Öffnet in einem neuen Tab

Packaging · 15.10.2026 · Oliver Bayer

Packaging üben: 30 Titel am Tag

„30 Titel, einer bleibt“. Ein Notizblock mit Spiralbindung und neun gekritzelten Zeilen. Acht sind durchgestrichen. Eine ist grün hinterlegt, daneben ein grüner Haken.

Teil von YouTube-Packaging · Titel

„Schreib 30 Titel für dein Video.“ Das rät Paddy Galloway Creatorn. Die Antwort, die er oft hört: Das ist zu viel, das überfordert mich.

Galloway berät als YouTube-Stratege Kanäle wie MrBeast und Red Bull. Er versteht die Antwort nicht. Mit seinem Team schreibt er 30 Titel in zehn Minuten. Bei Kunden werden es oft 30 bis 40 pro Video. Gute YouTube-Titel-Ideen kommen bei ihm nicht aus Eingebung, sondern aus Menge.

Titel üben heißt: viele Titel für ein Video schreiben, die meisten verwerfen und dabei lernen, woran man gute erkennt. Wer das regelmäßig macht, braucht für 30 Titel keine Stunde mehr. Dieser Artikel zeigt, wie Profis üben und wie du anfängst.

Warum 30 Titel nicht 30 Ideen sind

Galloway erklärt, warum die Zahl weniger schlimm ist, als sie klingt. Die meisten denken, jeder Titel müsse gut sein. Muss er nicht. Viele der 30 Titel sind kleine Änderungen eines anderen. Oft nur ein Wort anders. Du schreibst einen Titel und veränderst ihn. Und veränderst ihn wieder. Und wieder.

Du probierst Wörter aus, stellst Teile um, schaust, was interessant aussieht. Du schaust dir an, was andere machen, und versuchst, es anzupassen.

Im selben Gespräch fällt noch ein zweiter Satz: Wenn 29 von 30 Titeln furchtbar sind, ist das völlig in Ordnung. Denn so lernst du auch, wie ein schlechter Titel aussieht.

Galloway sagt das im Podcast der YouTuber Colin und Samir. Die beiden sprechen dort mit Creatorn über das Geschäft mit YouTube und verkaufen selbst Kurse zum Kanalwachstum. Ebenfalls dort fällt der Satz, Titel schreiben als tägliche Übung sei wahrscheinlich das Wichtigste, was man tun kann. Wer das sagt, lässt das Transkript offen.

Manchmal schreibt Galloways Team sogar 50 Titel. Wie viel Zeit Profis insgesamt ins Packaging stecken, steht in YouTube-Packaging.

Ein Beispiel: 12 von 30 Titeln

Ein Beispiel. Ein Dating-Kanal macht ein Video darüber, warum sich ein Ex nach Monaten plötzlich wieder meldet. Hier sind 12 der ersten 30 Titel, in der Reihenfolge, in der sie entstanden sind:

  1. Warum sich dein Ex wieder meldet
  2. Warum sich dein Ex nach Monaten wieder meldet
  3. Warum sich dein Ex genau jetzt wieder meldet
  4. Dein Ex meldet sich wieder. Das steckt dahinter
  5. Dein Ex meldet sich wieder? Lies das, bevor du antwortest
  6. Bevor du deinem Ex antwortest
  7. Er meldet sich nach sechs Monaten. Was will er?
  8. „Hey, wie geht’s dir?“ Was dein Ex damit wirklich meint
  9. Der wahre Grund, warum dein Ex zurückkommt
  10. Warum jeder Ex irgendwann zurückkommt
  11. Rückkehrverhalten nach einer Trennung verstehen
  12. Ex meldet sich – was tun? – 5 Tipps

Titel 1 bis 3 unterscheiden sich um zwei Wörter. „Genau jetzt“ fügt eine Frage hinzu: Warum gerade jetzt? Titel 5 wechselt die Richtung. Er spricht nicht über den Ex, sondern über das, was die Zuschauerin gleich tun will: antworten. Titel 8 zitiert die Nachricht, die viele genau so bekommen haben. Wer sie kennt, erkennt sich sofort.

Das Video bleibt immer dasselbe. Nur der Blick darauf ändert sich.

Was die schlechten Titel dir zeigen

Die Titel 10 bis 12 sind schlecht. Genau deshalb gehören sie in die Liste.

