Teil von Storytelling · Stakes und Spannung
Zwei Menschen sitzen an einem Schreibtisch und reden über etwas Belangloses. Plötzlich explodiert eine Bombe, die im Schreibtisch versteckt war. Beide sind tot.
Diese Szene hat Alfred Hitchcock in vielen Interviews beschrieben. Der Regisseur von Thrillern wie Psycho gilt als Meister der Spannung. So erzählt es der Hollywood-Drehbuchberater Michael Hauge in seinem Buch Writing Screenplays That Sell.
Die Szene schockiert. Aber nur kurz. Nach etwa einer Minute, schreibt Hauge, fragt sich das Publikum: Okay, und jetzt?
Jetzt die zweite Fassung. Dieselben zwei Menschen, dasselbe belanglose Gespräch. Aber die Kamera schneidet zwischendurch auf die Schublade. Darin tickt die Bombe. Diese Szene, schreibt Hauge, trägt gut fünf Minuten. Noch länger, wenn man zum Bombenkommando schneidet, das zu Hilfe eilt.
Eine Minute gegen fünf. Der Unterschied ist eine einzige Information: Der Zuschauer weiß von der Bombe. Die Figuren wissen es nicht.
Suspense ist das englische Wort für diese Art von Spannung. Der Zuschauer weiß oder ahnt, dass etwas passieren wird, und fürchtet den Moment. Die Überraschung ist das Gegenteil. Der Zuschauer erfährt es erst, wenn es passiert.
Welche von beiden ist stärker? Hauge sagt: die Spannung. Der Geschichtenerzähler Matthew Dicks sagt: die Überraschung. Beide haben gute Gründe. Hier erfährst du, wann du den Zuschauer einweihst und wann du ihn überraschst.
Wer weiß mehr? Drei Möglichkeiten
Robert McKee unterrichtet seit Jahrzehnten Drehbuchautoren und ist einer der bekanntesten Drehbuchlehrer der Welt. In seinem Buch Story ordnet er das Thema nach einer einzigen Frage: Wer weiß mehr, der Zuschauer oder die Figur? Daraus ergeben sich drei Möglichkeiten.
Sein Beispiel: Der Höhepunkt eines Thrillers. Eine Polizistin schleicht mit gezogener Waffe durch einen dunklen Flur in einem alten Herrenhaus. Irgendwo ist ein Mörder mit einer Axt.
- Geheimnis: Der Zuschauer weiß weniger als die Figur. Alle Türen sind zu. Der Zuschauer sucht das Bild ab und fragt sich: Wo ist er? Hinter der ersten Tür? Hinter der nächsten? Dann greift der Mörder an. Er kommt durch die Decke.
- Spannung: Beide wissen gleich viel. Am Ende des Flurs steht eine Tür einen Spalt offen. Ein Schatten bewegt sich. Die Polizistin sieht ihn und bleibt stehen. Der Mann hinter der Tür hört, dass sie stehen bleibt. Beide wissen voneinander. Offen ist nur: Wie geht das aus?
- Dramatische Ironie: Der Zuschauer weiß mehr als die Figur. Die Tür ist zu. Die Kamera zeigt den Mann mit der Axt dahinter. Dann wieder die Polizistin, die sich der Tür nähert. Sie weiß nicht, was der Zuschauer weiß. McKee beschreibt, was im Kopf des Zuschauers passiert: Mach die Tür nicht auf! Er ist dahinter!
Die dritte Möglichkeit nennt McKee „Hitchcocks Lieblingstrick“. Es ist die Bombe im Schreibtisch. Laut McKee arbeiten neun von zehn Filmen mit der mittleren Möglichkeit und mischen die anderen beiden ein.
Die überlegene Position
Hauge nennt die dritte Möglichkeit die „überlegene Position“ (englisch superior position). Der Zuschauer weiß etwas, das die Figur nicht weiß. Dadurch stellt er sich schon vor, was passiert, wenn die Figur es herausfindet. Das nennt Hauge Vorwegnahme. Wie Vorwegnahme Spannung aufbaut, steht in Spannung aufbauen.
Das funktioniert nicht nur im Thriller. Hauges Beispiel ist eine Komödie: Hitch – Der Date-Doktor. Die Hauptfigur hilft unbeholfenen Männern, ihre Traumfrau zu erobern. Hitch verliebt sich in Sara. Der Zuschauer weiß, dass Hitch heimlich der Date-Doktor ist. Sara weiß es nicht. Der Humor kommt aus der Frage, wann sie es herausfindet.
