Teil von Storytelling · Teil 4 von 12
Paddy Galloway ist YouTube-Stratege. Er hat unter anderem für MrBeast und den YouTube-Kanal von Red Bull gearbeitet. In einem langen Podcast-Gespräch knüllt er in Gedanken ein Blatt Papier zusammen. Neben der Kamera steht ein Papierkorb. „Ich werfe das jetzt in den Papierkorb“, sagt er. Die Reaktion des Zuschauers, sagt Galloway, wäre: Okay, schön.
Dann spielt er es weiter. Der Kameramann sagt: Das schaffst du nie. Jetzt bist du etwas mehr dabei. Nächste Stufe: Trifft er, bekommt jemand im Raum eine Million Dollar. Jetzt fragt sich jeder: Trifft er? Bekommt der andere das Geld?
Der Wurf ist derselbe geblieben. Geändert hat sich nur, was auf dem Spiel steht. Galloway sagt sinngemäß: Den Leuten ist etwas egal, bis du ihnen einen Grund gibst, dass es ihnen nicht egal ist.
Was auf dem Spiel steht, heißt im Englischen Stakes, wörtlich: Einsätze. Wie du Stakes schon in die Idee einbaust, steht in Stakes: Videoideen, bei denen viel auf dem Spiel steht. Hier geht es um den nächsten Schritt: Wie du im Video selbst Spannung aufbaust.
Spannung ist das Gefühl, wissen zu wollen, wie etwas ausgeht, weil einem das Ergebnis nicht egal ist. Es braucht also zwei Dinge. Eine offene Frage: Trifft er? Und einen Einsatz: Was passiert, wenn er trifft, und was, wenn nicht? In Was ist eine Geschichte? heißen diese beiden Zutaten Sog und Bedeutung.
Stakes lassen sich herstellen
Galloways Papierkugel zeigt: Auch eine völlig belanglose Handlung kann spannend werden. Er nennt fünf Arten, einen Einsatz herzustellen:
- Ein Gegner. Jemand sagt: Das schaffst du nicht. Galloways zweites Beispiel: Eine Frau läuft einen Marathon. Das allein ist wenig. Dann sagt sie: „Mein Ex-Mann hat sich von mir getrennt, weil er meinte, ich werde nie fit.“ Jetzt bist du viel stärker dabei. Galloway nennt das einen Klassiker der menschlichen Psychologie.
- Ein Zeitlimit. Es muss bis zu einem bestimmten Moment klappen.
- Eine Belohnung. Klappt es, gibt es etwas.
- Eine Strafe. Klappt es nicht, kostet es etwas.
- Die Angst, falsch zu entscheiden. Galloway nennt das FOMO, kurz für „fear of missing out“, die Angst, etwas zu verpassen. Sein Beispiel: Ein Video über ein neues iPhone wird spannender, wenn es sagt: Kauf nicht das falsche. Dann steht das Geld des Zuschauers auf dem Spiel.
Ein Beispiel: Ein Vlogger will eine Woche lang jeden Morgen um 5:30 Uhr aufstehen. Das ist dem Zuschauer egal. Dann sagt seine Mitbewohnerin Zoe in die Kamera: „Du verschläfst spätestens am dritten Tag.“ Das ist der Gegner. Der Vlogger gibt sich sieben Tage, das ist das Zeitlimit. Verschläft er auch nur einen Morgen, zahlt er Zoe das Essen für die ganze Woche. Das ist die Strafe. Schafft er alle sieben, kocht Zoe einen Monat lang für ihn. Das ist die Belohnung.
Galloway gibt selbst zu: Seine Einsätze für den Papierwurf sind fast schon albern. Das Prinzip gilt trotzdem. Der Einsatz muss aber zum Video passen. Warum ein Finanz-Video mit Schleim über dem Kopf des Creators danebengeht, steht in Stakes.
Wann der Einsatz ins Video gehört
Der Einsatz muss feststehen, bevor das Ergebnis kommt. Das YouTube-Duo Sticks rät sogar davon ab, Stakes zu erfinden. Ist dein Video langweilig, sagen die beiden, war dein Ziel nicht groß genug. Falsche Stakes nachträglich dazuzufügen, auch im Schnitt, hilft dann nicht. Ihr Beispiel steht in Stakes.
Das klingt nach einem Widerspruch zu Galloway. Ist es aber kaum. Bei Galloway steht der Einsatz fest, bevor die Kugel fliegt. Erst danach kommt der Wurf. Sticks wehren sich nur gegen Stakes, die erst nach dem Dreh dazukommen: ein dramatischer Kommentar über Bildern, in denen nichts auf dem Spiel stand.
