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Story · 16.10.2026 · Oliver Bayer

Was will die Figur? Ziel und Bedürfnis

„Was will die Figur?“ Eine Figur läuft auf eine Zielfahne zu. In ihrer Brust ein kleines violettes Herz mit Fragezeichen.

Teil von Storytelling · Die Figur

Du liest gerade diesen Artikel. Das sieht jeder, der dir über die Schulter schaut. Warum du ihn liest, sieht niemand. Vielleicht willst du dazulernen. Vielleicht willst du mit Videos Geld verdienen. Vielleicht kannst du einfach nicht einschlafen.

Mit diesem Beispiel erklärt Michael Hauge, dass jede Figur auf zwei Ebenen etwas will. Hauge berät Drehbuchautoren und hat nach eigener Aussage für alle großen Hollywood-Studios gearbeitet. In seinem Buch Writing Screenplays That Sell nimmt er seine Leser als Beispiel: Was sie tun, sieht man. Warum, sieht man nicht. Bei Figuren in Geschichten ist es genauso. Und oft brauchen sie etwas ganz anderes als das, was sie wollen.

Das Ziel des Protagonisten ist das, was die Hauptfigur bis zum Ende der Geschichte erreichen will. Protagonist ist das Fachwort für die Hauptfigur. Ihr Bedürfnis ist das, was sie wirklich braucht. Auf Englisch heißt das Paar Want und Need. Hier lernst du, wie du beides für die Figur in deinem Video festlegst. Oft bist das du selbst.

Das äußere Ziel: eine Ziellinie, die man sieht

Hauge nennt das sichtbare Ziel die äußere Motivation. Seine Behauptung: In den erfolgreichsten Filmen verfolgt der Held immer ein Ziel mit klarer Ziellinie.

Ziellinie heißt: Jeder kann sich vorstellen, wie es aussieht, wenn die Figur es geschafft hat. Und alle stellen sich dasselbe vor. „Ein erfolgreicher Footballtrainer werden“ ist laut Hauge deshalb kein gutes Ziel. Im Film Gegen jeden Widerstand (Remember the Titans) will ein Trainer die Meisterschaft seines Bundesstaates gewinnen. Da hat jeder dasselbe Bild im Kopf: das Team im Finale, der Sieg.

Hauge nennt noch mehr Bedingungen. Vier davon:

  • Das Ziel muss fast unmöglich wirken. Ist es leicht zu erreichen, berührt die Geschichte nicht.
  • Die Figur verfolgt es bis zum Ende. Erst am Höhepunkt entscheidet sich, ob sie es schafft.
  • Sie will es unbedingt. Will sie es nur ein bisschen, ist es auch dem Zuschauer egal.
  • Sie tut etwas dafür. Sie sitzt nicht herum und redet darüber, wie schön es wäre.

Ein Beispiel: Ein Business-Video erzählt die Geschichte von Ida, einer Gründerin. „Ida will ihre Firma voranbringen“ hat keine Ziellinie. „Ida will bis Dezember 100 zahlende Kunden“ hat eine. Am Ende sind es hundert oder nicht.

Wie du aus Figur und Ziel einen Satz für deine Videoidee machst, steht in Videokonzept erstellen.

Das innere Motiv: Warum will die Figur das?

Hauges zweite Frage lautet: Warum will die Figur das? Die Antwort nennt er die innere Motivation. Man sieht sie nicht. Sie zeigt sich vor allem in dem, was die Figur sagt. Einfach gesagt: Die Figur glaubt, dass sie sich besser fühlt, wenn sie ihr Ziel erreicht. Hauge meint, dahinter steckt immer der Wunsch, sich selbst mehr wert zu fühlen (Selbstwert).

Ein Beispiel von Hauge ist die Liebeskomödie Selbst ist die Braut (The Proposal). Der Assistent Andrew will seine Chefin Margaret heiraten und einen Beamten der Einwanderungsbehörde überzeugen, dass die beiden wirklich verliebt sind. Das ist sein äußeres Ziel. Sein inneres Motiv: Margaret hat ihm dafür eine Beförderung versprochen. Er will im Verlag aufsteigen und nicht mehr unter ihrer Kontrolle stehen. Er glaubt, Erfolg und Unabhängigkeit machen ihn wertvoll.

Oft ist das der falsche Weg, schreibt Hauge. Viele Helden glauben, Rache, Geld oder Macht machten sie wertvoll. Am Ende merken sie, dass es nicht stimmt.

Das innere Motiv allein trägt keine Handlung. In In the Line of Fire – Die zweite Chance will der Held wiedergutmachen, dass er früher einmal gezögert und versagt hat. Aber die Handlung entsteht erst durch sein äußeres Ziel: einen Attentäter aufhalten, der den Präsidenten töten will. Das innere Motiv zu zeigen, ist laut Hauge freiwillig. Die James-Bond-Filme fragen kaum, warum ihr Held tut, was er tut.

