Teil von YouTube-Packaging · Teil 1 von 5
Ein guter YouTube-Titel braucht keine Tricks. Er braucht wenige Wörter, die jeder versteht, und einen Grund zum Klicken. Die meisten Titel scheitern an genau diesen zwei Dingen.
Ein YouTube-Titel ist der Satz, der neben oder unter dem Thumbnail steht. Das Thumbnail ist das Vorschaubild des Videos. Zusammen heißen beide Packaging: alles, was ein Zuschauer sieht, bevor er klickt. Das Thumbnail zeigt. Der Titel sagt, was passiert.
Bei meinem Dating-Kanal war das Packaging am wichtigsten: Idee, Titel, Thumbnail und Intro.
Dieser Artikel beginnt, wenn deine Idee steht. Wie du mit zehn schnellen Titeln prüfst, ob eine Idee trägt, zeigt Videokonzept erstellen. Hier geht es um den einen Titel, der am Ende über dem Video steht.
Wie Zuschauer einen Titel lesen
Paddy Galloway berät als YouTube-Stratege Kanäle wie MrBeast, Red Bull und die Philadelphia Eagles, ein American-Football-Team. Seine Kunden kommen zusammen auf rund eine Milliarde Views im Monat. Er sagt sinngemäß: Die Leute lesen deinen Titel nicht mal richtig. Sie überfliegen ihn. Will ich das sehen? Weiter, weiter, weiter.
Daraus folgt die wichtigste Regel: Ein Titel muss auf einen Blick lesbar sein. Alles andere baut darauf auf.
YouTube erlaubt bis zu 100 Zeichen. Das ist die Grenze, nicht das Ziel. Galloway hielt Titel früher unter 50 Zeichen. Heute ist er lockerer, weil viele Menschen YouTube am Fernseher schauen, wo mehr Platz ist. Ab etwa 60 Zeichen wird ein Titel für ihn aber meist zu lang.
Galloway schreibt den Titel vor dem Thumbnail. Der Grund: Wenn der Titel steht, weißt du, was das Bild noch zeigen muss. Wie der ganze Ablauf aussieht, steht in Der Packaging-Ablauf.
Was ein guter YouTube-Titel leisten muss
Galloway hat für Titel fünf Regeln. Ein Hinweis vorab: Er erklärt sie in einem Podcast, der auch für seine Beratung wirbt. Die Regeln stammen aus seiner Arbeit mit großen Kanälen. Getestet im wissenschaftlichen Sinn sind sie nicht.
1. So wenige Wörter wie möglich. Aber nur so wenige, dass der Titel noch interessant bleibt. Kurz allein reicht nicht. Manchmal macht ein zusätzlicher Halbsatz einen Titel besser. Wie das geht, zeigt Die Titel-Leiter.
2. Wörter, die jeder kennt. Galloway nennt das „universelle Sprache“. Jeder überschätzt, wie viele Menschen seine Fachwörter kennen. Ein Wort, das nur ein Teil deiner Zuschauer versteht, kostet dich den Rest. Woran du solche Wörter erkennst, steht in Titel, die jeder versteht.
3. Der Titel ergänzt das Thumbnail. Titel und Bild sollen nicht dasselbe sagen. Steht im Titel schon alles, hat der Text im Thumbnail nichts mehr zu tun. Wie die beiden sich die Arbeit teilen, steht in Titel und Thumbnail als Paar.
4. Auf einen Blick lesbar. Galloway nimmt kurze, geläufige Wörter. Sein Beispiel: „contemporary“ ist ein langes Wort und sieht im Titel nicht gut aus, „modern“ ist besser. Er meidet Titel, die in drei Teile zerstückelt sind, etwa mit Trennstrichen. Und er meidet Titel in durchgehenden Großbuchstaben. Seine Begründung: In Großbuchstaben sind alle Buchstaben gleich hoch. Das Auge erkennt die Wörter schlechter. Wer einen Text in Großbuchstaben eine Sekunde lang sieht, behält weniger davon.
Auf Deutsch kommt etwas dazu. Viele Wörter sind lang: „Wärmepumpenförderung“, „Beziehungsprobleme“. Wenn du die Wahl hast, nimm zwei kurze Wörter statt eines langen.
