Teil von Storytelling · Teil 1 von 12
Ein Beispiel: Zwei Creator erzählen vom selben ersten Lauf.
Der erste sagt: „Amelie ist laufen gegangen. Sie hatte eine rote Jacke an. Nach einer Runde um den See hat sie Wasser getrunken. Es hat geregnet.“
Der zweite sagt: „Amelie hatte dreimal mit dem Laufen angefangen und dreimal nach einer Woche wieder aufgehört. Deshalb nahm sie sich diesmal nur eins vor: jeden zweiten Tag zehn Minuten, nie mehr. Sie war sicher, dass sie nach zwei Wochen wieder aufgibt. Aber sie blieb dabei, weil zehn Minuten zu wenig waren, um eine Ausrede zu finden.“
Beide erzählen Ereignisse. Nur der zweite erzählt eine Geschichte. Was ist eine Geschichte also? Eine Geschichte ist eine Folge von Momenten, die miteinander verbunden sind und in denen sich etwas ändert.
Ich definiere eine Geschichte so: Jede Geschichte verbindet eine Situation A mit einer anderen Situation B. Die Verbindung entsteht durch Wahrscheinlichkeit und Kausalität. Kausalität heißt: Das eine passiert wegen des anderen. Anders gesagt: Eine Geschichte sind verbundene Momente, in denen sich etwas ändert. Und die Momente stehen wahrscheinlich und kausal zueinander.
Bei Amelie ist A: Sie will aufgeben. B: Sie hat eine Routine gefunden, die sie durchhält. Dazwischen stehen „deshalb“, „aber“ und „weil“. Beim ersten Creator steht zwischen den Momenten nur „und dann“.
Neu ist diese Idee nicht. Im Kern stammt sie von Aristoteles.
Wer war Aristoteles?
Aristoteles war ein griechischer Philosoph. Er lebte von 384 bis 322 vor Christus. Zwanzig Jahre lang lernte er in Athen bei Platon, später war er Lehrer des jungen Alexander des Großen. Er schrieb über Ethik, Politik, Biologie und vieles mehr. Und über Geschichten.
Sein Buch dazu heißt Poetik. Es geht vor allem um die Tragödie, das ernste Theaterstück im alten Griechenland. Und um das Epos, ein langes erzählendes Gedicht wie Homers Odyssee. Ein fertiges Buch ist es nicht. Erhalten sind Notizen, vielleicht für seinen Unterricht. Deshalb liest sich die Poetik schwer.
Trotzdem gilt sie bis heute als Grundlage. Robert McKee ist einer der bekanntesten Drehbuch-Lehrer. In seinem Buch Story schreibt er sinngemäß: Seit Aristoteles die Poetik schrieb, sind die Geheimnisse guter Geschichten öffentlich. Das sind mehr als 2.300 Jahre.
Drei Gedanken daraus brauchst du für jedes Video. Die Zitate stammen aus der englischen Übersetzung von Malcolm Heath.
Anfang, Mitte, Ende
Aristoteles schreibt: Ein Ganzes hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. Das klingt banal. Er meint aber nicht die Reihenfolge, sondern den Zusammenhang:
- Der Anfang braucht keine Vorgeschichte. Aber aus ihm folgt etwas.
- Das Ende folgt aus dem Vorherigen. Danach kommt nichts mehr.
- Die Mitte hängt an beiden Seiten: Sie folgt aus etwas und führt zu etwas.
Eine Geschichte darf also nicht an einem beliebigen Punkt anfangen oder aufhören. Am Anfang braucht niemand eine Vorgeschichte, am Ende bleibt keine Frage offen.
Für dein Video heißt das: Der Anfang ist Situation A. Der Zuschauer versteht sie ohne lange Erklärung. Amelie hat dreimal mit dem Laufen angefangen und dreimal aufgehört. Mehr braucht er nicht. Das Ende ist Situation B. Danach fragt niemand mehr: Und dann? Wo genau du anfängst, steht in Der Startpunkt.
Es muss passen: wahrscheinlich oder notwendig
Zwischen Anfang und Ende folgt ein Ereignis aus dem anderen. Aristoteles sagt: „nach Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit“. Einfach gesagt: Es muss passen.
Ein Beispiel für den Unterschied: Dass morgen früh die Sonne aufgeht, ist notwendig. Dass du morgen früh aufstehst, ist nur wahrscheinlich. Vielleicht bist du krank oder einfach faul. Was Menschen tun, ist fast nie notwendig, nur wahrscheinlich. Für eine Geschichte reicht das. Das Beispiel stammt vom Übersetzer Heath, nicht von Aristoteles.
Daraus folgt eine überraschende Aufgabe für jeden Erzähler. Aristoteles schreibt: Der Dichter soll nicht sagen, was geschehen ist. Er soll sagen, was geschehen würde. Also was zu diesen Menschen und dieser Lage passt. Das unterscheidet ihn vom Geschichtsschreiber.
