Teil von Storytelling · Die Mitte
„10 Fehler, die mich mein erstes Geschäftsjahr gekostet haben“ ist ein typisches Listicle Video. Ein Listicle ist ein Beitrag, der aus einer Liste besteht. Solche Videos sind beliebt, weil der Zuschauer sofort weiß, was er bekommt. Ihre Schwäche: Zwischen den Punkten steht oft nur „und dann“. Man könnte Punkt sechs streichen, und keiner würde es merken.
Eine Listicle-Story löst das. Sie ist eine Geschichte, deren Hürden du als Liste ankündigst. Der Zuschauer weiß also, was ihn erwartet. Und er bekommt trotzdem eine Geschichte, in der jeder Punkt aus dem vorherigen folgt.
Zwei Wege zur selben Form
Du kannst von zwei Seiten kommen.
Von der Liste zur Geschichte. Du hast zehn Tipps und erzählst sie an einer Figur entlang. Wie das geht, zeigt das Beispiel von Lena und Max in Storytelling für Videos.
Von der Geschichte zur Liste. Du hast eine Geschichte mit einem Ziel und vielen Hürden. Diese Hürden zählst du vorher auf, damit der Zuschauer weiß, was kommt. Um diesen Weg geht es hier.
CommonLuke: fünf Hindernisse als Liste
CommonLuke macht YouTube-Videos über seine Programmier-Projekte. Der Tech-YouTuber Bog hat ihn zu einem Live-Gespräch in seine YouTube-Community eingeladen. Dort erklärt Luke, wie er seine Videos baut.
Seine Videos sind Geschichten. Luke will ein Projekt bauen, zum Beispiel ein neuronales Netz, also ein Computerprogramm, das aus Beispielen lernt. Auf dem Weg stößt er auf Probleme. Viele beschreiben eine Geschichte genau so: ein Ziel und die Hindernisse auf dem Weg dorthin.
Luke macht daraus eine Liste. Er sagt sinngemäß: Ich schreibe im Grunde die fünf Hindernisse auf und spreche dann kurz über jedes, mit seinen Höhepunkten. Die Idee, aus jedem Video ein Listicle zu machen, hat er vom YouTuber Ali Abdaal. Wie Luke die Liste im Intro ankündigt und warum, steht in Ziel und Fahrplan.
Wichtig ist, was Luke weglässt. Bei Programmier-Projekten könnte man sich endlos in Details verlieren, sagt er. Seine Videos seien eher ein Zusammenschnitt der Höhepunkte. Er fragt sich deshalb vor dem Schreiben: Was ist auf dem Bildschirm am interessantesten? Was interessiert auch Leute, die nicht programmieren? Nur das kommt in die Liste.
Warum Zuschauer wissen wollen, was kommt
Mario Joos berät YouTube-Kanäle dabei, wie sie Zuschauer länger halten. Er sagt: Menschen sind besessen von Kontrolle. Kontrolle über ihre Zeit und darüber, was sie bekommen.
Nennst du früh, welche Abschnitte kommen, vielleicht sogar, wie lang sie sind, gibst du dem Zuschauer laut Joos ein Gefühl von Kontrolle über seine Zeit. Dann schaut er eher länger und ist am Ende zufriedener.
Eine Geschichte ohne Liste verlangt Vertrauen. Der Zuschauer weiß nicht, wie lang der Weg ist. Eine Listicle-Story zeigt ihm die Strecke, bevor er losgeht.
Das Listicle Video als Geschichte: Jeder Punkt eine Hürde
Ein Beispiel: Ein Gründer macht ein Video über seine eigenen Fehler. Der Titel: „10 Fehler, die mich mein erstes Geschäftsjahr gekostet haben“. Sein Ausgangspunkt: Er führte viele Erstgespräche mit möglichen Kunden, bekam aber nie einen zweiten Auftrag.
Jeder Fehler ist eine Hürde auf dem Weg zum zweiten Auftrag. Und jeder Fehler folgt aus dem vorherigen. Die Verbindung leisten zwei Wörter: „aber“ und „deshalb“. Warum genau diese beiden, steht in Aber und deshalb.
- Fehler 1: Er plant jedes Erstgespräch als Präsentation mit 40 Folien. Passt der Kunde nicht, sitzen beide trotzdem eine Stunde fest. Deshalb schlägt er nur noch ein Telefonat von 20 Minuten vor.