McKee zeigt eine noch radikalere Form. Boulevard der Dämmerung beginnt mit einer Leiche. Ein Mann treibt tot im Swimmingpool einer alternden Filmdiva. Seine Stimme aus dem Off kündigt an: Er erzählt jetzt, wie es dazu kam. Der ganze Film ist eine Rückblende. Der Zuschauer kennt das Ende. Laut McKee bleibt er trotzdem, nur aus einem anderen Grund. Er fragt sich: Wie und warum ist das passiert? Dabei fühlt er mit dem Mann und fürchtet um ihn.
Den Zuschauer einweihen: Suspense im Video
Im Video bist du meist Erzähler und Figur zugleich. Du kannst den Zuschauer also jederzeit einweihen. Drei Formen liegen nahe.
Der Satz „Sie wissen noch nicht, dass …“. Ein Beispiel: Ein Gründer-Vlog. Der größte Kunde hat gekündigt, und das Team weiß es noch nicht. In den ersten Sekunden hält der Gründer die Mail in die Kamera und flüstert: „Mein Team weiß noch nichts.“ Danach kommt ein ganz normales Montagsmeeting. Jedes Mal, wenn jemand fragt „Alles okay bei dir?“, zuckt der Zuschauer zusammen.
Mit dem Ende anfangen. Das ist McKees Leiche im Pool. Ein Beispiel aus der Content-Strategie: Ein Video über einen Kanal, dessen Aufrufe sich innerhalb von drei Monaten halbiert haben. Es beginnt mit der Kurve, die abstürzt. Dann springt es zurück zu dem Tag, an dem das Team die neue Strategie feiert. Der Zuschauer weiß, wohin das führt. Er schaut, um zu sehen, wie und warum. Wie andere Creator das Ende nach vorn holen, steht in Der Cold Open.
Reaktionen. Der Zuschauer sieht zuerst, was kommt. Dann sieht er zu, wie jemand darauf trifft. Ein Beispiel: Eine Selbstständige zeigt den Zuschauern die Website, die ihr Freund Yusuf vor zehn Jahren für sie gebaut hat. Sie ist furchtbar. Jetzt soll Yusuf sie live durchklicken und vorlesen. Der Zuschauer wartet auf sein Gesicht. Umgekehrt arbeitet das Thumbnail aus Click to Unpause. Es zeigt die Reaktion und versteckt den Grund. Das ist ein Geheimnis, keine dramatische Ironie.
Dicks dagegen: Nur Überraschung bringt Gefühle
Matthew Dicks ist Lehrer und erzählt auf Bühnen in den USA wahre Geschichten aus seinem Leben. In Überraschend, aber logisch steht, wie er Hinweise versteckt. In seinem Buch Storyworthy vertritt er eine Position, die Hauge widerspricht.
Er schreibt: In fast 15 Jahren Beziehung hat er seine Frau genau zweimal zum Weinen gebracht. Beim Heiratsantrag und mit der Nachricht, dass sein erster Roman erscheint. Beides kam für sie völlig unerwartet. Daraus leitet er ab: Beim Erzählen ist Überraschung der einzige Weg zu einem Gefühl. Lachen, Weinen, Wut, alles entsteht, wenn eine Erwartung bricht.
Seine Begründung: Im echten Leben kommen Gefühle auch langsam, durch Trauer, Schmerz oder langes Bangen. Ein Erzähler hat nur Worte. Er kann, so Dicks, kein langes Bangen erzeugen.
Den häufigsten Fehler sieht Dicks in einem Satz, den viele für eine gute Einleitung halten. Er verrät vorab, worum es geht: „Das ist die Geschichte, wie meine Freunde zu meiner Familie wurden.“ Danach kann nichts mehr überraschen. Dicks zeigt es an seiner Großmutter. Zwei Fassungen:
- Sie bindet einen Faden um seinen wackelnden Zahn. Sie beugt sich vor, bis ihre Gesichter sich fast berühren. „Nicht blinzeln“, sagt sie. Dann wickelt sie das andere Ende um die Faust und reißt nach unten. Erst dann kommt der Satz: Meine Großmutter war eine Sadistin.
- Derselbe Text, aber der Satz mit der Sadistin steht am Anfang.
In der ersten Fassung überrascht die Szene und der letzte Satz bringt einen Lacher. In der zweiten weiß der Zuschauer schon, dass es schlimm wird.
Ein Beispiel: „In diesem Video erzähle ich, wie ich in einer einzigen Nacht meinen größten Kunden verloren habe.“ Danach wartet jeder nur noch auf den Moment, in dem der Kunde geht. Ein Hook darf eine Frage öffnen. Er muss die Antwort nicht verraten. Wie das geht, steht in Der Hook und Bestätigen heißt nicht verraten.