Dein Zuschauer prüft also nicht, ob etwas wahr ist. Er prüft, ob es passt. Amelie nimmt sich diesmal nur zehn Minuten vor, weil große Pläne bei ihr schon dreimal gescheitert sind. Das glaubt man. Warum „Es ist wirklich so passiert“ trotzdem keine Ausrede ist, steht in Überraschend, aber logisch.
Der Weglass-Test
Aristoteles gibt dir einen einfachen Test. Lass einen Teil weg oder verschiebe ihn. Kippt die Geschichte, gehört er dazu. Merkt niemand etwas, gehört er nicht dazu.
Sein Beispiel ist Homers Odyssee. Sie erzählt, wie der Held Odysseus nach dem Trojanischen Krieg nach Hause zurückkehrt. Vieles aus seinem Leben lässt Homer weg. Zum Beispiel, wie Odysseus als junger Mann bei einer Jagd verletzt wurde. Oder wie er sich verrückt stellte, um nicht in den Krieg zu müssen. Beides ist Odysseus passiert. Aber das eine folgt nicht aus dem anderen.
Aristoteles‘ Regel: Eine Handlung wird nicht dadurch zu einem Ganzen, dass sie von einer Person handelt. Einem Menschen passiert unendlich viel. Das meiste hängt nicht zusammen.
Für Creator heißt das: Dein Vlog ist nicht automatisch eine Geschichte, nur weil du in jeder Szene vorkommst. Aristoteles nennt so etwas „episodisch“: Szenen, die nur nebeneinanderstehen und nicht auseinander folgen. Er hält sie für die schlechtesten Handlungen.
Mach den Test mit dem ersten Creator vom Anfang. Streich die rote Jacke. Ändert sich etwas? Nein. Also gehört sie nicht dazu. Streich bei Amelie den Satz „diesmal nur zehn Minuten“. Dann fällt die ganze Geschichte auseinander.
Was eine Geschichte von einer Liste unterscheidet
Ein Video-Essay auf YouTube kommt mit modernen Mitteln zu einem ähnlichen Ergebnis. Er heißt Conflict doesn’t make a story good. This does. (auf Deutsch etwa: Konflikt macht eine Geschichte nicht gut. Das hier schon.). Der Erzähler macht seit etwa zehn Jahren Filme und hat vorher Psychologie studiert. Seinen Namen nennt er im Video nicht.
Er und sein Schreibpartner haben bekannte Story-Modelle übereinandergelegt, etwa die Drei-Akt-Struktur und die Heldenreise, um zu sehen, was sie gemeinsam haben. Ihre einfachste Definition: Eine Geschichte ist eine verbundene Folge von Ereignissen, in der sich etwas ändert. Jedes Wort zählt.
Ohne Verbindung hast du eine Liste. Sein Beispiel, sinngemäß: Ich bin aufgewacht. Ich habe Toast gegessen. Ein Fuchs hat meinen Schuh geklaut. Jemand in Belgien hat im Lotto gewonnen. Das sind Ereignisse. Eine Geschichte sind sie nicht.
Ohne Veränderung hast du eine Überwachungskamera. Jemand sitzt zehn Minuten auf einem Stuhl. Nichts passiert. Danach sitzt er auf demselben Stuhl in derselben Lage.
Wichtig: Die Hauptfigur muss sich nicht ändern. Laut dem Essay kann sich auch die Lage ändern, eine Beziehung, das, was wir wissen, oder das, was etwas bedeutet.
Ein Beispiel: Ein Psychologie-Kanal erklärt, warum wir Aufgaben aufschieben. Am Anfang glaubt der Zuschauer: Ich bin einfach faul. Am Ende weiß er: Ich weiche einem unangenehmen Gefühl aus. Im Video hat sich niemand verändert. Aber das Wissen des Zuschauers. Auch das ist ein Weg von A nach B. Wie ein Erklärvideo zur Geschichte wird, steht in Das Tutorial als Geschichte.
Nicht verwechseln: In Von A nach B geht es darum, wer deine Zuschauer werden wollen. Hier geht es um den Weg innerhalb eines Videos.
Lose oder streng verbunden?
Aristoteles und der Essay sind verschieden streng. Dem Essay reicht eine lockere Verbindung: Ein Ereignis verursacht ein anderes, enthüllt es, verändert es oder gibt ihm Bedeutung. Sein Beispiel ist Forrest Gump. Der Film erzählt das Leben eines Mannes über Jahrzehnte. Ein klares Ziel treibt ihn nicht an. Ein Erlebnis führt zum nächsten. Trotzdem will man wissen, wohin sein Leben ihn führt.
Aristoteles will mehr: Das Nächste soll aus dem Vorherigen folgen.
Für dein Video heißt das: Eine lockere Verbindung reicht, damit es eine Geschichte ist. Je enger die Momente zusammenhängen, mit „deshalb“ und „aber“, desto besser wirkt sie. Das ist meine Einschätzung. Meine Definition liegt näher an Aristoteles: „wahrscheinlich und kausal“.
