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Recherche · 14.10.2026 · Oliver Bayer

Wettbewerbsanalyse auf YouTube: So findest du heraus, was in deiner Nische funktioniert

Welches Video ragt heraus? Zehn Balken eines Kanals, neun etwa gleich hoch, einer ist fünfmal so hoch und grün markiert: Ausreißer.

Teil der Content-Recherche · Teil 1 von 5

Öffne YouTube und lad die Startseite ein paar Mal neu. Irgendwann siehst du ein Video mit Hunderttausenden Views. Es kommt von einem Kanal, der sonst vielleicht 200 Views pro Video schafft.

So beschreiben es Eric und Harper aus dem Team von Marques Brownlee. Brownlee betreibt den Technik-Kanal MKBHD, einen der bekanntesten Kanäle auf YouTube. Sein Team nennt so ein Video ein Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage: Viele wollten genau dieses Video sehen, und kaum jemand hatte es gemacht. Irgendetwas daran hat Zuschauer angezogen. Das Thema, die Formulierung des Titels oder der Aufbau des Vorschaubilds, des sogenannten Thumbnails.

So ein Video heißt Ausreißer, auf Englisch Outlier. Ausreißer gibt es in jeder Nische. Wer sie sammelt, weiß, was seine Zielgruppe gerade sehen will. Und zwar bevor er die Kamera einschaltet.

Für meinen Dating-Kanal habe ich zeitweise bis zu sechs Videos am Tag gedreht und hochgeladen. Die meisten Themen kamen aus der Recherche. Ich habe viel geschaut, was in der Nische gerade funktioniert, bei Kanälen für Männer wie für Frauen. Wie ich dabei die Zielgruppe selbst recherchiert habe, steht in So recherchierst du deine Zielgruppe.

Hier geht es um die Videos deiner Wettbewerber. Du lernst vier Schritte: Ausreißer finden, die ganze Nische durchsuchen, die Flops mit ansehen und zuerst deine eigenen Ausreißer wiederholen. Das ist der erste von drei Kreisen der Content-Recherche: deine eigene Nische. Die anderen beiden sind Nachbar-Nischen und das ganze Internet.

Ausreißer finden: die 3×-Regel

Ein Video mit einer Million Views sagt allein wenig. Für einen Kanal mit zehn Millionen Abonnenten kann das ein normales Video sein. Für einen Kanal, der sonst 5.000 Views holt, ist es eine Sensation. Entscheidend ist also nicht die Zahl. Entscheidend ist der Vergleich mit dem eigenen Kanal.

Paddy Galloway ist einer der bekanntesten YouTube-Strategen. Er hat unter anderem für MrBeast und Red Bull gearbeitet. Seine Regel: Ein Video wird interessant, wenn es mindestens drei- bis viermal so viele Views hat wie der Durchschnitt seines Kanals. Holt ein Kanal normalerweise 100.000 Views pro Video und ein Video holt 300.000 bis 400.000, schaut Galloway genau hin. Er sagt sinngemäß: Ob der Creator es geplant hat oder nicht, er ist auf etwas gestoßen, das funktioniert.

Galloway sucht dabei gründlich. Sein Beispiel: Hätte er einen Golf-Kanal, würde er sich jeden anderen Golf-Kanal der letzten 365 Tage ansehen. Er sammelt alle Videos, die drei- bis viermal so gut liefen wie üblich. Diesen Faktor musst du nicht selbst ausrechnen. Es gibt Browser-Erweiterungen, die ihn direkt neben jedem Video anzeigen.

Miss am eigenen Kanal. Ein Beispiel: eine Akademie für Rhetorik sucht Ausreißer. Links ein Rhetorik-Kanal mit Schnitt 8.000: ein Video mit 40.000 Views ragt heraus, 5×, also aufschreiben. Rechts ein großer Kanal über Kommunikation: sein Video mit 60.000 Views liegt unter dem Schnitt der anderen Balken, weniger als üblich, also nicht aufschreiben.

Ein Beispiel: Eine Akademie für Rhetorik bietet Kurse und Coaching an. Bisher hat sie ihre Zielgruppe mit Anzeigen auf Instagram und Facebook erreicht. Jetzt will sie auf YouTube starten. Ein Rhetorik-Kanal ihrer Nische holt im Schnitt 8.000 Views pro Video. Ein Video darauf heißt „Die 3-Sekunden-Pause, die jede Rede besser macht“. Es hat 40.000 Views, also das Fünffache. Die Akademie schreibt es auf. Ein großer Kanal über Kommunikation hat ein Video mit 60.000 Views. Bei ihm ist das weniger als üblich. Das schreibt sie nicht auf.

Fürs Video heißt das: Miss jedes Video am Schnitt seines eigenen Kanals. Sammle alle Videos ab dem Dreifachen. Und frag bei jedem: Lag es am Thema, am Titel oder am Thumbnail?

→ Mehr dazu: Ausreißer finden: die 3×-Regel

Durchsuch die ganze Nische, nicht nur einen Kanal

Die meisten Creator kennen zwei oder drei große Kanäle ihrer Nische. Dort schauen sie nach, was läuft. Dann hören sie auf.

Jake Trinder hält das für zu wenig. Trinder baut YouTube-Kanäle für Unternehmen auf und betreut nach eigener Aussage über 100 Kanäle. Er verkauft also genau diese Art von Recherche. Sein Ziel ist ein vollständiger Überblick über die ganze Nische, nicht über einen einzelnen Wettbewerber. Seine Begründung: YouTube ist ein Spiel aus Entscheidungen. Welches Thema, welcher Titel, welches Thumbnail? Je mehr du siehst, desto besser entscheidest du.

