Teil von Storytelling · Was ist eine Geschichte?
Das Ende einer Geschichte zählt nur wegen ihres Anfangs. In einem älteren Text habe ich es so beschrieben: Eine Figur hat am Ende Erfolg? Bedeutungslos, wenn wir sie vorher nicht kämpfen sahen. Eine Figur findet die Liebe? Das trifft nur, wenn wir vorher ihre Einsamkeit gespürt haben.
Der Spannungsbogen einer Geschichte ist der Weg von ihrem Startpunkt zu ihrem Ende. Auf Englisch heißt er Story Arc. Wie stark er wirkt, hängt am Abstand: Je weiter Anfang und Ende auseinanderliegen, desto stärker der Bogen. Ohne klaren Startpunkt gibt es keinen Abstand.
Das gilt für Romane, für Filme und für dein nächstes Video.
17 Grad: Es kommt auf den Vergleich an
Ob etwas groß, warm oder gut wirkt, hängt vom Vergleich ab. Ein Beispiel: Halte deinen Arm im Sommer in Wasser mit 17 Grad. Es fühlt sich kalt an. Halte ihn im Winter in dasselbe Wasser. Jetzt fühlt es sich warm an. Das Wasser hat sich nicht verändert, nur dein Bezugspunkt. In einer Geschichte ist der Startpunkt dieser Bezugspunkt. An ihm misst der Zuschauer alles, was danach kommt.
Vonneguts Formen von Geschichten
Kurt Vonnegut war ein amerikanischer Schriftsteller. Als Student schrieb er eine Master-Arbeit über die Formen von Geschichten. Die Universität lehnte sie ab. Vonnegut selbst hielt sie trotzdem für seinen größten Beitrag.
Seine Idee: Jede Geschichte hat eine Form, und man kann sie als Linie zeichnen. Waagrecht läuft die Zeit, vom Anfang bis zum Ende. Senkrecht steht, wie es der Hauptfigur geht, von großem Pech bis großem Glück. Die Linie, die dabei entsteht, ist die Form der Geschichte. In einem Vortrag sagte er, man könne diese einfachen Formen sogar in einen Computer eingeben. „Es sind schöne Formen.“
Ian Bousher hat in einem großen Schaubild Dutzende Modelle für den Aufbau von Geschichten nebeneinandergelegt. Für Vonnegut stehen dort vier Formen:
- Mann im Loch: Jemand lebt normal. Dann gerät er in Schwierigkeiten. Am Ende kommt er heraus und steht besser da als zu Beginn.
- Junge trifft Mädchen: Ein Tag wie jeder andere. Jemand entdeckt etwas Wunderbares, verliert es und bekommt es zurück.
- Aschenputtel: Am Anfang tiefster Kummer, die Stiefschwestern haben das Sagen. Dann kommt eine Glückssträhne: Die gute Fee erscheint, der Prinz verliebt sich. Um Mitternacht schlägt die Uhr, und alles ist weg. Am Ende passt der gläserne Schuh, und das Glück geht über jede Skala hinaus.
- Vom Schlechten zum Schlimmeren: Alles ist furchtbar. Dann wird es schlimmer. Und schlimmer.
Jede dieser Formen lebt vom Unterschied. Das Glück am Ende von Aschenputtel wirkt nur, weil wir sie bei den Stiefschwestern gesehen haben. Eine flache Linie ist keine Geschichte. Auch Geschichten, in denen sich die Hauptfigur kaum ändert, haben kleine Auf und Ab. Die Welt um sie herum bewegt sich.
Was 1.327 Bücher zeigen
Vonneguts Idee wurde 2016 mit dem Computer geprüft. Andrew Reagan und Kollegen von der University of Vermont in den USA nahmen 1.327 Geschichten aus Project Gutenberg, einer kostenlosen Online-Bibliothek. Es waren meist englische Romane und Erzählungen. Ein Programm las jedes Buch in kurzen Abschnitten und maß, wie fröhlich oder traurig die Wörter darin sind. So entstand für jedes Buch eine Gefühlskurve.
Die Forscher fanden sechs Grundformen:
- Vom Tellerwäscher zum Millionär: Es geht stetig bergauf.
- Tragödie: Es geht stetig bergab.
- Mann im Loch: erst runter, dann rauf.
- Ikarus: erst rauf, dann runter. Benannt nach der griechischen Sage von Ikarus, der mit Flügeln aus Wachs zu nah an die Sonne flog und abstürzte.
- Aschenputtel: rauf, runter, rauf.
- Ödipus: runter, rauf, runter. Benannt nach dem tragischen König der griechischen Sage.
Häufig heißt nicht beliebt. Die häufigste Form war die Tragödie, fast jedes dritte Buch. Am meisten heruntergeladen wurden andere: Ikarus, Ödipus und eine doppelte Mann-im-Loch-Form, also zweimal hintereinander runter und rauf. Die Forscher schreiben selbst, dass Downloads nur ein grobes Maß für Erfolg sind.
Mir fällt etwas auf: Alle drei beliebten Formen wechseln mindestens einmal die Richtung. Die beiden Formen, die nur in eine Richtung laufen, gehören nicht dazu. Das ist meine Beobachtung, kein Ergebnis der Studie. Die Studie hat außerdem Bücher gemessen, keine Videos. Für dein Video heißt das nur: Ein Weg mit Rückschlag hat mehr Bewegung als eine gerade Linie.
Den Anfang vom Ende her finden
Einfach gesagt: Such zuerst das Ende, dann sein Gegenteil. Das ist dein Anfang. So geht der Erzähler Matthew Dicks vor.
