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Recherche · 14.10.2026 · Oliver Bayer

Ausreißer finden: So erkennst du mit der 3×-Regel, welche Videos in deiner Nische wirklich funktionieren

Ist das ein Ausreißer? Dasselbe Video mit 54.000 Views bei zwei Kanälen. Beim Kanal, der normal 12.000 holt, ragt es grün heraus: Faktor 4,5. Beim Kanal, der normal viel mehr holt, ist es kleiner als die anderen Videos.

Teil der Content-Recherche · Deine eigene Nische

Paddy Galloway ist einer der bekanntesten YouTube-Strategen. Er hat unter anderem für MrBeast und Red Bull gearbeitet. Trotzdem lernt er nach eigener Aussage am meisten von winzigen Kanälen.

Sein Beispiel: Alle fragen, wie MrBeast wächst. Galloway schaut lieber auf einen Kanal mit 100 Abonnenten, der gerade ein Video mit 3.000 Views veröffentlicht hat. Er vergleicht das mit einem Investor, der eine kleine Firma entdeckt. Die Firma hat ihren Umsatz in einem Monat verdreifacht. Klein, aber interessant. Dann fragt Galloway: Liegt es an der Nische? An der Umsetzung? Warum funktioniert das?

So ein Video heißt Ausreißer, auf Englisch Outlier. Es lief viel besser als die anderen Videos desselben Kanals. Hier lernst du, wie du Ausreißer findest, wie du sie prüfst und was du aus ihnen lernst.

Die Regel: dreimal so gut wie der eigene Kanal

Galloways Regel ist einfach. Ein Video ist interessant, wenn es mindestens drei- bis viermal so viele Views hat wie der Durchschnitt seines Kanals.

Der Vergleich mit dem eigenen Kanal ist der Kern. Ein großer Kanal hat viele Abonnenten, eine bekannte Person vor der Kamera und Zuschauer, die jedes neue Video anklicken. Sein Video läuft also auch dann gut, wenn die Idee mittelmäßig ist. Ein kleiner Kanal hat diesen Vorsprung nicht. Holt er trotzdem das Dreifache, lag es am Video selbst: am Thema, am Titel oder am Vorschaubild, dem sogenannten Thumbnail.

Galloway rechnet deshalb auch kaum mit Abonnenten. Er sagt, sie seien heute vor allem eine Zahl, an der man den Spielstand abliest. Für die Recherche zählen die Views der einzelnen Videos.

Schritt 1: Bestimm den normalen Wert des Kanals

Bevor du ein Video bewerten kannst, brauchst du den normalen Wert seines Kanals. Galloway spricht vom Durchschnitt. Ein einzelner Riesenhit verzerrt den Durchschnitt aber stark. Besser ist der Median: Du sortierst die Views der letzten Videos und nimmst den Wert in der Mitte.

Durchschnitt oder Median? Ein Beispiel: ein großer Kanal über Heizungstechnik. Zehn Balken für die letzten zehn langen Videos: einer mit 300.000 Views, neun viel kleinere. Die gestrichelte Linie Durchschnitt 40.400 liegt weit über allen neun normalen Videos, die Linie Median 12.000 mitten zwischen ihnen.

Ein Beispiel: Ein Sanitärbetrieb plant einen YouTube-Kanal über Wärmepumpen. Er schaut sich einen großen Kanal über Heizungstechnik an. Die letzten zehn langen Videos haben 8.000, 9.000, 10.000, 11.000, 12.000, 12.000, 13.000, 14.000, 15.000 und 300.000 Views. Der Durchschnitt liegt bei 40.400. So viel holt aber keines der neun normalen Videos. Der Median liegt bei 12.000. Das ist der Wert, den ein normales Video dieses Kanals erreicht.

Drei Dinge lässt der Betrieb dabei weg: – Videos, die jünger als zwei Wochen sind. Sie wachsen noch. – Shorts. Kurze Videos haben ganz andere Zahlen als lange. Vergleich lange Videos nur mit langen. – Videos aus einer anderen Zeit des Kanals. Hat ein Kanal vor drei Jahren das Thema gewechselt, zählen nur die Videos danach.

Schritt 2: Rechne den Faktor aus

Jetzt teilst du die Views eines Videos durch den normalen Wert des Kanals. Das Ergebnis ist der Faktor.

Im Beispiel: Auf demselben Heizungskanal hat das Video „Heizkörper wird nicht warm? Der 5-Minuten-Trick“ 54.000 Views. 54.000 geteilt durch 12.000 ergibt 4,5. Das Video lief also viereinhalbmal so gut wie üblich. Mit dem Durchschnitt hätte der Betrieb nur 1,3 gerechnet und das Video übersehen.

