Teil der Content-Recherche · Außerhalb jeder Nische
Jenny Hoyos macht kurze Videos auf YouTube. Ihr Kanal hatte 8 Millionen Abonnenten, als sie im 1of10 Podcast erzählte, wie sie ihre Ideen findet.
Am Anfang suchte sie auf YouTube nach Ausreißern, also nach Videos, die viel besser laufen als üblich. Dann wuchs ihr Kanal. Ihre Videos bekamen im Schnitt rund 10 Millionen Views. Jetzt wurde es schwer, auf YouTube Ausreißer zu finden, die deutlich mehr hatten.
Also änderte sie ihre Suche. Sie fragte sich: Was funktioniert im klassischen Fernsehen? Ihr Gedanke: Das ist erprobt. Und auf YouTube ist es trotzdem frisch und neu.
Eine der Sendungen war Extreme Cheapskates, eine amerikanische Reality-Show über Menschen, die extrem sparen. Viele Videos auf ihrem Kanal beruhten in dieser Zeit auf der Show. In einer Folge machte eine Frau genau das, was Hoyos später nachstellte. Hoyos sagt: Ich habe wörtlich nachgemacht, was sie gemacht hat. Die Folge war schon Jahre alt, nach ihrer Schätzung etwa von 2010. Auf YouTube hatte das noch niemand gemacht.
Daraus wurde ihr Weihnachtsvideo mit 83 Millionen Views. Was darin passiert und warum es zu ihrem Publikum passte, steht in der Zielgruppenanalyse. Hier geht es um den Weg dorthin: Wie du Ideen findest, die woanders längst funktioniert haben, und sie für dein Publikum neu machst.
Warum alte Ideen wieder funktionieren
Mario Joos berät YouTube-Kanäle dabei, wie sie Zuschauer länger halten. Er beschreibt einen Effekt, den er Neuheits-Verzerrung nennt: Menschen halten etwas für besser, nur weil es neuer ist. Auf YouTube heißt das: Ein frisch hochgeladenes Video begeistert mehr, und seinen Infos vertraut man eher. In vielen Nischen wollen die Leute nichts schauen, das ein paar Jahre alt ist.
Joos zieht daraus einen Schluss: Du kannst Ideen nachmachen oder dich stark von Ideen inspirieren lassen, die schon Jahre alt sind. Alte Trends zurückzubringen, verschafft dir oft einen Vorteil.
Das erklärt Hoyos‘ Erfolg von zwei Seiten. Die Idee war erprobt: Die Folge der Show war beliebt. Und für ihr Publikum war sie neu: Ihre Zuschauer waren damals noch nicht auf der Welt oder zu klein für Reality-Shows.
Paddy Galloway, einer der bekanntesten YouTube-Strategen, sagt dasselbe über Ideen auf YouTube selbst. Ein Titel läuft eine Zeit lang gut, dann ist er verbraucht. Vielleicht greifst du ihn Jahre später wieder auf.
Wo du alte Ideen findest
- Fernsehshows: Spielshows, Reality-Shows, Kuppelshows, Shows mit versteckter Kamera. Viele liefen jahrelang, weil sie ein Publikum hatten.
- Serien und Filme: Hoyos holte sich auch aus der Sitcom How I Met Your Mother eine Idee. Die Geschichte steht in Außerhalb jeder Nische.
- Bücher: Klassiker, Ratgeber, Experimente aus Sachbüchern. Was seit Jahrzehnten gelesen wird, trifft etwas, das Menschen interessiert.
- Alte YouTube-Ausreißer: Videos, die vor fünf oder zehn Jahren viral gingen. Deine Zuschauer von heute haben sie oft nie gesehen. Wie du Ausreißer erkennst, zeigt Ausreißer finden.
- Andere Plattformen: Formate von TikTok oder Instagram, Fragen aus Foren, Themen aus Podcasts. Galloways Team machte aus einem Kurzvideo-Format ein langes YouTube-Video. Mehr dazu in Study-Playlists.
Hoyos schaut nach eigener Aussage auch heute viel klassisches Fernsehen, um Ideen zu bekommen.
Der Musikproduzent Rick Rubin rät, in die großen Werke einzutauchen statt nur ins Neueste: Wer ein Jahr lang Klassiker liest statt Nachrichten, erkennt danach besser, was wirklich gut ist. Wer Rubin ist, steht in Deine Informations-Diät.
In vier Schritten von der alten Idee zum Video
1. Such etwas, das nachweislich funktioniert hat. Eine Show mit vielen Staffeln. Ein Buch, das seit Jahren verkauft wird. Eine Folge, über die viele geredet haben. Hoyos nahm eine Folge, die sehr beliebt war.