Titel 10 behauptet zu viel. „Jeder Ex kommt zurück“ stimmt nicht. Eine Zuschauerin, deren Ex sich nie gemeldet hat, fühlt sich belogen. Übertreiben ist erlaubt, falsche Behauptungen nicht. Wie du übertreibst und dann zurücknimmst, zeigt Die Titel-Leiter.

Titel 11 klingt wie ein Fachbuch. „Rückkehrverhalten“ sagt niemand, der gerade eine Nachricht von seinem Ex bekommen hat. Warum dir solche Wörter selbst nicht auffallen, erklärt Titel, die jeder versteht.

Titel 12 ist zerstückelt. Drei Teile, zwei Trennstriche, ein Tipp-Versprechen ohne Inhalt. Galloway meidet solche Titel, weil man sie nicht auf einen Blick lesen kann. Mehr dazu in YouTube-Titel schreiben.

Wer 30 Titel schreibt, sieht den Unterschied schwarz auf weiß. Und erkennt den nächsten schlechten Titel, bevor er ihn hinschreibt.

Acht Titel pro Woche: Yikes in der Ideen-Runde

Yikes ist YouTuber mit 1,5 Millionen Abonnenten. Im Podcast des Analyse-Tools 1of10 erzählt er, wo er Titel und Thumbnails gelernt hat. Thumbnails sind die Vorschaubilder der Videos.

Er war eine Zeit lang Mitglied in der Ideen-Runde des YouTubers Ryan Trahan. Jede Woche musste er dort vorschlagen. Etwa acht Thumbnails und acht Titel. Nur ein paar Mal hat es einer seiner Vorschläge auf Trahans Kanal geschafft.

Einer davon war der Titel „I Tried Every Airbnb Category“ (Ich habe jede Airbnb-Kategorie ausprobiert). Airbnb ist eine Plattform, auf der Privatleute Unterkünfte vermieten. Daraus wurde bei Trahan eine ganze Serie. Yikes will dafür ausdrücklich keine Anerkennung. Er sagt: Er habe nur den Titel geliefert. Wäre er nicht da gewesen, wäre Trahan wahrscheinlich selbst darauf gekommen.

Wichtiger für dich: Yikes schrieb Woche für Woche Titel, die fast alle abgelehnt wurden. Und er hörte zu, wie Trahan über die Vorschläge der anderen sprach. Das brachte ihm nach eigener Aussage am meisten. Was genau, steht in Das Bild stellt eine Frage.

Heute leitet Yikes selbst eine kleine Runde. Drei kleinere Creator kommen alle zwei Wochen zu ihm, und sie sprechen über ihre Kanäle.

Du brauchst dafür keinen berühmten YouTuber. Zwei, drei Creator aus deiner Nische und ein fester Termin reichen.

Lies, was schon funktioniert

Wer viele Titel schreiben will, braucht Material im Kopf. Das kommt vom Lesen.

David Ogilvy war einer der bekanntesten Werbetexter des 20. Jahrhunderts und gründete die Agentur Ogilvy & Mather. 1955 beschreibt er in einem Brief seine Arbeitsweise. Bevor er eine Anzeige schreibt, schaut er sich jede Anzeige der Konkurrenz aus den letzten 20 Jahren an. Dann schreibt er etwa 20 Überschriften für eine einzige Anzeige. Und er wählt die endgültige nie aus, ohne andere in der Agentur nach ihrer Meinung zu fragen. Manchmal lässt er die Überschriften sogar gegeneinander testen.

In seinem Buch Geständnisse eines Werbemannes (1963) wird er noch genauer: Er schreibt nie weniger als 16 Überschriften für eine Anzeige.

Auf YouTube heißt „die Konkurrenz lesen“: alle Titel der erfolgreichen Videos deiner Nische. Galloways Team macht das bei jedem Kunden, wie YouTube-Packaging zeigt. Wie du dabei die Ausreißer findest, also Videos, die viel besser liefen als der Rest ihres Kanals, steht in Inspiration finden.

Wie Werbetexter Überschriften testeten, zeigt Was Werbetexter über Überschriften wissen.

Deine Titel-Sammlung: das Swipe File

Werbetexter haben für ihre Sammlung einen eigenen Begriff: Swipe File. Das ist eine Sammlung von Anzeigen, die einem gefallen. „Swipe“ heißt auf Englisch umgangssprachlich mitnehmen oder klauen. Man klaut nicht die Anzeige, sondern das, was sie gut macht.

