Teil der Content-Recherche · Deine eigene Nische
Dr. Sean ist Arzt. Er hilft Menschen, Bauchfett loszuwerden, genauer gesagt viszerales Fett, das Fett zwischen den Organen. Auf YouTube hatte er rund 1.000 Views am Tag. Seine Videos hießen zum Beispiel „Drei Ernährungsstrategien, die deine Gesundheit verändern“. Die Themen suchte er nach Gefühl aus.
Dann übernahm das Team von Jake Trinder seinen Kanal. Trinder baut YouTube-Kanäle für Unternehmen auf und betreut nach eigener Aussage über 100 Kanäle. Sein Team hörte auf zu raten. Es ließ eine KI auflisten, wonach Dr. Seans Zielgruppe suchen könnte. Dann suchte es jeden Begriff auf YouTube.
Ein Video stach heraus: „How to destroy visceral belly fat“, also „So zerstörst du viszerales Bauchfett“. 4,4 Millionen Views. Das Team öffnete den Kanal dahinter und folgte den Spuren weiter. Dasselbe Thema tauchte immer wieder auf: Die Leute wollten viszerales Fett loswerden, und zwar schnell. Erst dann schrieb das Team einen Titel: „How to lose visceral fat so fast it feels like cheating“ („So schnell viszerales Fett verlieren, dass es sich wie Schummeln anfühlt“). Das Video kam auf 795.000 Views. Nach Trinders Angaben hatte Dr. Sean innerhalb eines Monats über 100.000 Views am Tag.
Trinder sagt: Seine Zielgruppe zu kennen ist wichtig. Aber es beweist nicht, dass sie auf YouTube genau dieses Thema anklickt. Dafür braucht es Belege. Trinders Weg dahin heißt Tiefensuche.
Hier lernst du die Tiefensuche Schritt für Schritt. Ein Hinweis vorweg: Trinder verkauft genau diese Recherche als Dienstleistung. Die Erfolgszahlen sind seine eigenen Angaben über seine Kunden.
Woher der Name kommt
Tiefensuche, auf Englisch Depth-First Search, stammt aus der Informatik. Computer durchsuchen damit große Netze aus verbundenen Daten, etwa Webseiten, die aufeinander verlinken. Trinder sagt: Lass dich vom Fachbegriff nicht abschrecken. Es ist nur eine feste Abfolge von Schritten.
Der Name beschreibt das Vorgehen. Du gehst einem Weg so tief nach, wie er etwas bringt. Erst dann gehst du zurück und nimmst den nächsten. So übersiehst du keine Ecke deiner Nische.
Trinder benutzt drei Begriffe: – Knoten: alles, was du untersuchst. Ein Suchbegriff, ein Video, ein Kanal oder eine Empfehlung. – Startpunkt: deine Nische. – Stapel: die Liste der Dinge, die du gefunden, aber noch nicht untersucht hast. Deine offenen Wege.
Die Tiefensuche in 7 Schritten
Ein Beispiel zieht sich durch: Selin plant einen Kanal mit Tipps für kleine YouTube-Kanäle.
1. Mach eine Startliste mit Suchbegriffen. Trinder lässt sie von einer KI wie Claude oder ChatGPT schreiben. Seine Frage: „Gib mir eine Startliste mit Suchbegriffen für diese Nische.“ Trinders Beispiel ist Produktivität. Dort kommen etwa Tipps, Systeme, Kalender, Tagesplanung. Bei Selin kommen YouTube-Algorithmus, Thumbnail, Titel, mehr Abonnenten. Wichtig ist die Sprache der Zielgruppe. Trinder beginnt mit den Worten, mit denen die Leute ihr Problem beschreiben. Selin ergänzt deshalb Sätze wie „Kanal wächst nicht“ und „keiner schaut meine Videos“.
2. Such den ersten Begriff. Selin sucht „Kanal wächst nicht“. Unter den Ergebnissen sind Videos mit sehr vielen Views. Die Videos, die weit über dem Schnitt ihres Kanals liegen, kommen auf den Stapel. Wie du das ausrechnest, steht in Ausreißer finden.
