Teil von Storytelling · Die Bedeutung
Corey Mandell ist 23 und studiert noch Film. Er hat gerade eine Filmidee an Ridley Scott verkauft, den Regisseur von Alien und Blade Runner. Jetzt sitzt er in London in Scotts Büro, um die Geschichte auszuarbeiten. Scott fragt: Worum geht es in deinem Film? Mandell erzählt die Handlung. Scott sagt: Ja, aber worum geht es wirklich?
Mandell gibt eine Antwort. Scott fragt wieder. Und wieder. Am nächsten Tag dieselbe Frage. Fünf Tage lang. Dann sagt Mandell einen Satz, und Scott sagt: Schreib das auf. Lies es vor. Ändere dieses Wort. Lies es noch mal. Kreis es ein. Das ist es.
Das Thema einer Geschichte ist nach Mandell das eine Erlebnis, das alles darin verbindet. Kein Schlagwort und keine kluge These, sondern ein Gefühl, das der Zuschauer mitnimmt, auch wenn er es nicht benennen kann.
Warum ein Thema, nicht drei
Mandell ist heute Drehbuchlehrer, unter anderem an der Filmhochschule der UCLA in Los Angeles. Mehr über ihn steht in Positionierung als Creator. Um zu zeigen, warum die Frage so wichtig ist, erzählt er eine ausgedachte Geschichte.
Ein Freund will Häuser bauen. Er erbt eine kleine Insel. Das Material reicht für genau ein Haus. Er fragt dich: Strandhaus, Waldhaus oder Berghaus? Alles gut, sagst du, such dir eins aus. Jahre später zeigt er dir die Insel. Er konnte sich nicht entscheiden. Ein Stück Haus steht am Strand, eins im Wald, eins am Berg. Drei Trümmerhaufen. Niemand will einen Trümmerhaufen kaufen.
So bauen viele Autoren ihre Geschichten, sagt Mandell. Ein Teil handelt von diesem, ein Teil von jenem. Seine Regel: Handelt eine Geschichte von mehr als einer Sache, handelt sie von nichts.
Ein Gefühl, kein Schlagwort
Mandell nennt Beispiele.
Paddy Chayefsky schrieb das Drehbuch zu Network, einem Film von 1976 über einen Fernsehsender, der für Einschaltquoten alles tut. Laut Mandell brauchte Chayefsky ein Jahr, bis er wusste, worum es geht: Wie lebst du in einer Gesellschaft, die das menschliche Leben nicht mehr wertschätzt? Er schrieb die Frage auf einen Zettel und hängte ihn über seine Schreibmaschine. Dasselbe berichtet der Drehbuchlehrer Robert McKee.
Bruce Springsteen hatte für sein Album Born to Run Dutzende Seiten Liedtexte. Mit seinem Produzenten suchte er lange nach dem einen Erlebnis des Albums. Die Antwort: Freundschaft. Wie sich Freundschaft mit Anfang zwanzig im Sommer anfühlt, wenn alles möglich scheint. Danach blieb von den vielen Seiten ungefähr eine halbe übrig.
Bei Network ist der Kern eine Frage, bei Born to Run ein einziges Wort. Beides ist keine Behauptung, über die man streiten könnte. Deshalb sagt Mandell, der Kern sei „nicht intellektuell“. Er beschreibt, was der Zuschauer erlebt, nicht, was er denken soll. Wie man daraus eine Behauptung macht, die das Video beweist, steht in Die Prämisse.
Bester Freund und schlimmster Feind
Wie wichtig Mandell die Frage nimmt, zeigt eine Zahl. Er erzählt von Frank Pierson, dem Drehbuchautor von Hundstage mit Al Pacino. Pierson hatte vier Monate für sein Drehbuch. Drei Monate brauchte er, um herauszufinden, worum es geht. Einen Monat zum Schreiben.
Sobald du den Kern kennst, sagt Mandell, ist er dein bester Freund und dein schlimmster Feind. Freund, weil du endlich weißt, was dazugehört. Feind, weil er dir auch Gutes wegnimmt.
Bei Scott passierte genau das. Das Team fand lange keinen guten Anfang für den Film. Eines Tages kam Scott begeistert mit einer Idee. Mandell schrieb mit und bekam Gänsehaut. Kurz vor dem Ende brach Scott ab: Den können wir nicht nehmen. Er hat nichts mit dem zu tun, worum es geht.