Dicks ist Grundschullehrer in den USA und erzählt auf der Bühne von The Moth wahre Geschichten aus seinem Leben. The Moth ist eine Erzähl-Veranstaltung aus New York, bei der Menschen frei und ohne Zettel erzählen. Dicks hat dort nach eigener Aussage 34 von 53 Wettbewerben gewonnen. In seinem Buch Storyworthy beschreibt er, wie er den Anfang einer Geschichte findet.
Für Dicks handelt jede gute Geschichte von einem Fünf-Sekunden-Moment. Das ist der Moment, in dem sich etwas für immer ändert. Man verliebt sich. Man versteht etwas über sich selbst. Man trifft eine Entscheidung, die das Leben dreht. Dieser Moment ist das Ende der Geschichte.
Den Anfang findet Dicks mit einer Frage: Was ist das Gegenteil dieses Moments? Dort beginnt die Geschichte. „Früher war ich so, jetzt bin ich so.“ „Früher dachte ich das, jetzt denke ich das.“ So entsteht der Bogen.
Sein Beispiel ist eine ausgedachte Liebeskomödie. Eine junge Frau arbeitet in einem Großraumbüro einer Bank. Ihr Freund, der ein Stockwerk höher arbeitet, macht am Telefon Schluss. Er zieht mit ihrer besten Freundin nach Tansania. Kurz darauf steht ihre Chefin am Tisch: Kündigung. In der nächsten Szene steht sie mit einem Karton voller Schreibtischkram auf dem Bürgersteig.
Wie der Film endet, weiß jeder. Das Gegenteil: Sie hat einen neuen Freund, und er ist kein Banker, sondern etwa Bildhauer oder Mechaniker. Sie hat einen neuen Job, und er ist nicht in einer Bank. Sie eröffnet zum Beispiel einen Laden für Cupcakes.
Die Veränderung muss weder positiv noch groß sein. Geschichten über Scheitern und Peinlichkeiten funktionieren laut Dicks hervorragend. Kleine Schritte sind dem Publikum lieber als der Erfolg über Nacht. Nur eins geht nicht: Wer erzählt, wie toll er war, was Tolles er tat und wie toll er ankam, erzählt keine Geschichte. Da fehlt der Startpunkt.
Der Spannungsbogen im Video
Viele Videos leben direkt von diesem Abstand: Vorher-Nachher-Videos, Selbstversuche, Umbauten, Fallstudien. In meinem alten Text stand dazu: Eine Verwandlung ohne klares Vorher ist flach. Ein Erfolg, bei dem man den Kampf nicht sieht, ist unverdient.
Ein Beispiel: Timo hat einen Dating-Kanal. Er macht ein Video darüber, wie er seine Schüchternheit losgeworden ist. Das Video könnte damit anfangen, wie er heute locker mit einer Frau im Café redet. Stärker ist der Abend vor zwei Jahren: Auf einer Party sitzt Timo zwei Stunden auf der Toilette, weil er sich nicht traut, jemanden anzusprechen. Erst durch diesen Abend sieht man, was das Gespräch im Café bedeutet.
Ein Beispiel aus einer anderen Nische: Ein Sanitärbetrieb zeigt, wie er eine alte Gasheizung gegen eine Wärmepumpe tauscht. Die neue Anlage allein ist ein Gerät im Keller. Das Vorher macht daraus eine Geschichte: die Familie im Januar mit Pullover im Wohnzimmer, der Heizkörper nur lauwarm, die letzte Gasrechnung auf dem Tisch.
Wenn du selbst vor der Kamera stehst, bist du meist die Figur. Dann ist dein eigenes Vorher der Startpunkt: dein erster Versuch, dein Fehler, deine Unsicherheit. Wer nur das Ergebnis zeigt, schneidet den Bogen ab.
Auch deine Zuschauer wollen von einem Vorher zu einem Nachher, von dem, was sie heute sind, zu dem, was sie sein wollen. Wie du das herausfindest, steht in Von A nach B: Wer deine Zuschauer sein wollen.
Das Vorher muss nicht vorn stehen
Ein klarer Startpunkt heißt nicht, dass dein Video ganz am Anfang beginnt. Viele gute Videos starten mitten im Geschehen. Warum, steht in Der Einstieg: Fang dein Video mitten im Geschehen an.
Das Vorher kann kurz nach dem Einstieg kommen, als Rückblick. Timo könnte mit dem Moment beginnen, in dem ihn eine Frau abblitzen lässt, und dann sagen: „Vor zwei Jahren hätte ich mich nicht mal getraut, sie anzusprechen.“ Ein Schnitt auf die Party, und der Zuschauer kennt den Startpunkt. Wichtig ist nur, dass er ihn kennt, bevor das Ende kommt.
Wie die Schritte zwischen Anfang und Ende zusammenhängen, steht in Aber und deshalb: Die Regel der South-Park-Macher.
Übung: Ende, Gegenteil, Abstand
- Schreib das Ende deines nächsten Videos in einen Satz. Was ist am Ende anders? Für dich, für eine Figur oder für den Zuschauer.
- Schreib das Gegenteil. Nach Dicks: „Früher war …, jetzt ist …“. Das Gegenteil ist dein Startpunkt.
- Prüf den Abstand. Sind Anfang und Ende fast gleich, ist der Bogen zu klein. Such ein Vorher, das weiter weg liegt.
- Mach das Vorher sichtbar. Welches Bild, welche Szene, welche Zahl zeigt es? Sagen reicht nicht, zeig es.
- Leg fest, wo das Vorher kommt. Ganz am Anfang oder als kurzer Rückblick nach dem Einstieg.
- Zeichne die Form. Welche von Vonneguts Formen hat dein Video? Ist es eine flache Linie, fehlt etwas.