5. Für Menschen, nicht für ein System. Galloway ärgert sich über Programme, die Titel nach Suchbegriffen bewerten. Ein Titel voller Suchbegriffe bekommt dort eine gute Note und wird trotzdem nicht geklickt. Warum die Suche für die meisten Kanäle eine kleine Rolle spielt, zeigt Titel für Menschen, nicht für die Suche.
Konkret und extrem: was MrBeast über Titel sagt
MrBeast ist der größte YouTuber der Welt. In seinem internen Handbuch für Mitarbeiter schreibt er über Titel nur ein paar Sätze. Die haben es aber in sich.
Er nimmt einen Titel, den er im Handbuch auch für das Thumbnail verwendet: „I Spent 50 Hours In Ketchup“ (Ich habe 50 Stunden in Ketchup verbracht). Warum dieses Bild funktioniert, erklärt Der Ein-Sekunden-Test. MrBeast schreibt dazu: Noch mehr Leute würden klicken, wenn der Titel „I Survived“ hieße statt „I Spent“, also „Ich habe überlebt“ statt „Ich habe verbracht“. Das wirkt spannender und extremer.
Sein zweites Beispiel: „I Don’t Like Bananas“ (Ich mag keine Bananen) läuft nicht so gut wie „Bananas Are The Worst Food On Earth“ (Bananen sind das schlechteste Essen der Welt). Seine Regel dazu: Je extremer, desto besser.
Die Bananen zeigen, was „extrem“ meint. Der erste Titel ist eine Vorliebe. Der zweite ist eine Behauptung, der man widersprechen will. Bananen sind doch nicht das schlechteste Essen der Welt?
Neben extrem steht konkret. Der YouTuber Bog sagt: Ein vager Titel verliert gegen einen konkreten. Sein Beispiel mit dem Lego-Tisch steht in Wie groß kann deine Idee werden?.
Extrem heißt nicht erfunden. Im selben Handbuch steht, was passiert, wenn der Titel mehr verspricht als das Video zeigt: Die Zuschauer fühlen sich belogen und klicken weg. Wo die Grenze liegt, zeigt Clickbait.
Ein Beispiel: ein Titel, fünf Regeln
Bei meinem Dating-Kanal brachten Videos die meisten Zuschauer, die ein Symptom ansprachen oder eine Angst weckten. Ein Symptom ist etwas, das viele erleben, ohne den Grund zu kennen. Genau das muss der Titel transportieren.
Ein Beispiel. Ein Dating-Kanal hat ein Video über Männer, die sich innerlich schon getrennt haben. Der erste Entwurf:
„BEZIEHUNGSPROBLEME – 7 Anzeichen, dass er geht – Was du jetzt tun kannst | Dating-Tipps“
Jetzt die fünf Regeln, eine nach der anderen:
- Wenige Wörter: Der Titel hat 87 Zeichen und drei Teile. „Dating-Tipps“ sagt nichts, was der Kanal nicht ohnehin zeigt. Weg damit.
- Wörter, die jeder kennt: „Beziehungsprobleme“ ist ein Oberbegriff. Niemand denkt so über sein eigenes Leben. Man denkt: „Er ist so komisch in letzter Zeit.“
- Ergänzt das Thumbnail: Die „7 Anzeichen“ kann das Bild tragen, etwa als Handy mit ungelesenen Nachrichten. Der Titel muss sie nicht auch noch nennen.
- Lesbar: keine Großbuchstaben, keine Trennstriche, ein Gedanke.
- Für Menschen: Der Titel spricht das Symptom an, nicht ein Suchwort.
Nachher:
„Er ist noch da, aber innerlich schon weg“
40 Zeichen. Ein Symptom, das viele kennen. Und eine Frage, die offen bleibt: Woran merke ich das?
Ein zweites Beispiel aus einer ganz anderen Nische. Ein Sanitärbetrieb hat einen YouTube-Kanal. Er hat eine Wärmepumpe in ein altes Haus eingebaut. Der erste Entwurf:
„WÄRMEPUMPE ALTBAU – Kosten, Förderung, Erfahrungen | Teil 1“
Nachher:
„Wir haben eine Wärmepumpe in ein Haus von 1910 gebaut“
„Altbau“ ist ein Wort aus der Branche. „Ein Haus von 1910“ sieht jeder vor sich. Und jeder Hausbesitzer, der eine alte Heizung hat, fragt sich: Geht das überhaupt?
