Teil von Storytelling · Was ist eine Geschichte?
Bog ist Tech-YouTuber mit über 600.000 Abonnenten. Er macht Videos über Computer, Betriebssysteme und Spiele. Eines davon ist eigentlich eine Anleitung: wie man Windows so einrichtet, dass möglichst wenig Ballast drauf ist. Ballast heißt hier: vorinstallierte Programme, Werbung und KI-Funktionen, die niemand bestellt hat.
Als normale Anleitung hätte das Video so angefangen: „Windows ist überladen. Hier sind die Schritte, um das zu ändern.“ Bog fängt anders an. Sinngemäß: „Ich musste Windows komplett neu installieren, aus Gründen, die ich nicht verrate. Und ich mag es sauber, ohne Microsofts KI und Werbemüll. Also habe ich Folgendes gemacht.“ Dann tippt er „Windows 11 herunterladen“ ein.
Die Schritte sind dieselben. Aber Bog sagt dem Zuschauer nicht, was er tun soll. Er erzählt, was ihm passiert ist, wie in einer Challenge, in der jemand eine Herausforderung meistern will. Dadurch sei das Video viel interessanter, sagt er.
Ein Tutorial (englisch für Anleitung) zeigt, wie etwas geht. Storytelling im Tutorial heißt: Du zählst nicht nur Schritte auf. Du erzählst, wie jemand ein Ziel verfolgt und was ihm dabei im Weg steht. Wie das geht und wie die Geschichte bis zum Ende trägt, zeigt dieser Artikel.
Eine Geschichte hat nur zwei Teile
Bog sagt: Bricht man eine Geschichte auf ihren Kern herunter, „gibt es nur zwei Teile. Eine Absicht und ein Hindernis.“ Die Absicht ist das, was die Figur erreichen will. Das Hindernis ist alles, was ihr dabei im Weg steht.
Im Windows-Video ist die Absicht: Windows vom Ballast befreien. Die Hindernisse: Bog weiß nicht, was dabei kaputtgehen kann. Und es dauert lange.
Ein zweites Video von seinem Kanal: Ein Mann hat sich ein Rätsel ausgedacht und es Bog per E-Mail geschickt. Die Absicht: das Rätsel lösen. Das Hindernis: Bog weiß nicht, wie.
Solange es ein Ziel gibt und etwas im Weg steht, kannst du laut Bog eine Geschichte daraus machen. Was eine Geschichte sonst noch ausmacht, steht in Was ist eine Geschichte?.
Bog warnt aber selbst: Hast du nur ein einfaches Ziel und ein kleines Hindernis, „ist die Geschichte trotzdem Müll“. Zwei Dinge machen sie besser. Erstens Stakes, also das, was auf dem Spiel steht, wenn das Ziel nicht klappt. Beim Windows-Video heißt das: Bog muss weiter mit Werbung und Müll auf seinem Computer leben. Zweitens: Du machst sie persönlich.
Beides entscheidest du schon bei der Idee, vor dem Dreh. Wie das geht, steht in Stakes: Videoideen, bei denen viel auf dem Spiel steht. Hier geht es darum, was danach im Video passiert.
Aus der Anleitung wird ein Bericht
Für das Windows-Video hat Bog kaum etwas extra gedreht. Er hat aufgenommen, wie er Windows neu installiert und aufräumt, und seinen Kommentar darüber gesprochen. Das hätte er sowieso gemacht, sagt er.
Der Unterschied steckt in den Sätzen. Eine Anleitung sagt: „Geh hierhin, öffne das Terminal, füg diesen Befehl ein.“ Ein Bericht sagt: „Hier ist, was ich gemacht habe.“ Aus Anweisungen werden Ereignisse. Und Ereignisse passieren jemandem, der etwas will.
Ein Beispiel für einen Fitness-Kanal:
- Als Anleitung: „So baust du dir einen Trainingsplan für zu Hause. Erstens: Wähl drei Übungen. Zweitens: Trag die Termine in den Kalender ein.“
- Als Geschichte: „Ich hatte einen Trainingsplan aus dem Internet. Nach einer Woche hatte ich Muskelkater und keine Lust mehr. Ich wollte wissen, ob ein Plan mit nur drei Übungen für zu Hause länger hält. Also habe ich am Sonntag die ganze Woche aufgeschrieben. Der erste Versuch ging komplett daneben.“
Die Tipps sind in beiden Fassungen dieselben. In der zweiten gibt es eine Figur, ein Ziel und ein Hindernis. Der Zuschauer will wissen, ob es klappt.
