Teil von Storytelling · Die Mitte
„Ein Mann stand auf dem Dach eines Gebäudes mit 70 Stockwerken.“
Du rechnest schon damit, dass er springt, fällt oder gestoßen wird. Das sagt George Saunders. Saunders ist ein amerikanischer Schriftsteller und hat unter anderem den Booker Prize gewonnen. Seit 20 Jahren unterrichtet er an der Syracuse University, unter anderem einen Kurs über russische Kurzgeschichten.
Seine Folgerung: Die Geschichte soll auf diese Erwartung eingehen, aber sie nicht zu glatt erfüllen. Für Saunders ist eine Geschichte eine Folge solcher Momente: Eine Erwartung entsteht, dann wird sie aufgelöst. Immer wieder, wie ein Puls.
Eine Erwartung brechen heißt: Der Zuschauer rechnet mit einem bestimmten Ergebnis, und es kommt ein anderes. Das andere passt trotzdem zu dem, was er gesehen hat. Wie die große Wendung am Schluss funktioniert, steht in Überraschend, aber logisch. Hier geht es um die vielen kleinen Brüche in der Mitte des Videos.
Nicht zu eng, nicht zu lose
Saunders zerlegt jeden Schritt einer Geschichte in zwei Teile. Zuerst weckt der Erzähler eine Erwartung. Dann geht er darauf ein. Nicht zu eng, sonst wirkt alles linear und lustlos. Nicht zu lose, sonst läuft die Geschichte in eine zufällige Richtung.
Für ein Video heißt das:
- Zu eng: Alles kommt so, wie es angekündigt war. Der Zuschauer kann vorspulen, er verpasst nichts.
- Zu lose: Plötzlich passiert etwas, das mit nichts davor zu tun hat. Das überrascht, aber es fühlt sich billig an. Warum, steht in Überraschend, aber logisch.
- Dazwischen: Es kommt anders, und der Zuschauer denkt: Klar, eigentlich hätte ich es ahnen können.
Ein Muster weckt Erwartungen
Eine bewährte Art, eine Erwartung zu wecken, ist laut Saunders ein Muster. Sein Beispiel geht ungefähr so: Es waren einmal drei Söhne. Der erste zog los, um sein Glück zu suchen. Weil er ständig aufs Handy schaute, stürzte er von einer Klippe.
Jetzt beginnt der nächste Satz mit dem zweiten Sohn. Sofort erwartest du, dass auch er stirbt. Er lässt sein Handy zu Hause. Er sieht die Klippe und geht um sie herum. Dann träumt er singend davon, seiner Liebsten einen Antrag zu machen, und wird von einem Lastwagen überfahren.
Jetzt weißt du, worum es geht: um Unaufmerksamkeit. Saunders gibt zu, dass das ein bisschen befriedigt. Beim dritten Sohn wartest du nur noch darauf, auf welche Art er unaufmerksam wird. Ein Muster weckt also die Erwartung, dass es wiederkommt. Kommt es leicht verändert wieder, freut uns das, und wir lesen eine Bedeutung aus der Veränderung.
Ein Beispiel für einen Dating-Kanal: Ein Creator erzählt von drei ersten Dates. Bei jedem stellt er dieselbe Frage: „Was suchst du hier eigentlich?“ Beim ersten Date lacht sie und wechselt das Thema. Beim zweiten bekommt er einen Vortrag über Lebensziele. Beim dritten Date stellt sie ihm die Frage, bevor er sie stellen kann. Und er weiß keine Antwort.
Die Kluft: Wenn es anders kommt als erwartet
Robert McKee ist einer der bekanntesten Drehbuch-Lehrer. In seinem Buch Story beschreibt er denselben Moment aus Sicht der Figur. Die Figur tut etwas und erwartet eine bestimmte Reaktion. Die Welt reagiert aber stärker oder anders. Dazwischen reißt laut McKee eine Kluft auf: zwischen dem, was die Figur erwartet hat, und dem, was wirklich passiert.
Nur wenn sich so eine Kluft auftut und sich dadurch etwas ändert, nennt McKee es Handlung. Geschieht nur das Erwartete, nennt er es bloße Tätigkeit. Wer Kaffee holt und Kaffee bekommt, tut etwas ohne Folgen.
Jedes Mal, wenn sich die Kluft für die Figur auftut, tut sie sich laut McKee auch für das Publikum auf. Das ist der Moment für „Oh, mein Gott!“, „Oh, nein!“ oder „Oh, ja!“.