3. Öffne den Kanal hinter dem ersten Ausreißer. Ein Video heißt „Warum dein Kanal nicht wächst (und es nicht am Algorithmus liegt)“. Es hat 70.000 Views, normal sind auf dem Kanal 6.000. Selin öffnet den Kanal und findet zwei weitere Ausreißer: eines über Thumbnails in zehn Minuten, eines, in dem der Creator die Zahlen seines ersten Jahres zeigt.
4. Trag alles sofort in deine Liste ein. Nicht am Ende, sondern während du suchst. Trinder nennt das seine Recherche-Datenbank. Eine einfache Tabelle reicht.
5. Geh zurück und folge den Empfehlungen. Ist der Kanal durch, geht Selin zurück zum ersten Video. Rechts daneben schlägt YouTube weitere Videos vor. Eines kommt von einem Kanal für selbstständige Coaches: „Keine Kunden über YouTube? Es liegt nicht an den Views“, fünfmal so gut wie üblich. Auch das kommt in die Liste.
6. Wenn ein Weg nichts mehr bringt, geh zurück. Die übrigen Videos des Coaching-Kanals handeln von Steuern und Buchhaltung. Das passt nicht zu Selins Kanal. Sie geht zurück und nimmt die nächste Empfehlung.
7. Ist der Suchbegriff erschöpft, nimm den nächsten. Dann beginnt alles wieder bei Schritt 2.
Wann bist du fertig? Trinders Antwort: wenn du die Nische verstehst, nicht nur einen Wettbewerber.
Nach dem ersten Suchbegriff hat Selin neun Videos in ihrer Liste. Drei davon kommen von drei verschiedenen Kanälen und sagen dasselbe: Es liegt nicht am Algorithmus, sondern an etwas, das du ändern kannst. Genau so entsteht, was Trinder bei Dr. Sean beschreibt. Dasselbe Thema taucht immer wieder auf. Das ist Nachfrage, die du belegen kannst.
Was in die Liste gehört
Der Titel allein reicht nicht. Trinder rät, alles festzuhalten, was zum Erfolg beigetragen haben kann: das Thumbnail, den Aufbau des Videos, die Art der Umsetzung. Steht jemand am Whiteboard? Ist das Video roh gefilmt? Ist es eine Bildschirmaufnahme? Ein Ausreißer kann mehrere Ursachen haben. Wer nur den Titel notiert, verliert die anderen. Mehr dazu in Kopier die Ursache, nicht die Worte.
So sieht Selins Tabelle aus:
| Weg | Kanal (Median) | Titel | Views | Faktor | Datum | Umsetzung | Notiz |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| „Kanal wächst nicht“ | Kanal A (6.000) | Warum dein Kanal nicht wächst (und es nicht am Algorithmus liegt) | 70.000 | 12 | vor 4 Monaten | Gesicht, Bildschirm | Ursache statt Tipps |
| Kanal A | Kanal A (6.000) | Mein erstes Jahr auf YouTube: alle Zahlen | 21.000 | 3,5 | vor 9 Monaten | Bildschirmaufnahme | echte Zahlen zeigen |
| Empfehlung | Coaching-Kanal (2.000) | Keine Kunden über YouTube? Es liegt nicht an den Views | 10.000 | 5 | vor 7 Monaten | Gesicht | gleiches Muster: „Es liegt nicht an …“ |
Wichtig ist die Spalte „Weg“. Sie zeigt dir später, wo du schon warst.
Hat Selin die Themen durch, kann sie denselben Weg ein zweites Mal gehen. Diesmal sucht sie nicht nach Themen, sondern nach Formaten: nach Titel-Mustern, Thumbnail-Mustern, Aufbauten, die gerade funktionieren. Trinder sagt: Oft stellst du dann fest, dass ein Format in deiner Nische noch keiner nutzt. Wie du Formate aus anderen Nischen holst, zeigt Nachbar-Nischen.
Allein oder mit Hilfe?