Entscheidend ist also die Reihenfolge. Drei Fragen helfen dir beim Skript:
- Weiß der Zuschauer, was passiert, wenn es klappt?
- Weiß er, was passiert, wenn es nicht klappt?
- Erfährt er beides, bevor er das Ergebnis sieht?
Ein Beispiel: Das Aufsteh-Video beginnt mit dem Ergebnis: „Ich habe alle sieben Morgen geschafft.“ Erst danach erzählt es von der Wette. Alle drei Antworten sind da. Nur zu spät. Die Spannung ist weg, bevor sie entstehen konnte.
Spannung im Video entsteht durch Warten, nicht durch Tempo
Michael Hauge berät seit Jahrzehnten Drehbuchautoren in Hollywood. In seinem Buch Writing Screenplays That Sell erklärt er Spannung an Der weiße Hai. In dem Film greift ein Hai vor einem Badeort Menschen an, drei Männer machen Jagd auf ihn.
Fragt man Leute, worum es in dem Film geht, sagen sie: um einen Hai. Doch laut Hauge ist der Hai in zwei Stunden Film nur etwa 15 Minuten zu sehen, oft nur seine Rückenflosse. Was die Zuschauer im Sitz hält, ist etwas anderes. Es ist die Erwartung, was Schreckliches passiert, wenn der Hai angreift.
Der Zuschauer ahnt, was kommt, und wartet darauf. Hauge nennt das anticipation, auf Deutsch Vorwegnahme. Spannung ist deshalb nicht dasselbe wie Tempo. Ein Video mit vielen schnellen Schnitten kann langweilen, ein ruhiges kann fesseln. Mehr dazu in Was ist eine Geschichte?.
Ein Beispiel: Ein Vlogger sagt am Anfang: „Heute Abend koche ich zum ersten Mal für zwölf Gäste. Fünf Gänge, ein Backofen, und ich habe noch nichts eingekauft.“ Danach zeigt das Video, wie er einkauft, Gänge streicht, mit seiner Mutter telefoniert, den Tisch zu früh deckt. Nichts davon ist für sich spannend. Aber jede Minute bringt den Moment näher, auf den der Zuschauer wartet.
Hauge ergänzt eine Pflicht: Wer eine Erwartung aufbaut, muss sie einlösen. Wartet der Zuschauer zehn Minuten auf das Essen, muss das Essen im Video vorkommen. Wann du ein Versprechen einlöst, steht in Bestätigen heißt nicht verraten.
Der Werkzeugkasten aus Hollywood
Hauge hat eine Checkliste mit Werkzeugen, die er Szene für Szene auf ein Drehbuch anwendet. Mehrere davon bauen Spannung auf. Für Videos sind diese die wichtigsten:
| Werkzeug | Was der Zuschauer denkt | Im Video | Mehr dazu |
|---|---|---|---|
| Vorwegnahme | „Gleich passiert es.“ | Den großen Moment früh ankündigen | dieser Artikel |
| Überlegene Position | „Ich weiß etwas, das sie nicht weiß.“ | Den Zuschauer einweihen, die Figur nicht | Spannung oder Überraschung? |
| Überraschung | „Damit habe ich nicht gerechnet.“ | Eine Erwartung aufbauen und brechen | Spannung oder Überraschung? |
| Bedrohung | „Hoffentlich geht das gut.“ | Zeigen, was der Figur droht: Blamage, Verlust, Scheitern | Stakes aufbauen |
| Tickende Uhr | „Schafft sie es rechtzeitig?“ | Eine echte Frist setzen und zeigen | Die tickende Uhr |
| Steigender Konflikt | „Jetzt wird es noch schwerer.“ | Jede Stufe anders als die letzte, nicht nur größer | Eskalation |
| Echo | „Wie anders es jetzt ist.“ | Derselbe Gegenstand am Anfang und am Ende | dieser Artikel |
Die Bedrohung ist bei Hauge nicht nur Lebensgefahr. In Komödien und Dramen droht der Figur die Bloßstellung, ein Verlust oder das Scheitern. Für Vlogs und Challenges ist das die wichtigste Zeile: Selten geht es um Leben und Tod. Fast immer geht es um Blamage und Scheitern.
Das Echo: Ein Gegenstand zeigt, wie weit es gekommen ist
Das Echo baut keine Spannung im engeren Sinn auf. Es macht spürbar, wie sehr sich eine Figur verändert hat. Dafür kommt derselbe Gegenstand am Anfang und am Ende vor. In den Worten von Was ist eine Geschichte?: Es liefert Bedeutung, nicht Sog.