Wo die Regeln an Grenzen stoßen
Kurz ist kein Selbstzweck. Galloway hat die 50-Zeichen-Grenze selbst aufgegeben. Er sagt: Auch eine feste Zeichenzahl ist ein Versuch, einem System zu gefallen statt einem Menschen. Die Frage ist immer: Welcher Titel ist für einen Menschen am interessantesten?
Fachwörter sind nicht immer falsch. Willst du nur Fachleute erreichen, darfst du ihre Sprache benutzen. Galloway sagt das selbst. Es kostet dich dann aber alle anderen. Mehr dazu in Titel, die jeder versteht.
Regeln machen einen Titel ordentlich, nicht gut. Im Gespräch mit Galloway sagt der Gastgeber sinngemäß: Regeln bringen dich von 0 auf 80. Für den Rest brauchst du Neugier, Geschmack und gute Ideen. Ein Titel, der alle Regeln erfüllt, kann trotzdem langweilig sein. Und keine Regel rettet eine schwache Idee.
Der Titel ist nur eine Hälfte. Ob jemand klickt, entscheiden Titel und Thumbnail zusammen. Ein perfekter Titel unter einem unklaren Bild verliert. Was ein gutes Thumbnail ausmacht, zeigt YouTube-Thumbnail erstellen.
Fünf Wege zu besseren Titeln
Die Regeln oben sind der Boden. Fünf Artikel gehen tiefer.
Einen Titel Stufe für Stufe steigern. Galloway zeigt live, wie aus einem langweiligen Titel über einen Porsche in vier Schritten ein Titel wird, den man anklicken will. Jede Stufe fügt etwas hinzu: eine Geschichte, ein Extrem, einen Widerspruch. → Die Titel-Leiter: Vom langweiligen zum starken Titel
Titel schreiben, die jeder versteht. Wer sein Thema gut kennt, vergisst, was andere nicht wissen. Psychologen nennen das den Fluch des Wissens. Ein einziges Wort kann dich Zuschauer in halb Europa kosten. → Titel, die jeder versteht: Der Fluch des Wissens
Von Werbetextern lernen. Lange vor YouTube haben Werbetexter Überschriften getestet und gezählt, wie viele Antworten jede bringt. Vieles davon passt auf YouTube. Manches nicht. → Was Werbetexter über Überschriften wissen
Für Menschen schreiben, nicht für die Suche. Suchbegriffe im Titel helfen weniger, als viele denken. Wann sie doch zählen und wie du sie unterbringst, ohne den Titel zu ruinieren. → Titel für Menschen, nicht für die Suche
Titel schreiben üben. Galloways Team schreibt 30 und mehr Titel für ein einziges Video. Das dauert keine Stunde, wenn man es geübt hat. → Packaging üben: 30 Titel am Tag
Übung: Fünf alte Titel neu schreiben
- Nimm fünf Titel deiner letzten Videos. Wenn du noch keine hast: fünf Titel aus deiner Liste von Ideen.
- Zähl die Zeichen. Über 60? Streich jedes Wort, das nichts Neues sagt. Name des Kanals, „Tipps“, „Teil 1“, Nummern.
- Markier jedes Fachwort. Würde deine Mutter es verstehen? Wenn nicht, ersetz es durch das, was man sieht oder erlebt.
- Streich Großbuchstaben und Trennstriche. Ein Titel, ein Gedanke.
- Mach einen Satz extremer. Wie bei MrBeast: Aus „mag ich nicht“ wird „das Schlechteste“. Dann prüf: Hält das Video, was der neue Titel verspricht? Wenn nicht, nimm ihn ein Stück zurück.
- Lies alten und neuen Titel jemandem vor, der deinen Kanal nicht kennt. Frag nur: Welches Video würdest du anklicken?
Die Übung dauert 20 Minuten. Mach sie einmal mit alten Titeln. Danach machst du sie mit jedem neuen Video, bevor es online geht.