2. Schreib in einem Satz auf, warum es funktioniert hat. Nicht, was passiert, sondern was die Zuschauer dranhält. Bei der Eichhörnchen-Idee von Mark Rober, die Galloway auf Shows wie Ninja Warrior zurückführt, ist es etwa: Kandidaten mit Namen kämpfen sich durch einen Parcours, und du willst wissen, wer es schafft. Wie du die Ursache statt der Oberfläche übernimmst, zeigt Kopier die Ursache, nicht die Worte.
3. Prüf, ob es zu deinen Zuschauern passt. Hoyos betont: Wenn dein Kanal wächst, reicht ein Ausreißer allein nicht. Er muss zu deinem Publikum passen. Eine gute Idee floppt, wenn deine Zuschauer nichts damit anfangen können. Warum, zeigt Hoyos selbst in der Zielgruppenanalyse.
4. Bau es für deine Plattform um. Fernsehen, TikTok und YouTube funktionieren verschieden. Ich habe das mit meinem Dating-Kanal erlebt: Auf TikTok haben die Leute lange zugeschaut. Auf YouTube, wohin ich sie geschickt habe, sind sie früh abgesprungen. Also habe ich die Videos dort neu aufgebaut (mehr in Ziele für deinen YouTube-Kanal). Warum jede Plattform ihre eigene Sprache hat, steht in Zielgruppe erreichen.
Ein Beispiel: Ein Psychologie-Kanal erklärt, warum Menschen sich in Gruppen anders verhalten. Die Fernsehshow Verstehen Sie Spaß? stellt seit Jahrzehnten Menschen mit versteckter Kamera auf die Probe. Die Mechanik: Man sieht echte Menschen in einer seltsamen Lage und fragt sich, was man selbst tun würde. Der Kanal macht daraus: „Würdest du mitmachen? Wir testen Gruppenzwang mit versteckter Kamera“. Er baut es für YouTube um: ein einziges Experiment, die Auflösung erst am Ende.
Ein zweites Beispiel: In der alten Kuppelshow Herzblatt stellte eine Person drei Kandidaten Fragen, ohne sie zu sehen. Eine Wand trennte sie. Ein Dating-Kanal könnte daraus machen: „3 Männer, eine Wand, 3 Fragen: Wen würdest du daten?“ Die Mechanik bleibt: Entscheiden nur nach den Antworten, nicht nach dem Aussehen.
Drei typische Fehler
1. Das Material übernehmen statt der Idee. Hoyos hat die Folge nachgestellt, nicht hochgeladen. Nimm keine Ausschnitte, keine Musik, keine Namen oder Logos einer Sendung. Die Idee in eigenen Worten und eigenen Bildern umzusetzen, ist auf YouTube üblich. Bei Zweifeln lass es prüfen.
2. Nur die Oberfläche kopieren. Wer bei Herzblatt nur die Wand übernimmt, aber die Fragen langweilig macht, hat nichts von der Spannung. Schritt 2 ist der wichtigste.
3. Die Fassung eins zu eins auf YouTube stellen. Eine Fernsehshow hat Werbepausen, eine lange Einleitung und viele Kandidaten. Auf YouTube musst du in den ersten Sekunden klarmachen, worum es geht. Wie du so einen Einstieg baust, zeigt der Hebel Intro.
Wo das Prinzip an Grenzen stößt
Nicht jede Nische mag Neues. Joos sagt ausdrücklich: in vielen Nischen, nicht in allen. Bei Lernvideos zählt eher, ob die Erklärung stimmt, als wie neu die Idee ist. Joos nennt für die Neuheits-Verzerrung keine Studie.
Hoyos hatte einen besonderen Grund. Sie suchte im Fernsehen, weil ihr auf YouTube die Ausreißer ausgingen. Bei 10 Millionen Views im Schnitt ist das ein anderes Problem als bei 1.000. Für kleine Kanäle gibt es auf YouTube selbst meist genug Ausreißer. Das Fernsehen ist dann eine Quelle unter mehreren, nicht die erste.
Manche Zuschauer kennen das Original. Hoyos‘ Publikum war sehr jung. Zuschauer über 40 kennen Herzblatt vielleicht noch. Das kann dir schaden, wenn es nach Kopie aussieht. Es kann dir auch helfen, wenn es Erinnerungen weckt. Je älter dein Publikum, desto eher solltest du offen sagen, woher die Idee stammt.
Eine Idee ist noch kein Video. Welche der alten Ideen du am Ende drehst, entscheidest du beim Hebel Idee.
Übung: eine Sendung, drei Ideen
- Such dir eine Sendung, eine Serie oder ein Buch aus, das viele Jahre erfolgreich war. Am besten etwas, das deine Zuschauer kaum kennen.
- Schau eine Folge oder lies ein Kapitel. Schreib in einem Satz auf, was die Leute dranhält.
- Mach daraus drei Titel für deinen Kanal. Jeder Titel nutzt dieselbe Mechanik, aber dein Thema.
- Frag bei jedem Titel: Passt das zu meinen Zuschauern? Was muss ich für YouTube ändern?
- Schreib die beste Idee in deine Liste, mit der Quelle dazu.