Wer hat recht?
Dicks steht auf einer Bühne. Du drehst ein Video. Dicks erzählt live, nur mit Worten, ein paar Minuten lang. Er kann nicht auf die Schublade schneiden. Ein Video kann das. Es kann die Bombe zeigen, die Kündigungsmail, die abstürzende Kurve. Für Bilder gilt Dicks‘ Begründung deshalb nur zum Teil. Das ist eine Einschätzung, keine Aussage von Dicks.
Hauge nutzt selbst beide. Gleich nach der Bombe kommt in seiner Checkliste die Überraschung. In Tödliches Kommando – The Hurt Locker entschärft ein Soldat im Irak Bomben. Szene um Szene sieht der Zuschauer jede Gefahr kommen. Dann explodiert eine Bombe ohne jede Vorwarnung. Der Schock ist größer, weil der Zuschauer sich an die Vorwarnung gewöhnt hatte. Hauges Fazit sinngemäß: Das Publikum will raten, was kommt. Es will nur nicht immer richtig liegen.
Spannung kostet Zeit, Überraschung kostet Information. Das ist meine Einschätzung, die beide verbindet. Für Spannung muss der Zuschauer das Geheimnis eine Weile mittragen, sonst wirkt sie nicht. Für eine Überraschung musst du etwas verstecken. Spannung trägt die Strecke vor dem großen Moment. Die Überraschung ist der Moment selbst. Oft kommen beide nacheinander: Der Zuschauer weiß, dass die Kündigung auf dem Tisch liegt. Er weiß nicht, wie das Team reagiert.
Hitchcock hat sich sogar gegen seine eigene Wendung entschieden. In Vertigo trauert die Hauptfigur um eine Frau, die gestorben ist. Später formt die Hauptfigur eine andere Frau nach ihrem Bild um, Frisur, Kleider. Hitchcock verrät dem Zuschauer mitten im Film: Es ist dieselbe Frau, sie hat ihn getäuscht. Die Hauptfigur weiß es da noch nicht. Der Regisseur Christopher Nolan bewundert das. Er sagt aber auch: Hitchcock bricht hier alle Regeln, deshalb könne man daraus wenig lernen.
Grenzen
Billige Überraschung. McKee spielt seinen Flur noch einmal durch. Die Polizistin öffnet die Tür. Der Mann mit der Axt umarmt sie und fragt, ob das Abendessen fertig ist. Er hat den ganzen Nachmittag Holz gehackt. Das überrascht, aber es betrügt. Der Erzähler hat etwas verschwiegen, nur um den Zuschauer hereinzulegen. Im Video ist das die Auflösung, die mit dem Thumbnail nichts zu tun hat. Wo die Grenze liegt, steht in Clickbait.
Einweihen heißt deutlich zeigen. Die überlegene Position wirkt nur, wenn der Zuschauer die Information wirklich hat. Hitchcock schneidet auf die Schublade, er deutet sie nicht an. Eine Mail, die nur kurz im Hintergrund auf dem Bildschirm steht, wird übersehen.
Nicht auf Kosten anderer. Pranks arbeiten mit der überlegenen Position: Der Zuschauer ist eingeweiht, das Opfer nicht. Gerade im Business-Bereich trifft das schnell Menschen, die nicht gefragt wurden. Yusuf mit der alten Website weiß, worauf er sich einlässt. Ein Kunde, der nicht weiß, dass er gefilmt wird, weiß es nicht. Mehr in Stakes.
Übung: Eine Szene, drei Fassungen
- Nimm den wichtigsten Moment deines nächsten Videos. Ein Ergebnis, eine Antwort, eine Wendung.
- Schreib ihn als Geheimnis. Was weiß die Figur, das der Zuschauer noch nicht weiß?
- Schreib ihn als dramatische Ironie. Was erfährt der Zuschauer vorher? Schreib den Satz „Er weiß noch nicht, dass …“ und markier im Skript, wo der Zuschauer es erfährt.
- Schreib ihn als Überraschung. Streich jeden Satz vor dem Moment, der verrät, worum es geht.
- Entscheide nach der Zeit. Liegen mehrere Minuten vor dem Moment, weih den Zuschauer ein. Ist es ein einzelner Moment, überrasch ihn.
- Prüf die Überraschung. Hat sie im Rückblick Ursachen im Video? Wenn nicht, geh zu Überraschend, aber logisch.