Teil von Videoideen finden · Ist die Idee klar und groß genug?
„Warum dachtest du, dass die meisten Menschen in deiner Nische dieses Video schauen würden?“ Diese Frage stellt Paddy Galloway oft, wenn er sich die Ideen eines Kanals ansieht. Galloway ist YouTube-Stratege und hat unter anderem für MrBeast und Red Bull gearbeitet.
Die Antwort, die er dann oft hört: Dachte ich nicht. Ich fand es einfach interessant.
Galloway sagt: Unabhängig von der Nische kann die Idee selbst eine Decke setzen. Die Reichweite einer Idee ist die Zahl der Menschen, die ein Video zu dieser Idee höchstens erreichen kann. Ein perfekt gemachtes Video kommt nicht über diese Decke. Ein schlecht gemachtes bleibt weit darunter.
Hier lernst du, wie du die Decke einer Idee schätzt, wie ein anderer Blickwinkel sie anhebt und wo zu viel Breite schadet.
Markt, Decke, Boden
Galloway denkt in drei Größen.
Der Markt. Wie viele Menschen interessieren sich überhaupt für deine Nische? Galloway nennt das TAM, kurz für „Total Addressable Market“, also den ganzen Markt, den du erreichen könntest. Eine Nische über Stricken hat einen kleineren Markt als ein Kanal wie der von MrBeast.
Die Decke. Wie viele Menschen aus diesem Markt könnte diese eine Idee erreichen? Das entscheidest du bei der Idee, nicht beim Dreh.
Der Boden. Wie viele Menschen schauen dich, egal was du hochlädst? Galloway beschreibt dafür ein extremes Gedankenspiel: Du lädst ein Video hoch, das „Video eins“ heißt, mit einem Foto deines Gesichts als Thumbnail. Die Zuschauer, die selbst das schauen, sind dein Boden.
Alles zwischen Boden und Decke hängt von der Umsetzung ab. Das Begleitheft zu Galloways Podcast-Auftritt sagt es zugespitzt: Die meisten Creator kümmern sich nur um die Umsetzung und übersehen die Decke ganz. Galloway selbst fragt zuerst: Wie machen wir den Markt größer? Wie finden wir Ideen, die weiter in diesen Markt hineinreichen? Erst dann: Ist die Umsetzung gut genug, damit die Idee so weit kommt, wie sie kann?
So erhöhst du die Reichweite einer Idee
Galloways bekanntestes Beispiel kommt aus einer sehr kleinen Nische: Teiche für Wildtiere. Eines der viralsten Videos der letzten Jahre heißt „Ich habe einen Teich für Wildtiere in meinem Garten gebaut“. Galloway erinnert sich an 25 bis 30 Millionen Views. Eine Anleitung, wie man die Teichfolie für so einen Teich verlegt, hätte nach seiner Schätzung vielleicht 10.000 Zuschauer.
Dieselbe Nische, derselbe Teich. Der Unterschied ist der Blickwinkel. Die Anleitung spricht nur Menschen an, die gerade einen Teich bauen. Die Geschichte „Ich habe einen gebaut“ versteht jeder, der einen Garten hat oder gern Tiere sieht.
Diesen Blickwinkel nenne ich hier den Rahmen einer Idee. Das Thema bleibt gleich. Der Rahmen bestimmt, wer sich angesprochen fühlt. Ein Beispiel aus Galloways Arbeit mit einem Kanal über Astrofotografie steht in Content-Recherche.
Ein Beispiel: Ein Kanal über Alltagspsychologie hat zwei Ideen zum selben Thema.
- „Kognitive Dissonanz nach Festinger, einfach erklärt“ spricht Menschen an, die den Begriff schon kennen. Studierende, Fans des Fachs.
- „Warum du dir schlechte Entscheidungen schönredest“ spricht jeden an, der schon einmal einen Fehlkauf verteidigt hat.
Bei meinem Dating-Kanal brachten die Videos am meisten Zuschauer, die Symptome ansprachen. Viele Menschen kennen die Symptome, aber nicht den Grund dafür. Ein Beispiel: „Er meldet sich nur abends“ ist ein Symptom, das viele kennen. „Vermeidende Bindung“ ist der Grund, den nur wenige googeln würden. Das Video darf den Grund erklären. Der Rahmen sollte beim Symptom anfangen. Dasselbe gilt für die Sprache: Je einfacher, desto besser liefen vor allem meine kurzen Videos (Der Ein-Sekunden-Test).
Drei Zuschauergruppen: Stamm, Gelegenheit, Neu
Wie weit eine Idee reicht, prüft Galloway mit einem eigenen Raster. Er nennt es CCN, nach den englischen Wörtern core, casual und new.
- Stammzuschauer (core) schauen fast alles von dir. Galloway nennt sie „ride or die“, also treu bis zuletzt.
- Gelegenheitszuschauer (casual) schauen ungefähr jedes dritte oder vierte Video.
- Neue Zuschauer (new) kennen dich noch nicht. Das sind alle aus deinem Markt, die du bisher nicht erreicht hast.