Danach fragt der Zuschauer: Warum? McKees Beispiel: Jemand öffnet den Schrank, um ein sauberes Hemd zu holen, und eine Leiche fällt heraus. Sofort kommen Fragen. Wer war das? Wann? Warum? Bei einer guten Wendung geht der Zuschauer im Kopf zurück durch das, was er gesehen hat, und versteht plötzlich mehr. So erzeugt eine Überraschung neue Neugier.
Was eine Überraschung verrät
Der Psychologe Daniel Kahneman hat den Nobelpreis für Wirtschaft bekommen. In Schnelles Denken, langsames Denken erklärt er, warum wir überhaupt überrascht werden. Der schnelle, automatische Teil unseres Denkens pflegt ein Modell davon, was in unserer Welt normal ist. Kahneman nennt ihn System 1. Aus diesem Modell entstehen unsere Erwartungen. Überraschung zeigt deshalb, was wir für normal halten.
Kahneman unterscheidet zwei Arten von Erwartung. Aktive Erwartungen kennst du: Du wartest darauf, dass dein Kind von der Schule nach Hause kommt. Viel häufiger sind passive. Du wartest nicht darauf, aber es überrascht dich auch nicht, wenn es passiert.
Eine Geschichte von Kahneman zeigt auch die Kehrseite. Im Urlaub auf einer kleinen Insel trifft er einen Bekannten, einen Psychologen namens Jon. Großes Erstaunen. Zwei Wochen später sitzt im Theater in London ein Nachzügler neben ihm. Es ist wieder Jon. Dieser Zufall ist noch unwahrscheinlicher. Trotzdem waren Kahneman und seine Frau beim zweiten Mal deutlich weniger überrascht. Jon war jetzt „der Psychologe, der auftaucht, wenn wir ins Ausland reisen“.
Für dein Video heißt das: Eine Überraschung, die du wiederholst, wird zur neuen Norm. Das ist eine Übertragung, keine Aussage von Kahneman.
Erwartungen brechen im Video: vier Regeln
- Zeig erst das Normale. Ohne Norm gibt es keinen Bruch. Bei Saunders sind das der erste Sohn und die Klippe.
- Mach die Erwartung hörbar. Bist du selbst die Figur, sag vorher, womit du rechnest: „Ich dachte, sie findet mich langweilig.“ Oder frag den Zuschauer. Ein Beispiel für einen Psychologie-Kanal: Die Creatorin erklärt ein Experiment und fragt vor dem Ergebnis: „Was glaubst du, wie viele haben weitergemacht?“ Aus einer passiven Erwartung wird so eine aktive. Dass das die Überraschung stärker macht, ist eine Einschätzung, kein Befund von Kahneman.
- Brich sie so, dass es passt. Nicht zu eng, nicht zu lose. Die neue Wendung muss aus dem folgen, was der Zuschauer schon gesehen hat.
- Nicht dieselbe Art zweimal. Jon zeigt: Die zweite gleiche Überraschung wirkt schwächer. Ändere die Art des Bruchs, so wie jeder Abschnitt anders sein soll. Mehr dazu in Die Mitte.
Grenzen
Brich nie das Versprechen von Titel und Thumbnail. Brechen darfst du Erwartungen innerhalb der Geschichte. Wer etwas anderes liefert, als das Packaging versprochen hat, enttäuscht den Zuschauer. Mehr in Clickbait und Bestätigen heißt nicht verraten.
Überraschung ist nicht alles. Manchmal wirkt es stärker, den Zuschauer einzuweihen. Mehr in Spannung oder Überraschung?.
Kahneman spricht nicht über Videos. Seine Beispiele stammen aus dem Alltag und aus Versuchen zur Wahrnehmung. Saunders und McKee schreiben über Kurzgeschichten und Filme. Die Übertragung auf YouTube ist plausibel, aber nicht gemessen.
Übung: Ein Abschnitt, zwei Fassungen
- Nimm einen Abschnitt aus der Mitte deines nächsten Videos.
- Schreib auf, was der Zuschauer an dieser Stelle erwartet. Ein Satz.
- Schreib die zu enge Fassung. Es kommt genau so.
- Schreib die zu lose Fassung. Es kommt etwas, das mit nichts davor zu tun hat.
- Schreib die Fassung dazwischen. Es kommt anders, und es folgt aus dem, was der Zuschauer schon kennt.
- Prüf die Art. Hat dein Video schon eine Überraschung dieser Art? Dann wähle eine andere.