Ein Beispiel für einen Edutainment-Kanal, also einen Kanal, der Wissen unterhaltsam vermittelt:
- Als Anleitung: „So lernst du mit Lernkarten.“
- Als Geschichte: „Ich hatte vier Tage bis zur Prüfung und 120 Fachbegriffe, die ich nicht konnte. Ich habe es mit Lernkarten versucht. Nach zwei Stunden saßen 15 Begriffe. In dem Tempo wäre ich nie fertig geworden.“
Das Hindernis ist genau die Stelle, an der viele Zuschauer selbst scheitern. In Tutorials ist das nach meiner Einschätzung fast immer so. Du musst die Hindernisse nicht erfinden. Du musst sie nur erzählen.
Fürs Video heißt das: Schreib den ersten Satz deines Tutorials als etwas, das passiert ist. Wer wollte was? Und was ging schief?
Halte das Ziel sichtbar
Ist die Geschichte gestartet, gibt Bog zwei Regeln. Die erste: Der Zuschauer muss zu jedem Zeitpunkt wissen, was dein Ziel ist und was dir im Weg steht. Sein Grund: „Zuschauer vergessen leicht.“ Deshalb erinnert er sie immer wieder daran, das ganze Video über.
Wie es ohne diese Regel aussieht, zeigt Bog an einem eigenen Video. Darin probiert er zum ersten Mal Roblox aus, eine Plattform mit vielen kleinen Online-Spielen. 1 Minute und 38 Sekunden lang läuft er nur herum. Dann erst nennt er ein Ziel: eines der Kinder im Spiel schlagen. Danach setzt er sich ein größeres: jedes weitere Spiel gewinnen. Die Zeit davor nennt Bog selbst einen Fehler.
Ab da ergibt laut Bog jedes gezeigte Spiel Sinn. Alles hängt an einer Frage: Schafft er alle oder nicht?
Ein Beispiel: Im Trainingsplan-Video sagt der Creator nach dem ersten Fehlversuch: „Drei Übungen auf einmal waren zu viel. Zweiter Versuch: jeden Morgen eine Übung, noch vor dem Kaffee.“ Ein Satz reicht, und der Zuschauer weiß wieder, worum es geht.
Wie du schon im Intro sagst, wohin dein Video geht, steht in Ziel und Fahrplan. Dort zählt der YouTuber CommonLuke die Hindernisse seiner Programmier-Projekte nach etwa einer Minute als Liste auf.
Fürs Video heißt das: Markier in deinem Skript jede Stelle, an der du an Ziel und Hindernis erinnerst. Wo lange keine Markierung kommt, fehlt eine.
Setz persönliche Zwischenziele
Bogs zweite Regel: Setz neben dem Hauptziel kleine persönliche Ziele. Sein Beispiel ist Ryan Trahan, ein bekannter amerikanischer YouTuber. In einem Video will Trahan herausfinden, wie viele Länder er in sieben Tagen besuchen kann. Unterwegs setzt er sich kleine Ziele. Ein Land darf er zum Beispiel erst verlassen, wenn er dort Waffeln probiert hat. Wie er im selben Video Stakes dazuerfindet, steht in Stakes.
Solche Zwischenziele geben dem Zuschauer laut Bog Etappen, auf die er sich freuen kann. Persönlich heißt: Es gibt einen Grund, warum du sie erreichen willst. Sie sind nicht beliebig.
Testet Bog ein neues Betriebssystem, setzt er sich Ziele: ein Programm installieren, einen Screenshot machen, ein Programm wieder löschen. Persönlich sind sie, weil genau das für ihn ein funktionierendes System ausmacht. Das Video soll nie wie eine zufällige Montage aus zusammengeklebten Clips wirken.
In einem anderen Video installiert Bog absichtlich Programme, die offensichtlich gefälscht sind. Dort stapelt er die Zwischenziele. Zuerst sagt er: Am Ende will er sehen, wie viel langsamer sein Lieblingsspiel läuft. Dann: Er hat ein Konto bei Steam angelegt, einem Laden für Computerspiele, und will sehen, ob es gestohlen wird. Dann dasselbe mit einem neuen E-Mail-Konto. Jedes Zwischenziel öffnet eine neue Frage.