Ob es wirklich immer um Selbstwert geht, ist Hauges These. Nicht alle sehen das so. Bei deinen Zuschauern kann hinter demselben Ziel ein ganz anderer Antrieb stecken, etwa Sicherheit oder Zugehörigkeit. Das zeigt der Abschnitt Was Erfolg für sie heißt.

Ein Beispiel: Warum will Ida 100 Kunden? Mit einer laufenden Firma fühlt sie sich etwas wert. Ohne sie fühlt sie sich wie jemand, der nichts geschafft hat.

Das Gefühl entsteht am Hindernis

Ein Ziel allein ist noch keine Geschichte. Hauge erklärt das mit Star Wars: Sagt Luke Skywalker „Ich will das Imperium stürzen“ und Darth Vader antwortet „Okay, wir geben auf“, gibt es keinen Film. Etwas muss der Figur im Weg stehen.

Hauge schreibt: „Gefühl wächst aus dem Konflikt, nicht aus dem Wunsch.“ Konflikt heißt bei ihm alles, was die Figur von ihrem Ziel abhält. Der Wunsch bringt die Geschichte nur voran. Mitfiebern lassen die Hindernisse: wie groß sie sind, wie tief und wie neu.

Es gibt äußere Hindernisse, etwa andere Figuren. Und es gibt innere. Das ist alles in der Figur selbst, was sie davon abhält, sich wirklich wertvoll zu fühlen.

Ein Beispiel: Idas äußeres Hindernis ist ein großer Konkurrent, der ein ähnliches Produkt verschenkt. Ihr inneres: Sie kann nichts abgeben. Deshalb arbeitet sie jede Nacht allein durch. Und genau das macht ihr Produkt schlechter.

Warum uns das Ziel einer Figur überhaupt kümmert, steht in Die Figur. Mehr über Hindernisse steht in Konflikt in der Geschichte.

Want vs. Need: Was die Figur will und was sie braucht

K. M. Weiland ist eine preisgekrönte Romanautorin. In ihrem Buch Creating Character Arcs (2016) geht es darum, wie sich Figuren im Lauf einer Geschichte verändern. Fachleute nennen das den Charakterbogen.

Weiland unterscheidet das, was die Figur will, von dem, was sie braucht. Was sie will, ist fast immer etwas Äußeres, Greifbares: ein Job, ein Pokal, ein Partner. Was sie braucht, ist laut Weiland „meist nichts weiter als eine Erkenntnis“.

Weiland schreibt: Die Figur muss irgendwann bereit sein, das Gewollte zu opfern, um zu bekommen, was sie braucht. Manchmal endet die Geschichte bittersüß: innen gewonnen, außen verloren. Manchmal bekommt die Figur danach beides.

Weilands Beispiel ist der Animationsfilm Cars. Das Rennauto Lightning McQueen will den Piston Cup gewinnen, die größte Trophäe im Rennsport des Films. Was er braucht: andere in sein Leben lassen, ihnen helfen und sich helfen lassen. Im letzten Rennen liegt er kurz vor dem Sieg. Da sieht er, dass ein Konkurrent den alten Rennwagen The King gerammt hat. McQueen bremst kurz vor der Ziellinie und lässt den Konkurrenten gewinnen. Dann fährt er zurück und hilft The King, sein letztes Rennen zu Ende zu fahren. Später sagt er: Es ist nur ein leerer Pokal.

Warum McQueen das Falsche will, erklärt Weiland mit einer Lüge, die er über das Leben glaubt: Das Leben ist eine Ein-Mann-Show. Mehr über solche Fehler steht in Gut, aber nicht perfekt: Gute Figuren haben Fehler.

Zusammen ergibt das drei Ebenen. Das Ziel sieht man. Das Motiv glaubt die Figur: Sie hält es für den richtigen Weg, sich besser zu fühlen. Das Bedürfnis braucht sie wirklich. Motiv und Bedürfnis liegen oft weit auseinander. Die ersten beiden Ebenen stammen von Hauge, die dritte von Weiland.

Ein Beispiel: Idas Motiv lautet „Mit einer laufenden Firma bin ich etwas wert.“ Ihr Bedürfnis: merken, dass sie auch ohne Firma etwas wert ist. Ihr Ziel steht ihrem Bedürfnis im Weg. Am Ende der Geschichte macht sie die Firma zu. Sie verliert ihr Ziel und bekommt, was sie braucht.

„Ziel, Motiv, Bedürfnis“. Drei Kästen untereinander. Blau: „Ziel (sieht man): Ida will bis Dezember 100 zahlende Kunden.“ Grau: „Motiv (glaubt sie): Mit einer laufenden Firma bin ich etwas wert.“ Violett: „Bedürfnis (braucht sie): Sie merkt: Ich bin auch ohne Firma etwas wert.“ Vom Bedürfnis führt ein roter Pfeil zum Ziel: „steht im Weg“.