Trinder sagt offen: Die Tiefensuche ist lang und mühsam. Seine Kunden sollen sie nicht selbst machen. Eine Assistenz übernimmt die Suche. Eine KI erweitert die Liste der Suchbegriffe und ordnet die Belege.
Sein eigenes Team recherchiert nach seinen Angaben Hunderte Stunden pro Woche, über mehr als 100 Kanäle hinweg. Er nennt diesen Vorsprung an Wissen fast ein Monopol. Das ist sein Geschäft. Deshalb sollte man im Kopf behalten: Wer Recherche verkauft, hat ein Interesse daran, dass sie unverzichtbar wirkt.
Als Creator ohne Team brauchst du keine Hunderte Stunden. Eine KI kann dir die Startliste schreiben und deine Notizen sortieren. Die Zahlen prüfst du besser selbst. Und du setzt dir ein Zeitlimit, etwa zwei Stunden pro Suchbegriff.
Galloways Gegenmodell: sammeln statt durchsuchen
Paddy Galloway, einer der bekanntesten YouTube-Strategen, arbeitet anders. Er durchsucht keine Nische nach Plan. Er schaut ohnehin jeden Tag YouTube und speichert, was ihm auffällt, in Playlists: Ausreißer, gute Titel, gute Thumbnails, gute Intros. Einmal pro Woche geht er sie durch.
Beide suchen nach demselben: Videos, die weit über ihrem Kanal liegen. Trinders Weg ist gründlicher und lässt sich abgeben. Galloways Weg kostet weniger Zeit und reicht weiter über die eigene Nische hinaus. Wie Galloways Playlists funktionieren, zeigt Study-Playlists.
Vier typische Fehler
1. Du hörst nach einem Wettbewerber auf. Dann kennst du einen Kanal, aber nicht die Nische. Trinders Abbruchregel ist die Nische, nicht der erste gute Fund.
2. Du schreibst erst am Ende auf. Nach zwei Stunden weißt du nicht mehr, über welchen Weg du ein Video gefunden hast. Trag jeden Fund sofort ein.
3. Du folgst jeder Empfehlung. Empfehlungen führen schnell weg von deinem Thema. Selin ist beim Coaching-Kanal umgekehrt, als es um Steuern ging. Eine einfache Regel: Bringen drei Videos hintereinander keinen neuen Ausreißer, geh zurück.
4. Du suchst einmal und nie wieder. Was in einer Nische funktioniert, ändert sich. Wiederhol die Suche alle paar Monate mit denselben Begriffen und vergleiche.
Wo die Methode an Grenzen stößt
Sie sammelt nur Gewinner. Die Tiefensuche trägt Ausreißer zusammen. Wie oft dieselbe Idee gescheitert ist, siehst du so nicht. Trinder weiß das und sucht deshalb gezielt nach Flops. Wie das geht, zeigt Untersuch auch die Flops.
Empfehlungen sind persönlich. YouTube schlägt dir Videos vor, die zu deinem Verlauf passen. Ein Zuschauer deiner Nische sieht andere Empfehlungen als du. Behandle die Empfehlungen als Hinweise auf Nachbarthemen, nicht als vollständiges Bild.
Sie beweist nichts über dein Video. Trinder sagt selbst: Recherche vor dem Veröffentlichen bleibt eine Hypothese. Auch bei Dr. Sean hat das Thema nicht die ganze Arbeit gemacht. Titel, Thumbnail und das Video selbst mussten trotzdem gut sein.
Übung: zwei Stunden, ein Suchbegriff
- Lass dir eine Startliste schreiben. Frag eine KI nach 20 Suchbegriffen für deine Nische. Ergänze fünf Sätze, mit denen deine Zielgruppe ihr Problem beschreibt.
- Nimm den ersten Begriff und stell einen Wecker auf zwei Stunden.
- Geh die sieben Schritte durch. Trag jeden Ausreißer sofort in die Tabelle ein, mit dem Weg, über den du ihn gefunden hast.
- Markier am Ende, was mehrmals auftaucht. Ein Thema, das bei drei verschiedenen Kanälen ein Ausreißer war, ist ein Kandidat für dein nächstes Video.