Ein Beispiel für das Trainingsplan-Video. Drei Zwischenziele: eine Übung, die ich zehnmal ohne Pause schaffe. Eine ganze Woche ohne ausgefallenen Termin. Ein Mittwoch, an dem ich trotz Müdigkeit trainiere. Persönlich wird es durch einen Grund: „Seit Monaten sage ich: Nächste Woche fange ich an. Meine Schwester fragt schon nicht mehr danach.“
Fürs Video heißt das: Teil dein Tutorial in Etappen. Gib jeder Etappe ein kleines Ziel und einen Grund, warum es dir wichtig ist.
Ein Erklärvideo mit Krise
Isaac ist YouTuber und schreibt nach eigener Aussage seit sechs, sieben Jahren Skripte für Videos mit Millionen Views. In einem Video zeigt er, wie er schreibt. Darin fragt er sich selbst, was für ein Psycho eine Geschichte für ein Tutorial schreibt. Er macht es trotzdem.
Sein Beispiel ist ein früheres Tutorial übers Schneiden. Die Geschichte darin: Isaac hat einen erfolgreichen Kanal. In den Kommentaren fragen Zuschauer nach einem Schnitt-Tutorial. Er fängt an. Dann schleicht sich sein Perfektionismus ein. 60 Tage später schneidet er immer noch am selben Video. Erst an diesem Tiefpunkt findet er die Lösung. Er sagt sich: „Es ist gut genug.“ Und lädt das Video hoch.
Ohne diese Geschichte wäre es laut Isaac nur ein Schnitt-Tutorial mit ein paar nützlichen Tipps gewesen. Mit ihr sehen sich die Zuschauer in ihm wieder. Das größte Hindernis ist hier nicht technisch. Es steckt in Isaac selbst. Wie du so ein inneres Ziel für dein Video findest, steht in Was will die Figur?.
Isaac achtet auch auf die Reihenfolge. Viele fangen laut ihm mit den schwierigsten Dingen an. Das klingt klug, aber die meisten Zuschauer verstehen es nicht und gehen. Er gibt zuerst Kontext für alle, die das Thema nicht kennen. Dann kommen einfache Dinge, dann immer schwierigere. Für ein Tutorial als Geschichte heißt das nach meiner Einschätzung: Das erste Hindernis ist das leichteste, das letzte das schwerste.
Isaac weiß, dass ihn die schweren Teile am Ende etwas Retention kosten, also Zuschauer, die nicht bis zum Schluss bleiben. Er nennt das einen fairen Tausch für alle, die mehr lernen wollen.
Grenzen
Absicht plus Hindernis ist ein Werkzeug, keine Pflicht. So sieht es ein Video-Essay mit dem Titel Conflict doesn’t make a story good (Konflikt macht eine Geschichte nicht gut). Seine Aussage: Eine gute Geschichte braucht Sog und Bedeutung. Sog heißt: Der Zuschauer will wissen, wie es weitergeht. Bedeutung heißt: Ihm ist nicht egal, wie es ausgeht. Eine Figur, die etwas unbedingt will, ist nur eins von vielen Mitteln für Sog. Mehr dazu in Was ist eine Geschichte?.
Nicht jeder Zuschauer will eine Geschichte. Ein Beispiel: Wer „Windows Taskleiste nach links“ sucht, will die Lösung in Sekunden. Eine Vorgeschichte hält ihn nur auf. Das ist meine Einschätzung, keine Messung. Wer sucht, will etwas anderes als jemand, der durch Vorschläge scrollt. Mehr dazu in Zielgruppe erreichen.
Es sind Bogs eigene Gedanken. Bog sagt selbst, er wisse nicht, ob man das Regeln nennen kann. Es sei nur seine Art, über Storytelling nachzudenken. Seine Beispiele stammen alle von seinem eigenen Kanal. Wie viel länger die Leute dadurch zuschauen, sagt er nicht.
Übung: Dein Tutorial als Geschichte
- Nimm ein Tutorial, das du drehen willst. Schreib das Ziel in einen Satz: „Ich will …“
- Schreib drei Hindernisse auf. Am besten die Stellen, an denen deine Zuschauer selbst hängen bleiben. Ordne sie vom leichtesten zum schwersten.
- Schreib den ersten Satz als Bericht. Was ist passiert? Nicht: Was soll der Zuschauer tun?
- Gib jedem Hindernis ein Zwischenziel und einen persönlichen Grund, warum es dir wichtig ist.
- Markier die Erinnerungen. Wo im Skript sagst du noch einmal, was das Ziel ist und was im Weg steht?
- Nimm die Stoppuhr. Ab welcher Sekunde kennt der Zuschauer dein Ziel? Bei Bogs Roblox-Video war es Minute 1:38. Das fand er selbst zu spät.