Hauge erklärt es mit einem Bild. Du besuchst nach Jahren deine alte Schule. Das Gebäude hat sich nicht verändert. Du schon. Am gleichen Gebäude merkst du, wie weit du gekommen bist.
Sein Filmbeispiel ist Die Waffen der Frauen (im Original Working Girl). Tess ist Sekretärin aus Staten Island, einem Stadtteil von New York. Sie gibt sich an der Wall Street als Börsenmaklerin aus. Dreimal fährt sie im Film mit derselben Fähre nach Manhattan:
- Am Anfang: große Frisur, große Ohrringe, Turnschuhe für den Weg. Sie sieht aus wie die Sekretärin, die sie ist.
- In der Mitte: spät in der Nacht. Sie hat gerade den Heiratsantrag ihres alten Freundes abgelehnt, vor aller Augen. Jetzt sieht sie aus wie eine Maklerin, kurze Haare, teure Kleidung. Aber sie wirkt verloren.
- Gegen Ende: Sie wurde gefeuert, der Schwindel ist aufgeflogen. Kein Make-up, Jeans, Turnschuhe. Sie ist weder das eine noch das andere.
Die Fähre bleibt dieselbe. Nur Tess ändert sich. Deshalb sieht der Zuschauer die Veränderung, ohne dass jemand sie erklärt.
Ein Beispiel: Ein Video begleitet eine schüchterne Vloggerin auf einer Woche Solo-Reise. Am ersten Abend sitzt sie im Hostel allein am Ecktisch und starrt aufs Handy. Am letzten Abend sitzt sie am selben Tisch, mitten in der Runde. Das Handy liegt umgedreht daneben. Kein Kommentar nötig.
Was in diesem Teil noch kommt
Vier Artikel gehen tiefer:
- Stakes aufbauen: Der Geschichtenerzähler Matthew Dicks hat fünf Strategien, mit denen er den Einsatz beim Erzählen spürbar macht.
- Spannung oder Überraschung?: Soll der Zuschauer mehr wissen als die Figur? Alfred Hitchcocks Bombe im Schreibtisch.
- Die tickende Uhr: Eine Frist macht aus einer Aufgabe ein Rennen.
- Eskalation: Jedes Hindernis muss größer werden als das letzte.
Ohne ein Hindernis steht nichts auf dem Spiel. Was der Figur im Weg stehen kann, steht im Teil davor: Konflikt.
Grenzen
Hergestellte Einsätze nutzen sich ab. Galloway nennt seine Papierkorb-Stakes selbst fast albern. Eine Million Dollar für einen Wurf glaubt niemand lange. Je echter der Einsatz, desto länger trägt er.
Spannung braucht eine Figur, die dir nicht egal ist. Ein fremder Mann, der einen Marathon läuft, interessiert dich wenig. Eine Frau, die ihrem Ex beweisen will, dass er falschlag, interessiert dich. Warum, steht in Die Figur.
Nicht durchgehend auf Hochtouren. Hauge sagt: Eine Actionszene, die 30 Minuten dauert, gibt es nicht. Auf starke Momente müssen ruhigere folgen, damit der Zuschauer durchatmen kann. Im Weißen Hai vergleichen die drei Männer an Bord in Ruhe ihre Narben. Dann kommt der Hai.
Nicht auf Kosten anderer. Ein Einsatz, den jemand trägt, der nicht gefragt wurde, ist kein Einsatz von dir. Der Mitbewohner im Beispiel macht freiwillig mit. Mehr in den Grenzen von Stakes.
Übung: Ein Wurf, fünf Einsätze
- Nimm eine Handlung aus deinem nächsten Video, die für sich langweilig ist. Eine Nachricht schreiben, ein Foto hochladen, ein Gespräch führen.
- Schreib sie als einen Satz, wie Galloway: „Ich werfe das in den Papierkorb.“
- Füg Galloways fünf Arten nacheinander hinzu: einen Gegner, ein Zeitlimit, eine Belohnung, eine Strafe, die Angst, falsch zu entscheiden. Schreib jede als eigenen Satz.
- Streich alles, was du nicht echt drehen kannst. Behalte ein oder zwei Einsätze.
- Prüf die Reihenfolge im Skript. Erfährt der Zuschauer den Einsatz, bevor er das Ergebnis sieht?
- Such ein Echo. Gibt es einen Gegenstand, einen Ort oder einen Satz, der am Anfang und am Ende vorkommen kann?