Teil von Storytelling · Was ist eine Geschichte?
Trey Parker und Matt Stone haben die Zeichentrickserie South Park erfunden und dafür mehrere Emmys gewonnen, die wichtigsten Fernsehpreise der USA. In einem Schreibkurs an der New York University verrieten sie eine Regel, für die sie nach eigener Aussage lange gebraucht haben. Sie heißt auf Englisch „But Therefore“, also „aber, deshalb“.
Die Aber-deshalb-Regel sagt: Zwischen zwei Schritten einer Geschichte steht entweder „aber“ oder „deshalb“. Nie „und dann“. „Aber“ bringt ein Hindernis. „Deshalb“ bringt die Folge daraus. So hängt jeder Schritt am vorherigen.
Die Regel gilt für Filme, für Geschichten am Esstisch und für Videos, auch für Shorts und Erklärvideos.
Die But-Therefore-Regel aus dem Autorenzimmer
Im Autorenzimmer von South Park ist eine ganze Wand eine Tafel. Sie ist in drei Akte geteilt, also in Anfang, Mitte und Ende. Darauf sammeln die Autoren die Szenen einer Folge. Parker und Stone nennen sie Beats: die einzelnen Schritte der Handlung, je eine Zeile im Plan.
Jede Szene muss für sich funktionieren, wie ein kleiner lustiger Sketch. Keine Szene darf übrig bleiben, bei der man sich fragt, wozu sie da war.
Dann kommt die Regel. Passen zwischen zwei Beats die Wörter „und dann“, haben die beiden nach eigener Aussage etwas ziemlich Langweiliges. Zwischen jeden Beat gehört „deshalb“ oder „aber“. Also nicht: Das passiert, und dann passiert das. Sondern: Das passiert, deshalb passiert das, aber dann passiert das, deshalb passiert das. Manchmal schreiben sie die Wörter wirklich zwischen die Beats, um es zu prüfen.
Den Fehler sehen sie oft, in Drehbüchern junger Autoren und in Kinofilmen. Man sitzt im Kino und fragt sich, warum man sich das ansieht. Stone sagt: Erst „aber“ und „deshalb“ verbinden die Beats durch Ursache und Wirkung. „Das ist eine Geschichte.“
Neu ist der Gedanke nicht. Schon der griechische Philosoph Aristoteles unterschied vor über 2.300 Jahren zwischen Ereignissen, die wegen anderer geschehen, und solchen, die nur nach ihnen kommen. Mehr dazu in Was ist eine Geschichte?
Ein Abend mit Hindernissen
So sieht die Kette an einer Geschichte von mir aus.
Ich hatte für meine Freundin einen besonderen Abend geplant. Wir hatten Kinokarten für Avatar. Den Film wollte sie seit Wochen sehen.
Aber zehn Minuten vor Filmbeginn merkte ich: Die Karten lagen noch zu Hause.
Deshalb musste ich schnell nach Hause. Aber für die Straßenbahn reichte die Zeit nicht.
Deshalb wollte ich ein Auto bei ShareNow leihen, einem Carsharing-Anbieter. Aber dort hatte ich meinen Führerschein nie registriert.
Deshalb nahm ich eins der Leihräder, die in Köln überall stehen, und raste los.
Aber etwa 100 Meter vor meiner Haustür hielt mich die Polizei an. Meine Freundin wartete schon am Kino. In meinem Kopf raste es: Was, wenn wir den Anfang verpassen?
Jedes „aber“ ist ein Hindernis. Jedes „deshalb“ ist ein Versuch, es zu überwinden. Ohne die „aber“ gäbe es keine Spannung. Ohne die „deshalb“ ginge es nicht voran.
Zum Vergleich dieselbe Geschichte mit „und dann“:
Alles ist noch da, nur die Verbindungen fehlen. Kein Versuch scheitert. Niemand fragt sich, warum ich ausgerechnet das Rad nehme.
Die Geschichte hört bei der Polizei auf. Das letzte „aber“ ist noch offen. Deshalb will man wissen, wie es weitergeht.
Gegen den Strich erzählen
Matthew Dicks ist Grundschullehrer in den USA. Nebenbei erzählt er wahre Geschichten aus seinem Leben auf der Bühne von The Moth, einer Erzähl-Veranstaltung aus New York, bei der Menschen frei und ohne Zettel erzählen. Bei den Wettbewerben dort hat er nach eigener Aussage 34 von 53 Abenden gewonnen. Sein Buch heißt Storyworthy.