Dann findet der Betrieb den kleinen Kanal eines Installateurs mit 300 Abonnenten. Normal sind dort 400 Views. Ein Video heißt „Heizkörper entlüften in 2 Minuten“ und hat 6.000 Views. Das ist der Faktor 15. Die Zahl ist klein, der Faktor riesig. Genau solche Videos meint Galloway.

Ab dem Faktor 3 kommt ein Video in die Liste. Bei 2 oder 2,5 schaut der Betrieb genauer hin, nimmt es aber nicht auf.

Schritt 3: Prüf das Alter

Ein Ausreißer von vor fünf Jahren sagt wenig darüber, was deine Zielgruppe heute sehen will. Galloway sucht deshalb meist in den letzten 365 Tagen. Für einen ganz neuen Kanal geht er zwei Jahre zurück.

Jake Trinder sieht das genauso. Trinder baut YouTube-Kanäle für Unternehmen auf und betreut nach eigener Aussage über 100 Kanäle. Er rät: Schau immer, wann ein Video erschienen ist. Sein Beispiel stammt aus der Nische Künstliche Intelligenz. Ein Thema, das dort vor einem Jahr viele Views brachte, ist heute erledigt. Wer jetzt noch ein Video dazu macht, hat verloren.

Auch bei Heizungen veralten manche Themen schnell. Ein Video über Förderregeln, die inzwischen geändert wurden, kann ein Ausreißer gewesen sein. Heute hilft es niemandem mehr. Andere Fragen kommen jeden Winter wieder: Warum wird der Heizkörper nicht warm? Solche Themen heißen Evergreen: Sie bringen über Jahre gleichmäßig Views. Als Werbetexter für einen Sanitärbetrieb habe ich es bei Anzeigen ähnlich erlebt. Sie liefen das ganze Jahr, die Heizsaison war nur die heiße Phase. Trinder schaut sich dafür den Verlauf der Views an. Steigt die Kurve seit Jahren gleichmäßig, ist das Video Evergreen. Kamen fast alle Views in den ersten Wochen, war es eher ein Trend.

Schritt 4: Prüf, ob die Views echt sind

Manche Kanäle bezahlen Werbung für ihre Videos. Dann kommen die Views nicht von Zuschauern, die das Video freiwillig angeklickt haben. Trinder warnt: Ein Video mit 2 Millionen Views kann in Wahrheit ein Flop sein, wenn die Views aus Anzeigen kommen.

Sein Prüfmittel sind die Kommentare. Viele Views und fast keine Kommentare sind verdächtig. Eine feste Schwelle nennt er nicht. Am einfachsten vergleichst du innerhalb desselben Kanals.

Ein Beispiel: Der Kanal eines Wärmepumpen-Herstellers hat ein Video mit 900.000 Views und 40 Kommentaren. Seine anderen Videos haben um die 100.000 Views und je 300 Kommentare. Neunmal so viele Views, aber ein Bruchteil der Kommentare. Der Sanitärbetrieb streicht das Video von seiner Liste.

Schritt 5: Frag, was den Unterschied gemacht hat

Ein Ausreißer allein ist noch keine Idee. Erst die Frage nach dem Warum macht ihn nützlich.

Galloway sagt: Bei einem Ausreißer liegt es selten am Schnitt oder am Intro. Meist liegt es am Packaging, also an Titel und Thumbnail. Er fragt deshalb: Was hat der Kanal beim Packaging dieses Videos anders gemacht als sonst?

Der Sanitärbetrieb legt das Heizkörper-Video neben die normalen Videos des Kanals. Die normalen Titel nennen ein Projekt: „Wärmepumpe Einbau, Teil 3“. Der Ausreißer nennt ein Problem, das fast jeder Hausbesitzer kennt, und verspricht eine schnelle Lösung.

Das MKBHD-Team rund um den Technik-YouTuber Marques Brownlee zeigt, was danach kommt. Ein Video mit dem Titel „Bro, I am begging you to read some fiction“ (übersetzt: „Bro, ich flehe dich an, lies mal Romane“) kam auf 1,2 Millionen Views. Für seinen Kanal war das riesig. Viele kopierten danach einfach den Titel. Die klügeren Creator machten etwas anderes. Manche nahmen den Satz als Einstieg und stellten dann eigene Romane vor. Einer drehte ihn um: „Ich flehe dich an, schreib Sachbücher.“ Das Team sagt: Wer versteht, warum ein Video ankommt, kann es leicht auf die eigene Nische übertragen.

Der Betrieb übernimmt also nicht den Heizkörper. Er übernimmt das Muster: ein bekanntes Ärgernis und eine schnelle Lösung. Sein erstes Video: „Wärmepumpe zu laut? Der Trick mit dem Standort“.