Der amerikanische Werbetexter Gary Halbert hat seinem Sohn geraten, so eine Sammlung anzulegen. Mehr darüber steht in Study-Playlists. Im selben Brief gibt er ihm noch einen Lese-Auftrag: sein eigenes Buch mit 2001 Überschriften.

Die YouTuberin Cleo Abram macht das für Titel und Thumbnails. Sie macht Videos über Wissenschaft und Technik. Im Podcast von Colin und Samir erzählt sie: Sie hat eine große Präsentation mit Titeln und Thumbnails angelegt, die sie bewundert. Dann ist sie sie durchgegangen und hat versucht, in Worte zu fassen, warum sie ihr so gefallen. Ein Beispiel war der YouTuber Tom Scott. Ihr gefiel, wie seine Titel und Thumbnails zusammenspielen: Er ist im Bild in Aktion, und oft zeigt ein Pfeil auf etwas Bestimmtes.

Der wichtigste Teil ist der zweite Schritt: aufschreiben, warum. Eine Sammlung ohne Begründung ist nur eine Liste. Mit Begründung wird sie zu Regeln, die du selbst gefunden hast.

So kann ein Eintrag aussehen:

  • Titel: „Why Are 96,000,000 Black Balls on This Reservoir?“ (Warum liegen 96 Millionen schwarze Bälle auf diesem Stausee?)
  • Kanal: Veritasium
  • Warum er wirkt: ein seltsames Bild, eine riesige Zahl, eine Frage, die man ohne das Video nicht beantworten kann. Mehr zu diesem Titel in Die Titel-Leiter.

Fünf Einträge pro Woche reichen. Nach drei Monaten hast du 60.

Was Übung nicht ersetzt

Übung macht dich schneller, nicht unfehlbar. Auch Galloway testet nach dem Veröffentlichen verschiedene Thumbnails gegeneinander. Wie das geht, zeigt Thumbnails testen.

Gute Titel retten keine schwache Idee. Fallen dir für ein Video keine 30 Titel ein, liegt es oft nicht an dir, sondern an der Idee. Das ist dann ein Signal, wie in Videokonzept erstellen beschrieben.

Niemand sagt seine Hits sicher voraus. Auch nach Jahren der Übung werden Videos, an die du kaum geglaubt hast, zu deinen besten. Und umgekehrt. Warum das so ist, steht in Die eine Idee wählen.

Die Ratschläge stammen von Leuten, die etwas verkaufen. Colin und Samir verkaufen Kurse, 1of10 verkauft ein Analyse-Tool, Galloway Beratung. Das macht ihre Erfahrung nicht falsch. Aber keiner von ihnen hat gemessen, ob 30 Titel bessere Ergebnisse bringen als zehn.

Übung: Zwei Wochen, 30 Titel am Tag

Woche 1: Menge.

  1. Stell einen Wecker auf zehn Minuten. Nimm ein Video, das du bald machen willst, oder ein altes.
  2. Schreib 30 Titel. Nicht urteilen, nicht löschen. Ändere einzelne Wörter, stell Teile um, sprich die Zuschauerin direkt an, zitier eine Nachricht, frag.
  3. Zähl erst, dann urteile. Hast du 30? Erst jetzt markierst du die drei besten und die drei schlechtesten.
  4. Schreib zu den drei schlechtesten je einen Satz: Warum sind sie schlecht? Zu absolut, zu fachlich, zerstückelt, langweilig?

Woche 2: Sammlung und Feedback.

  1. Leg deine Titel-Sammlung an. Jeden Tag ein Titel aus deiner Nische oder einer anderen, mit Kanal und einem Satz, warum er wirkt.
  2. Zeig deine drei besten Titel jemandem. Einem Creator aus deiner Nische oder jemandem aus deiner Zielgruppe. Frag nicht „Welcher ist gut?“, sondern „Welches Video würdest du anklicken?“.
  3. Vergleich am Ende von Woche 2 deine ersten und deine letzten 30 Titel. Wie viele der letzten hättest du in Woche 1 noch als gut markiert?

Danach reichen 30 Titel für jedes neue Video. Die Sammlung führst du weiter.

Wer hier schreibt

Oliver Bayer

Oliver Bayer

Sammelt, was erfolgreiche Creator anders machen, und übersetzt es in einen Ablauf, den du für jedes Video nutzen kannst.

Alle Erfolgsfaktoren

Weiterlesen

Alle Artikel