Dicks hat die Regel selbst gefunden, bei seinen Fünftklässlern. Jeden Montag erzählen sie ihm ihr Wochenende in einem Satz. Manchmal wird daraus eine längere Geschichte. Dabei merkte er, warum ihn so viele davon quälten: das Wort „und“.
Ein Schüler erzählte, sinngemäß: Seine Cousine kam zum Übernachten, und sie schliefen nicht, und sie schlichen nachts zum Fernseher, und die Eltern hörten Stimmen und hielten sie für Einbrecher, und sie riefen die Polizei. Eigentlich eine lustige Geschichte. Erzählt mit „und“, wird sie zur Qual.
Dicks hat sie umgeschrieben. Die Kinder gingen pünktlich ins Bett, aber sie machten die Augen nicht zu. Die Eltern hörten Stimmen, aber es waren nicht die Kinder, es war der Fernseher. Also riefen sie die Polizei, aber sie weckten die Kinder nicht, damit die keine Angst bekamen.
Geschichten mit „und“ sind für Dicks wie Laufen auf dem Laufband. Satz folgt auf Satz, aber nichts bewegt sich. „Aber“ und „deshalb“ zeigen eine Änderung. Er stellt sich das als Linie vor. Mit „und“ läuft sie flach vom Anfang bis zum Ende. Mit „aber“ und „deshalb“ geht sie im Zickzack hin und her. Das Ziel bleibt dasselbe. Nur der Weg ist nicht gerade.
Erst etwa ein Jahr später zeigte ihm ein Schüler das Video von Parker und Stone.
Zwei Dinge aus seinem Buch helfen beim Schreiben:
Die Wörter müssen nicht dastehen. Dicks markiert in seinen Geschichten viele versteckte „aber“ und „deshalb“: „stattdessen“, „trotzdem“, „also“, „sodass“. Oft steckt die Verbindung nur im Inhalt. Wenn jeder Satz mit „Aber“ anfängt, klingt das bald nach Masche.
Sag, was nicht ist. „Ich war pleite“ ist schwächer als „Ich hatte keinen Cent mehr“. Im zweiten Satz steckt ein verstecktes Aber: Ich hätte Geld haben können, aber ich hatte keins. Für eine Challenge hieße das: „Ich hatte nur noch 12 Euro für fünf Tage“ statt „Ich hatte wenig Geld“.
Aber und deshalb im Short
Jenny Hoyos macht Shorts, also kurze Hochkant-Videos auf YouTube. Ihr Kanal hatte acht Millionen Abonnenten, als sie im Podcast 1of10 über ihre Arbeit sprach. Wie sie ein Short aufbaut, mit Hook, Vorschau und Übergang, steht in Der Aufbau eines Shorts.
Danach erzählt sie meist nach einem von zwei Mustern. Problem und Lösung. Oder „aber“ und „deshalb“. Für sie heißt das einfach: viel Veränderung in der Geschichte. Ohne Veränderung ist eine Geschichte keine.
Im Podcast Creator Science hat sie ein Beispiel spontan erfunden. „Ich ging spazieren, dann fing es an zu regnen, dann ging ich nach Hause.“ Langweilig. Mit der Regel: Ich ging spazieren, aber es fing an zu regnen. Deshalb rannte ich nach Hause. Der Regen prasselte auf mich, aber zum Glück hatte ich einen Schirm dabei. Deshalb kam ich nach Hause. Hoyos sagt: Es ist genau dieselbe Geschichte. Sie klingt nur viel spannender.
Ob ein Schirm, der plötzlich auftaucht, ein gutes „aber“ ist, ist eine eigene Frage. Sie steht in Überraschend, aber logisch.
In einem Short ist der Creator oft selbst die Figur. Jedes „aber“ ist ein Moment, in dem sein Plan nicht aufgeht.
Ein Beispiel: Greta macht Reise-Vlogs. Ihr Short heißt „20 Euro, 1 Tag: Komme ich bis ans Meer?“
- Der Zug kostet zwölf Euro. Deshalb bleiben ihr acht für den Rest.
- Aber vom Bahnhof zum Strand sind es noch 20 Kilometer, und der letzte Bus ist weg. Deshalb fragt sie an der Tankstelle nach einer Mitfahrt.
- Aber alle fahren in die andere Richtung. Deshalb malt sie ein Schild mit dem Namen des Ortes.
