.

Warum gute Videos trotzdem floppen

Wenn die Reaktion der ersten Zuschauer entscheidet, wie es weitergeht, hängt viel daran, wer diese ersten Zuschauer sind. Bei mir waren es grob die ersten 1.000. Das ist meine Erfahrung, keine Zahl von YouTube. Passten diese Leute nicht zur Zielgruppe des Videos, konnte auch ein gutes Video floppen. Es lief dann bei den Falschen schlecht, bevor es die Richtigen erreichte.

Wann passiert das? Ritchie nennt einen Fall: Ein Video weicht vom üblichen Thema des Kanals ab. Dann mögen es deine jetzigen Zuschauer vielleicht nicht. Laut Ritchie kann es dann länger dauern, Zuschauer zu finden, die es mögen.

CommonLuke macht YouTube-Videos über Programmier-Projekte. Sein erstes Video war 40 Minuten lang und kaum geschnitten. Es ging um ein Schachspiel, das er programmiert hatte. Zwei Monate Arbeit steckten darin. Luke sagt sinngemäß: Ich habe gemerkt, dass der Algorithmus es versucht hat, aber es ging nirgendwo hin. Nach ein, zwei Wochen schrieb er ein Skript, schnitt das Video neu und lud es noch einmal hoch. Das funktionierte. Laut den Folien des Tech-YouTubers Bog ist das Schach-Video heute mit 656.000 Views Lukes meistgesehenes. Ob die erste Fassung Pech hatte oder schwächer war, weiß niemand. Luke hat beides geändert: die Fassung und den Zeitpunkt. Und er warnt: Das geht nur, solange dein Kanal sehr klein ist.

Bog selbst sagt über seine Videos sinngemäß: Man weiß es nie, bis man auf Veröffentlichen drückt. Was das für die Wahl deiner Idee heißt, steht in Die beste Idee auswählen.

Neuer Kanal: YouTube kennt deine Zuschauer noch nicht

Als ich meinen Dating-Kanal gestartet habe, habe ich 14 Videos pro Woche hochgeladen. Meine Erfahrung: YouTube braucht erst einmal Zeit, um die richtige Zielgruppe zu finden.

Das passt zu YouTubes Beschreibung. Der erste Schub kommt laut Ritchie von deinen regelmäßigen Zuschauern. Ein neuer Kanal hat noch keine. Und auf der Startseite zählt laut YouTube-Hilfe auch, wie oft jemand einen Kanal oder ein Thema schaut.

Ritchie gibt dazu einen Rat: Am schnellsten wächst ein Kanal, wenn jeder, der dein letztes Video mochte, ein ähnliches Video oder eine Fortsetzung bekommt. Du bleibst beim Thema und änderst die Umsetzung. Wer viele Themen ausprobiert, braucht länger.

Viele Videos machen YouTube dabei nicht schneller. Laut YouTube-Hilfe hängt das Wachstum der Views nicht davon ab, wie dicht du hochlädst. Mir ging es um etwas anderes: mehr Versuche. Jedes Video ist ein neuer Test bei neuen Zuschauern.

Was du daraus für deine Ideen ableitest

1. Ein Flop ist ein Ergebnis, kein Urteil über das Thema. Laut YouTube-Hilfe schadet ein schwaches Video deinem Kanal nicht. Die Views des Kanals sinken erst, wenn Zuschauer die meisten deiner Videos nicht mehr schauen, die ihnen empfohlen werden.

2. Teste ein gutes Thema mehrmals. Hat ein Thema bei anderen Kanälen nachweislich funktioniert und floppt es bei dir einmal, gib es nicht sofort auf. Versuch es mit einem neuen Blickwinkel, einem neuen Titel, einem neuen Einstieg. Woran du ein belegtes Thema erkennst, zeigt Die beste Idee auswählen.

3. Schreib vorher auf, was du erwartest. Nur dann erkennst du einen echten Flop. Ein Video, das klein bleiben sollte, ist kein Flop. Wie du die Wette aufschreibst, zeigt Das Ziel deines Videos.

4. Schau, wer zuerst geschaut hat. Ritchie empfiehlt die Klickrate im Abo-Feed. Dort wirkt kein Algorithmus. Sie zeigt, wie dein Kernpublikum reagiert. So siehst du eher, ob das Problem beim Thema, beim Titel, beim Thumbnail oder bei der Umsetzung liegt. Mehr zum Auswerten zeigt der Hebel Analyse.

Die Gegenposition: Pech ist selten die Erklärung

Galloway hält wenig vom Abwarten. Viele sagen nach einem schwachen Start: Ich gebe dem Video noch etwas Zeit. Galloway ändert dann lieber Thumbnail oder Titel. Sein Argument, sinngemäß: Das alte Thumbnail hat schlechte Daten. Ein neues hat noch gar keine. Und keine Daten sind besser als schlechte, denn die neuen könnten gut sein.

Auch YouTube selbst schiebt die Verantwortung zu den Zuschauern. Ritchie schreibt: Die Aufgabe des Algorithmus ist es, dem Publikum zu folgen. Also ist das auch deine Aufgabe.

Beides passt zusammen. Pech gibt es, gerade bei kleinen und neuen Kanälen. Aber es ist die letzte Erklärung, nicht die erste. Prüf zuerst, ob die Idee Belege hatte und ob Titel und Thumbnail die richtigen Leute ansprechen.

Übung: dein Flop-Protokoll

  1. Nimm deine letzten zehn Videos und markiere die drei schwächsten.
  2. Prüf die Idee: Gab es vorher Belege, dass Videos zu diesem Thema gut liefen? Ja oder nein.
  3. Prüf die ersten Zuschauer: In YouTube Studio siehst du, über welche Wege die Zuschauer kamen, etwa Startseite, Suche oder Abo-Feed. Wie war die Klickrate bei deinen Abonnenten?
  4. Entscheide für jedes Video: Belege, aber schwacher Start? Dann teste das Thema noch einmal mit neuem Blickwinkel und neuem Packaging. Keine Belege? Dann war es ein Experiment. Hak es ab.
  5. Schreib für dein nächstes Video auf, was du nach einem Tag und nach einer Woche erwartest.

Wer hier schreibt

Oliver Bayer

Oliver Bayer

Sammelt, was erfolgreiche Creator anders machen, und übersetzt es in einen Ablauf, den du für jedes Video nutzen kannst.

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