Ziel und Bedürfnis im Video

Der YouTuber Isaac schreibt nach eigener Aussage seit Jahren Skripte für Videos mit Millionen Views. Er sagt: Jedes gute Skript hat ein Oberflächenproblem und ein tieferes Problem. Das Oberflächenproblem ist das Thema. Das tiefere Problem ist der innere Kampf darunter.

Seine eigenen Videos: Eines erklärt virale Shorts, das tiefere Problem ist Geduld. Eines erklärt das Schneiden, das tiefere Problem ist Perfektionismus. Eines zeigt, wie er einen Shorts-Kanal aufbaut, das tiefere Problem ist Entschlossenheit. Zuschauern fällt das kaum auf, sagt Isaac. Aber unbewusst lässt genau das ein Video herausstechen. Sein Rat: Schreib das tiefere Problem auf, bevor du das Skript schreibst. Wie sein Schnitt-Video als Geschichte aufgebaut ist, steht in Das Tutorial als Geschichte.

Nach meiner Einschätzung ist das Want vs. Need in YouTube-Form: Das Thema ist, was die Figur will. Das tiefere Problem zeigt, was sie braucht.

Stehst du selbst vor der Kamera, gilt das für dich. Ein Beispiel: Ein Selbstständiger stellt zum ersten Mal seine Preise auf seine Website. Sein Ziel: eine fertige Preisseite. Sein tieferes Problem: Er hat Angst, dass niemand so viel zahlt. Die Seite ist in zehn Minuten fertig. Die Angst trägt das Video.

Erzählst du die Geschichte einer anderen Figur wie Ida, hilft der Blick auf deine Zuschauer. Im Artikel Von A nach B geht es um ihre Wunschidentität, also darum, wer sie werden wollen. Nach meiner Einschätzung braucht die Figur oft genau das, was auch deine Zuschauer brauchen, um dort anzukommen. Eine Zuschauerin, die selbst jede Nacht an ihrem Projekt sitzt und nichts abgeben kann, erkennt sich in Ida wieder. Und sie sieht, wohin sie will.

Wie du dein Ziel im Intro nennst, steht in Ziel und Fahrplan. Wie du es mit Zwischenzielen sichtbar hältst, steht in Das Tutorial als Geschichte.

Geschichten ohne Ziellinie

Hauge nennt selbst drei Ausnahmen ohne Ziellinie.

  • Biografien. Ein Leben hat viele Ziele hintereinander, aber keine Ziellinie. Gute Biografien geben dem Film deshalb einen Wunsch, der durch alles läuft. Meist ist das eine Liebesgeschichte.
  • Arena-Geschichten. Der Held wird in eine Lage voller Konflikte geworfen und will nur durchhalten. In Tödliches Kommando – The Hurt Locker entschärft ein Soldat im Irak Bomben. Eine Texttafel zeigt: Die Einheit hat noch 38 Tage. Ab da hofft der Zuschauer, dass er so lange überlebt. Laut Hauge ist das kein äußeres Ziel, aber eine Art Ziellinie.
  • Beziehungsgeschichten. Die Figur will eine Beziehung ins Gleichgewicht bringen, die keine Liebesbeziehung ist. In Magnolien aus Stahl ist es eine Mutter mit ihrer Tochter. Das Ziel ist hier die Beziehung selbst, nicht ein Sieg.

Bei Videos kennst du die Arena-Form aus Vlogs und Reiseserien. Ein Beispiel: Ein Gründer filmt seine erste Woche nach der Kündigung. Eine Ziellinie hat das nicht. Ein Zähler im Bild, „Tag 3 von 7“, wirkt wie Hauges Texttafel.

Manche Geschichten kommen sogar ganz ohne klares Ziel aus. Mehr dazu in Was ist eine Geschichte?.

Übung: Ziel, Motiv und Bedürfnis

  1. Bestimm die Figur deines nächsten Videos. Du selbst, dein Zuschauer oder jemand, dessen Geschichte du erzählst?
  2. Schreib das Ziel in einen Satz. „[Figur] will …“. Prüf die Ziellinie: Würden drei Leute dasselbe Bild vom Ende sehen?
  3. Frag nach dem Warum. Schreib auf, was die Figur glaubt, wie sie sich danach fühlt.
  4. Schreib das Bedürfnis auf. Welche Erkenntnis fehlt ihr? Bei dir selbst: Was ist das tiefere Problem unter deinem Thema?
  5. Leg beides nebeneinander. Steht das Ziel dem Bedürfnis im Weg? Was müsste die Figur aufgeben?
  6. Kein Ziel? Gib dem Video eine Art Ziellinie: einen Zeitraum oder einen Zähler.

Wer hier schreibt

Oliver Bayer

Oliver Bayer

Sammelt, was erfolgreiche Creator anders machen, und übersetzt es in einen Ablauf, den du für jedes Video nutzen kannst.

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