Die Verbindung muss übrigens nicht wirklich bestehen. Sie muss nur so aussehen. Aristoteles erzählt dazu die Geschichte einer Statue, die auf einen Mann fällt. Die steht in Überraschend, aber logisch.
Was eine gute Geschichte ausmacht: Sog und Bedeutung
Jetzt weißt du, was eine Geschichte ist. Aber was macht sie gut?
Oft liest man: Eine gute Geschichte braucht Konflikt. Oder eine Hauptfigur mit klarem Ziel. Oder eine Überraschung. Der Essay widerspricht. Seine Gegenbeispiele sind bekannte Filme:
- Lost in Translation (zwei Amerikaner freunden sich in einem Hotel in Tokio an) kommt ohne echten Konflikt aus.
- In Paterson fährt die Hauptfigur Bus, schreibt Gedichte und geht mit dem Hund spazieren. Ein großes Ziel verfolgt sie nicht.
- Bei Titanic weiß jeder, dass das Schiff sinkt. Überraschend ist das Ende nicht.
Konflikt, Ziel und Überraschung sind laut Essay gute Werkzeuge. Pflicht ist keines davon. Was eine gute Geschichte wirklich braucht, zeigt ein Gedankenexperiment:
- Ein Mann hat ein altes Handy. Darauf ist die einzige Aufnahme der Stimme seines Vaters, der vor ein paar Jahren gestorben ist. Er hat sie schon gehört. Das hat Gewicht. Aber es passiert nichts.
- Ein anderes Handy löscht sich in 30 Sekunden, wenn niemand den Code eingibt. Niemand kennt den Code. Jetzt passiert etwas. Aber auf dem Handy ist nichts Wichtiges. Es ist dir egal.
- Jetzt beides zusammen: Das Handy, das sich in 30 Sekunden löscht, enthält die einzige Aufnahme seines Vaters. Er hat sie noch nie gehört. Jetzt willst du, dass er den Code findet.
Der Essay nennt die zwei Zutaten Momentum und Significance. Auf Deutsch: Sog und Bedeutung.
- Sog lässt dich fragen: Was passiert als Nächstes?
- Bedeutung lässt dich fragen: Warum ist mir das nicht egal?
Sog heißt nicht Tempo. Ein langsamer Film kann viel Sog haben, ein Film mit Explosionen alle fünf Minuten kann langweilen. Und Bedeutung heißt nicht Größe. Wenn in einem Superheldenfilm die Welt untergehen soll, lässt dich das oft kalt. Der Essay trennt: Stakes sind, was passieren könnte. Bedeutung ist, warum es dich kümmert. Mehr in Stakes.
Bei Amelie ist der Sog die Frage: Hält sie durch? Die Bedeutung kommt daher, dass Amelie fast aufgegeben hätte. Meist entsteht Bedeutung durch eine Figur, die uns nicht egal ist. Im Video bist das oft du selbst. Warum Zuschauer mit einer Figur mitfiebern, steht in Die Figur.
Drei Prüffragen für dein Video
Der Essay endet mit drei Fragen. Du kannst sie an jedes Skript und jeden Schnitt stellen:
- Was ändert sich? Wenn sich nichts ändert, hast du vielleicht gar keine Geschichte.
- Was zieht mich nach vorn? Wenn nichts zieht, fehlt Sog.
- Warum ist es mir nicht egal? Wenn dir egal ist, wie es ausgeht, fehlt Bedeutung.
Was in diesem Teil noch kommt
Vier Artikel gehen tiefer:
- Aber und deshalb: Die Macher der Zeichentrickserie South Park binden mit zwei Wörtern jede Szene an die nächste.
- Überraschend, aber logisch: Eine Wendung muss nur kausal aussehen.
- Der Startpunkt: Das Ende ist nur so stark wie der Anfang.
- Das Tutorial als Geschichte: Auch ein Erklärvideo kommt von A nach B.
Danach geht es um die Bedeutung: Die Figur.
Übung: Dein Video von A nach B
- Nimm dein nächstes Video. Schreib Situation A in einen Satz. Wo steht der Zuschauer oder die Figur am Anfang?
- Schreib Situation B in einen Satz. Was ist am Ende anders? Die Lage, eine Beziehung, ein Wissen oder eine Bedeutung.
- Schreib die Momente dazwischen untereinander. Ein Moment pro Zeile.
- Schreib zwischen jede Zeile ein Wort: „deshalb“, „aber“ oder „und dann“. Jedes „und dann“ markierst du.
- Mach den Weglass-Test. Streich jeden Moment einzeln. Ändert sich nichts, fliegt er raus.
- Stell die drei Prüffragen. Was ändert sich? Was zieht nach vorn? Warum ist es nicht egal? Für jede Frage, die du nicht beantworten kannst, schreibst du auf, was fehlt.