- Aber es wird dunkel, und noch hat keiner gehalten. Erst nach zwei Stunden hält ein Camper, der nur bis zum nächsten Dorf fährt. Sie steigt ein.
Erst schreiben, dann umschreiben
Isaac macht auf YouTube Videos darüber, wie man Shorts dreht, schneidet und Skripte schreibt. Seinen Ablauf zeigt er im Video „How I Actually Write Viral Scripts“ (So schreibe ich wirklich virale Skripte).
Die Regel kommt bei ihm erst im zweiten Durchgang. Ist der erste Entwurf fertig, liest er ihn noch einmal. Er stellt um, ergänzt, streicht und glättet die Sätze. Isaac sagt: Beim Schreiben notiert man die Punkte ganz natürlich so: Das passiert, und dann passiert das. Das ist zu linear, zu vorhersehbar, langweilig. Deshalb schreibt er um: Das passiert, aber das passiert, deshalb passiert das. Er beruft sich dabei auf die Autoren von South Park.
Für dich heißt das: Im ersten Entwurf darf „und dann“ stehen. Die Kette baust du beim Überarbeiten.
Das klappt auch bei Videos ohne Handlung. Ein Beispiel: Ein Challenge-Kanal erklärt, warum 30-Tage-Challenges oft schon in der ersten Woche scheitern.
Wie ein ganzes Tutorial als Geschichte funktioniert, steht in Das Tutorial als Geschichte.
Wenn „deshalb“ zu weit springt
Die Regel hat eine Falle. Auch ein „deshalb“ kann falsch sein, wenn es über eine Lücke springt.
Lajos Egri unterrichtete Theaterautoren. 1942 schrieb er ein Lehrbuch für sie, später erschienen unter dem Titel The Art of Dramatic Writing. Er nennt den Fehler „springenden Konflikt“: Eine Figur springt von einem Zustand in einen ganz anderen, ohne die Schritte dazwischen.
Sein Beispiel: Ein junger, harmloser Mann sieht, wie abgetragen sein Anzug ist. Deshalb beschließt er, eine Bank zu überfallen. Das ist unlogisch, schreibt Egri. Dafür bräuchte es mehrere Ereignisse, jedes schlimmer als das davor. Kein ehrlicher Mensch wird über Nacht zum Dieb.
Egri macht es mit Zahlen deutlich. Ein guter Konflikt wird Stufe für Stufe stärker: eins, zwei, drei, bis zehn. Ein springender Konflikt lässt Stufen aus: eins, zwei, dann fünf, sechs, dann neun, zehn.
Am Avatar-Abend sieht das so aus: „Ich hatte die Karten vergessen. Deshalb nahm ich ein Leihrad.“ Das ist ein „deshalb“, aber es springt. Wer zuhört, denkt: Warum nicht die Bahn? Warum kein Auto? Erst die zwei gescheiterten Versuche machen das Rad glaubwürdig.
Egri verlangt nicht, jeden Zwischenschritt zu zeigen. Es reicht, ihn anzudeuten, wenn man dabei versteht, was in der Figur vorgeht. Im Video ist das oft ein halber Satz: „Mit der Bahn hätte ich es nie geschafft.“
Nicht jede gute Geschichte ist so streng verkettet. Manche reihen lose Momente aneinander und tragen trotzdem. Wo die Grenze liegt, steht in Was ist eine Geschichte?
Übung: Schreib die Wörter dazwischen
- Nimm dein nächstes Skript oder dein letztes Video. Schreib jeden Schritt in eine eigene Zeile. Höchstens zehn Zeilen.
- Schreib zwischen jede Zeile das Wort, das wirklich passt: „und dann“, „aber“ oder „deshalb“. Ehrlich, nicht das, das du gern hättest.
- Bau jedes „und dann“ um. Frag: Was geht hier schief? Dann wird es ein „aber“. Oder: Warum folgt das aus dem Schritt davor? Dann wird es ein „deshalb“. Findest du beides nicht, streich die Zeile.
- Prüf jede Zeile allein. Würde sie auch als kurze Szene funktionieren? Wenn nicht, fehlt ihr ein eigener Grund.
- Prüf jedes „deshalb“. Würde jemand fragen „Warum nicht einfach …?“ Dann fehlt ein Schritt. Ein halber Satz reicht oft.
- Lies es laut. Klingt es nach „Aber … aber … aber …“, versteck ein paar Verbindungen: „stattdessen“, „trotzdem“, „also“, oder sag, was nicht ist.