Die besten Videos funktionieren für alle drei Gruppen gleichzeitig. Wie das in Zahlen aussieht, zeigt Galloway an einem früheren Kunden: Jesser, einem der größten Sport-Kanäle der Welt. Drei Videos, alle im selben Monat, alle mit eigenem Thumbnail und gut geplant.
| Video | Für wen? | Views |
|---|---|---|
| Offizielle Vorstellung meines neuen YouTube-Studios, ganze Tour | nur Stammzuschauer | rund 400.000 |
| Triff den Wurf, und ich kauf dir alles | Stamm + Gelegenheit | knapp 1 Million |
| Fünf NBA-Spiele in 50 Stunden | Stamm + Gelegenheit + Neue | 14 Millionen |
Das Studio-Video ist für Galloway kein Fehler, sondern eine Messung. Wer kennt Jesser nicht und will trotzdem sein neues Studio sehen? Fast niemand. Also zeigt das Video ziemlich genau, wie groß der Kern ist: rund 400.000 Menschen. Das NBA-Video dagegen versteht jeder Basketball-Fan sofort. Galloway schätzt alle Basketball-Interessierten auf YouTube auf 10 bis 20 Millionen. Das Video erreichte 14 Millionen.
Eine Falle nennt Galloway ausdrücklich: Frag nicht deine Kommentare, was du als Nächstes machen sollst. Dort schreiben vor allem deine Stammzuschauer. Und die wünschen sich mehr von dem Alten, das nicht mehr funktioniert. Galloway liest seine Kommentare deshalb, richtet sich aber nicht nach ihnen.
Sein Maßstab für den eigenen Kanal: Ein Video soll für den größten YouTuber der Welt und für seine Mutter gleichzeitig interessant sein. Damit ging er in eine Nische, in der Videos über YouTube-Wachstum damals 5.000 bis 15.000 Views holten. Nach fünf oder sechs Jahren holte er rund eine Million Views pro Folge.
Fang eng an und werde dann breiter
Heißt das: Mach immer die größte Idee? Nein. Galloway sagt: Breit anfangen und dann enger werden funktioniert nicht. Eng anfangen und dann Schritt für Schritt breiter werden schon. Fast jeder Kanal, der bei ihm sehr groß geworden ist, hat klein angefangen.
Sein Beispiel ist Forrest Galante, ein Kunde von Galloway. Galante macht Videos über Wildtiere. Als Galloway ihn 2023 übernahm, holte er 20.000 bis 30.000 Views pro Video. Galante hatte eine Nische in der Nische: ausgestorbene Tiere, zum Beispiel den Beutelwolf. Heute macht er Videos mit Großkatzen und Führungen durch große Zoos. Er holt Millionen Views pro Video. Laut Galloway ist es jetzt der meistgesehene Wildtier-Kanal auf YouTube.
Für deine Ideen heißt das: Die Decke darf mit dem Kanal wachsen. Ein neuer Kanal braucht Ideen, die sein enges Publikum sicher trifft. Ein gewachsener Kanal kann den Rahmen Schritt für Schritt weiter fassen. Welche Zuschauer du dabei nicht verlieren darfst, klärt die Zielgruppenanalyse.
Wie spezifisch darf eine Idee sein?
Hier widersprechen sich zwei Ratschläge. Zumindest scheinbar.
Jake Trinder baut YouTube-Kanäle für Unternehmen auf und verkauft das als Dienstleistung. Er sagt sinngemäß: Spezifisch zu sein kostet dich immer Reichweite. Diesen Preis solltest du nur zahlen, wenn sich die richtige Person dadurch besser verstanden fühlt. Sein Rat: Geh so breit wie möglich, solange deine eigentliche Zielgruppe noch merkt, dass das Video für sie ist.
Bog ist YouTuber mit über 600.000 Abonnenten. In einem Video über Packaging rät er das Gegenteil: Sei sehr spezifisch. Sein Beispiel: „Ich habe einen Tisch nur aus Lego gebaut“ schlägt „Ich habe einen sehr coolen Tisch gebaut“.
Beide meinen mit „spezifisch“ etwas anderes. Bog meint konkret statt vage. „Nur aus Lego“ macht die Idee klarer, ohne Zuschauer auszuschließen. Trinder meint eingegrenzt auf eine kleine Gruppe. Das schließt Zuschauer aus. Für deine Idee heißt das: Sei so konkret wie möglich. Und so eng wie nötig.
Wann eng richtig ist, hängt auch vom Ziel deines Videos ab. Galloway selbst macht eine Ausnahme für Kanäle, die nur wenige, sehr zahlungskräftige Kunden brauchen. Mehr dazu in Das Ziel deines Videos.
Übung: die Decke deiner Ideen schätzen
- Nimm fünf Ideen aus deiner Liste.
- Frag bei jeder: Wer aus meiner Nische würde dieses Video nicht schauen? Schreib die Gruppe auf. Ist sie groß, ist die Decke niedrig.
- Schreib zu jeder Idee einen breiteren Rahmen. Gleiches Thema, anderer Blickwinkel. Fang beim Symptom oder bei der Geschichte an, nicht beim Fachbegriff.
- Mach den CCN-Check. Drei Fragen, je Ja oder Nein: Schauen es meine Stammzuschauer? Schauen es Gelegenheitszuschauer? Versteht es jemand, der mich nicht kennt?
- Such beide Rahmen auf YouTube. Wie viele Views haben ähnliche Videos im Vergleich zu ihren Kanälen? Wie du das richtig rechnest, zeigt Ausreißer finden.
Behalte den Rahmen, der dreimal Ja bekommt und deine Zielgruppe trotzdem anspricht.