Wie du die Ursache eines Ausreißers sauber herausarbeitest, zeigt der Artikel Kopier die Ursache, nicht die Worte.

Werkzeuge: Was 1of10, ViewStats und vidIQ zeigen

Du kannst alles von Hand rechnen. Werkzeuge sparen Zeit. Die bekanntesten heißen 1of10, ViewStats und vidIQ. Was sie können, beschreiben die Quellen so:

  • Der Ausreißer-Wert neben jedem Video. Das MKBHD-Team nennt 1of10 und vidIQ als Erweiterungen für den Browser Chrome. Sie zeigen den Wert direkt im YouTube-Feed neben den Videos an. Je höher die Zahl, desto größer der Ausreißer.
  • Der Verlauf der Views. Trinder prüft mit der kostenlosen Erweiterung von ViewStats, ob ein Video Evergreen ist.
  • Fragen per KI. Galloway verbindet nach eigener Aussage Claude, einen KI-Assistenten, mit vidIQ. Dann fragt er etwa: „Finde die 20 meistgesehenen Videos der letzten 365 Tage zu diesem Thema.“

Galloway sagt: Welches Werkzeug du nimmst, ist nicht so wichtig. Hauptsache, es zeigt dir den Schnitt eines Kanals und den Ausreißer-Wert eines Videos.

Ein Hinweis zu den Interessen: Der Gastgeber des Podcasts, in dem Galloway das erzählt, empfiehlt 1of10 und verlinkt einen Rabattcode. 1of10 hat einen eigenen Podcast und verkauft Strategie-Betreuung für YouTuber. Galloway selbst verkauft Beratung und ein Trainingsprogramm. Das macht ihre Ratschläge nicht falsch. Aber alle drei verdienen daran, dass Ausreißer-Recherche wichtig wirkt.

Drei typische Fehler

1. Du schaust auf Views statt auf den Faktor. 500.000 Views bei einem Kanal, der sonst 2 Millionen holt, sind ein Misserfolg. Wer nur nach Views sortiert, landet immer bei den größten Kanälen und lernt wenig.

2. Du schaust nur auf große Kanäle. Bei großen Kanälen läuft vieles wegen des Namens. Bei kleinen Kanälen zeigt ein Ausreißer klarer, dass die Idee gezogen hat.

3. Du kopierst den Titel Wort für Wort. Das MKBHD-Team sagt: Damit hast du kurzfristig vielleicht sogar Erfolg. Aber du hast nicht verstanden, warum das Video ankam. Beim nächsten Mal stehst du wieder ohne Idee da.

Wo die Regel an Grenzen stößt

Ein Ausreißer ist ein Hinweis, kein Beweis. Vielleicht haben dieselbe Idee 20 andere Kanäle versucht und sind gescheitert. Die siehst du in keiner Ausreißer-Liste. Wie du die Flops findest, zeigt Untersuch auch die Flops.

Die Suche zeigt dir vor allem Gewinner. YouTube sortiert Suchergebnisse auch danach, wie beliebt ein Video ist. Wer nur über die Suche recherchiert, sieht deshalb mehr Erfolge, als es gibt.

Ein Ausreißer kann mehrere Ursachen haben. Titel, Thumbnail, Aufbau, ein Gast, ein aktueller Anlass. Wer die falsche Ursache übernimmt, kopiert das Falsche.

Übung: deine Ausreißer-Tabelle

  1. Nimm fünf Kanäle deiner Nische, davon mindestens zwei kleine.
  2. Bestimm bei jedem den Median der letzten zehn langen Videos.
  3. Rechne bei jedem Video den Faktor aus. Trag alles ab Faktor 3 in die Tabelle ein.
  4. Prüf Alter und Kommentare. Streich verdächtige Videos.
  5. Schreib in die letzte Spalte, was anders war als bei den normalen Videos des Kanals.
KanalTitelViewsMedian KanalFaktorAlterKommentare normal?Was war anders?
Großer Heizungskanal (Beispiel)Heizkörper wird nicht warm? Der 5-Minuten-Trick54.00012.0004,55 MonatejaProblem + schnelle Lösung statt Projekt
Installateur, 300 Abos (Beispiel)Heizkörper entlüften in 2 Minuten6.000400158 MonatejaZeitangabe, Ärgernis im Winter

Pflege die Tabelle jede Woche ein wenig weiter. Galloway sammelt solche Videos in eigenen YouTube-Playlists. Wie das geht, zeigt Study-Playlists.

Wer hier schreibt

Oliver Bayer

Oliver Bayer

Sammelt, was erfolgreiche Creator anders machen, und übersetzt es in einen Ablauf, den du für jedes Video nutzen kannst.

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