Ein Beispiel: Ein Wissenskanal, der Geschichte unterhaltsam erklärt, macht ein Video über die erste Mondlandung. Material gibt es genug: die Technik, das Rennen gegen die Sowjetunion, die Familien der Astronauten, die Verschwörungstheorien. Worum geht es wirklich? Das Team entscheidet sich für ein Gefühl: Mut trotz Angst. Drei Männer steigen in eine Kapsel, von der niemand weiß, ob sie zurückkommt. Jetzt passen die Familien, die vor dem Fernseher warten. Die Technik passt, wenn sie zeigt, wie viel schiefgehen konnte. Die Verschwörungstheorien sind der spannendste Teil. Sie passen nicht. Sie fliegen raus und bekommen vielleicht ein eigenes Video.
Das Thema ist keine Logline
Viele verwechseln den Kern mit der Logline, dem Satz, der die Handlung zusammenfasst. Mandell trennt beides. Die Logline ist ein Verkaufswerkzeug. Für die Serie Breaking Bad hieß sie: Ein harmloser Chemielehrer wird zum Drogenboss. Das macht neugierig, aber es betrifft nur die Hauptfigur.
Worum die Serie wirklich geht, sagt sie in der zweiten Szene selbst. Walter White fragt seine Klasse, was Chemie ist. Seine Antwort: die Lehre von der Veränderung. Laut Mandell gilt das für jede Figur der Serie, nicht nur für ihn. Wie du eine Logline für dein Video schreibst, steht in Die Logline.
Der YouTuber Isaac unterscheidet ähnlich: Unter dem Oberflächenproblem eines Videos liegt ein tieferes Problem. Mehr dazu in Was will die Figur?.
Tiefer, nicht größer
Mandell sagt: Eine Idee wird nicht besser, wenn sie größer wird, sondern wenn sie tiefer geht. Viele Autoren glauben das Gegenteil. Eine Liebesgeschichte? Dazu ein Meteorit, der auf die Erde stürzt! Mandell hält das für einen Fehler. Sein Beispiel ist die britische Serie Slow Horses. Sie spielt in einer Abteilung des Geheimdienstes, in die man strafversetzt wird, wenn man versagt hat. Größer wäre: Die Verlierer kämpfen gegen den sowjetischen Geheimdienst KGB. Interessanter ist: Sie kommen dem britischen Geheimdienst MI5 auf die Schliche, aus dem viele von ihnen verstoßen wurden.
Nicht alle sehen das so. Der Drehbuchberater Michael Hauge hält das High Concept für ein starkes Werkzeug, wie in Videokonzept erstellen beschrieben. Gemeint ist eine Idee, bei der schon ein Satz genügt, damit viele Menschen den Film sehen wollen. Mandell entgegnet: Auch Breaking Bad hat Vince Gilligan laut Mandell vier Jahre lang überall angeboten, und alle sagten ab. Beide haben einen Punkt. Hauge fragt, ob eine Idee neugierig macht. Mandell fragt, ob sie trägt. Für dein Video heißt das: Prüf beides.
Das Thema deines Videos finden
Für dein Video heißt das: Bevor du schneidest, beantworte Scotts Frage. Nicht „Mein Video handelt von der Mondlandung“, sondern: Was soll der Zuschauer fühlen, wenn es vorbei ist? Das ist der Unterschied zwischen Inhalt und Thema.
Wie aus vielen Videos mit demselben Kern eine Marke wird, steht in Was willst du immer wieder beweisen?.
Übung: Scotts Frage
- Schreib auf, worum dein nächstes Video geht. Die Handlung in einem Satz.
- Frag: Worum geht es wirklich? Schreib eine neue Antwort. Dann frag noch einmal. Mindestens dreimal.
- Prüf die letzte Antwort. Ist es ein Gefühl, das der Zuschauer mitnimmt? Wenn es nur ein Stichwort ist (Mondlandung, Ghosting, Geld), frag weiter.
- Kreis das wichtigste Wort ein. Wie bei Scott: Jedes Wort zählt.
- Geh deine Abschnitte durch. Zu jedem: Gehört er auf dieselbe Insel? Markiere alles, was woanders steht, auch wenn es dein Lieblingsteil ist.
- Entscheide über die markierten Teile. Streichen oder für ein eigenes Video aufheben.