- Fehler 2: Die Gespräche sind jetzt kürzer, aber er redet die ganze Zeit über seine Leistungen. Er will beeindrucken statt verstehen. Deshalb stellt er mehr Fragen.
- Fehler 3: Aber jetzt fragt er wie in einem Fragebogen, eine Frage nach der anderen. Deshalb lernt er, auf eine Antwort mit einem Beispiel aus einem ähnlichen Projekt zu reagieren.
Und so weiter bis zum letzten Punkt.
Die Liste ist das Inhaltsverzeichnis. Die Kette aus „aber“ und „deshalb“ ist die Geschichte. Streicht man jetzt Punkt zwei, fehlt der Grund für Punkt drei.
Das sagt auch Joos: Selbst bei Listicles wollen Zuschauer spüren, dass sich ein Abschnitt vom nächsten unterscheidet. Mehr dazu in Die Mitte.
Die Reihenfolge: von außen nach innen
Die Reihenfolge der Hürden ist keine Nebensache. Eine Geschichte braucht Steigerung. Jede Stufe muss anders sein, nicht nur größer. So steht es in Eskalation.
Für das Gründer-Video heißt das nach meiner Einschätzung: Die Fehler gehen von außen nach innen. Erst der Ablauf, dann das Gespräch, dann der Gründer selbst. Der letzte Fehler ist der schwerste.
- Fehler 10: Nach jeder Absage hat er wochenlang keine neuen Anfragen geschrieben, weil er sie als Urteil über sich genommen hat. Der größte Fehler war kein Angebot. Es war das Aufhören.
Das fühlt sich anders an als die neun davor. Die ersten Hürden lagen im Ablauf. Die letzte liegt in ihm. Wie du auch beim Erklären vom Leichten zum Schweren gehst, steht in Das Tutorial als Geschichte.
Das Risiko: Die Liste zeigt, wie viel noch fehlt
Eine Liste hat einen Nachteil. Steht im Bild „Fehler 9 von 10“, weiß der Zuschauer: gleich ist Schluss. Das ist eine Einschätzung, keine Messung. Aber sie liegt nahe: Wer die Liste kennt, weiß auch, wann er gehen kann.
Zwei Wege helfen dagegen:
- Den letzten Punkt nur ankündigen. Nenn im Intro neun Fehler und sag: Den zehnten verrate ich am Schluss, und er hat mich am meisten gekostet. Dann bleibt eine Frage offen. Wie offene Fragen ein Video tragen, steht in Neugier-Schleifen.
- Vor dem letzten Punkt etwas Neues versprechen. Was nach Punkt zehn noch kommt, gibt dem Zuschauer einen Grund, auch danach zu bleiben. So geht es in Das zweite Versprechen.
Grenzen
Nicht jede Geschichte will vorher erzählt werden. Lebt dein Video von einer Überraschung, verrät die Liste zu viel. Zähl dann die Hürden auf, aber nicht ihre Lösung.
Eine Liste ersetzt keine Auswahl. Zehn Punkte sind nicht besser als fünf. Welche Punkte überhaupt ins Video gehören, entscheidet ein Satz, den du vorher schreibst. Wie das geht, steht in Die Logline. Bei meinem Dating-Kanal habe ich vor jedem Video die Kernthese (den Hauptgedanken des Videos) und einen roten Faden aufgeschrieben, damit die Leute weiterschauen.
Praktiker, keine Studien. CommonLuke ist ein einzelner Kanal. Joos berät Kanäle und verdient damit sein Geld. Beide berichten aus eigener Arbeit.
Übung: Die Hürden-Liste
- Schreib das Ziel deiner Geschichte auf. Was willst du am Ende erreicht haben? Ein Satz.
- Schreib alle Hürden auf dem Weg dorthin untereinander. Auch die kleinen.
- Streich, was nicht trägt. Frag wie Luke: Ist das spannend anzusehen? Interessiert es auch Leute ohne Vorwissen?
- Verbinde die übrigen mit „aber“ und „deshalb“. Wo nur „und dann“ passt, fehlt eine Hürde oder eine ist zu viel.
- Sortier nach Steigerung. Die schwerste Hürde ans Ende. Jede Stufe anders als die davor.
- Bau daraus die Liste fürs Intro. Nenn die Zahl. Entscheide, ob du den letzten Punkt schon verrätst.
(Kasten-Titel A5·7 ist Platzhalter → auf die echte H1 setzen, sobald der Entwurf steht.)