Seine Methode heißt Tiefensuche. Er beginnt mit einer Liste von Suchbegriffen. Bei jedem Begriff öffnet er die Videos, die herausragen. Von dort geht er auf den Kanal und sammelt dessen Ausreißer. Dann folgt er den Empfehlungen neben dem Video. Erst wenn ein Weg nichts Neues mehr bringt, geht er einen Schritt zurück und nimmt den nächsten. Alles, was er findet, trägt er in eine Liste ein. Trinder sagt offen: Das ist mühsam. Seine Kunden lassen es von Assistenten und KI erledigen.

Ein Beispiel: Die Rhetorik-Akademie sucht „Angst vor Präsentation“. Ein Video sticht heraus: „Nie wieder Blackout bei der Präsentation“. Sie öffnet den Kanal und findet zwei weitere Ausreißer, beide über Lampenfieber. Neben dem Video schlägt YouTube einen Kanal über Bewerbungsgespräche vor. Den kannte sie noch nicht. Auch er hat zwei Ausreißer, beide über Nervosität im Gespräch. Nach zwei Stunden stehen 14 Videos in der Liste. Fünf davon handeln von Angst, nicht von Technik.

Fürs Video heißt das: Plane kein Thema, bevor du weißt, ob es in deiner Nische schon funktioniert hat. Und zwar nicht bei einem Kanal, sondern bei mehreren.

→ Mehr dazu: Die Tiefensuche: deine Nische Schritt für Schritt durchsuchen

Schau dir auch die Flops an

Eine Liste mit Ausreißern hat einen blinden Fleck. Sie zeigt nur, was funktioniert hat. Wie oft dieselbe Idee gescheitert ist, zeigt sie nicht.

Trinder sagt sinngemäß: Wer nur Gewinner untersucht, kann jede schlechte Idee beweisen. Gewinner zeigen, dass eine Idee funktionieren kann. Flops zeigen, wann und warum sie scheitert.

Galloway macht etwas Ähnliches im Kleinen. Findet er bei einem Kanal ein Video mit 400.000 Views, schaut er sich auch dessen Videos mit 100.000 an. Dann fragt er: Was ist bei diesen Videos anders? Ein anderes Format? Ein anderer Stil? Ein anderer Titel?

Gewinner und Flops. Ein Beispiel: die Idee „Ich analysiere die Rede von …“. Eine Reihe aus Punkten für Videos mit derselben Idee: zwei grüne Ausreißer, drei graue normale, neun rote. Nur die zwei grünen siehst du in der Ausreißer-Liste. Neun liefen schlechter als üblich.

Ein Beispiel: Die Rhetorik-Akademie will ein Video „Ich analysiere die Rede von …“ machen, also die Rede eines bekannten Menschen auseinandernehmen. Bei zwei Kanälen war so ein Video ein Ausreißer. Sie sucht die Formulierung in Anführungszeichen und findet zwölf weitere Videos mit derselben Idee. Neun davon liefen schlechter als üblich. Die beiden Ausreißer zeigten am Anfang einen kurzen Ausschnitt, in dem der Redner patzt. Die neun Flops nicht. Die Akademie weiß jetzt zweierlei: Die Idee ist riskanter, als sie dachte. Und der Patzer gehört an den Anfang.

Fürs Video heißt das: Bevor du eine Idee übernimmst, zähl: Wie viele Kanäle haben sie versucht? Bei wie vielen hat sie funktioniert? Und was hatten die Gewinner, was den anderen fehlte?

→ Mehr dazu: Untersuch auch die Flops

Kopier zuerst dich selbst

Die beste Quelle für Ausreißer ist dein eigener Kanal. Galloway schaut bei neuen Kunden als Erstes, welche ihrer alten Videos gut liefen. Dann fragt er: Können wir das noch einmal machen? Anders, besser, mit einem neuen Dreh?

Die Reihenfolge hängt davon ab, wie weit dein Kanal ist. Im Podcast mit Galloway fasst der Gastgeber sie so zusammen, und Galloway stimmt zu: Hast du noch keine Videos, fängst du bei den Ausreißern anderer Kanäle an. Hast du ein paar Videos hochgeladen, kommen deine eigenen Ausreißer dazu. Ganz neue Ideen, die es so noch nie gab, kommen später.

Ein Beispiel: Nach zehn Videos sieht die Rhetorik-Akademie, dass eines doppelt so gut lief wie die anderen. Es heißt „So wirst du das Ähm los“. Ihr nächstes Video: „So wirst du das ‚Also‘ am Satzanfang los“.

Fürs Video heißt das: Sortier deine Videos nach Views. Nimm das beste und schreib drei neue Fassungen davon auf. Erst danach suchst du bei anderen.

→ Mehr dazu: Kopier dich selbst zuerst

Was Recherche nicht kann

Eine gute Recherche sagt dir, welche Ideen schon funktioniert haben. Sie sagt dir nicht, ob dein Video funktioniert. Trinder sagt es so: Recherche vor dem Veröffentlichen bleibt eine Hypothese. Das letzte Wort hat der Markt.

Und sie ersetzt nicht deine eigene Sicht. Wer einen Ausreißer Wort für Wort nachbaut, hat oft keinen Erfolg. Das MKBHD-Team rät: Verstehe, warum das Video gelaufen ist. Dann übertrag es auf deine Nische. Wie das geht, zeigt der Artikel Steal Like an Artist.

Übung: deine ersten 20 Ausreißer

  1. Schreib zehn Kanäle deiner Nische auf. Große und kleine. Kleine Kanäle mit einem Ausreißer sind besonders wertvoll: Ihr Erfolg lag kaum an der Bekanntheit.
  2. Bestimm bei jedem Kanal den Schnitt. Nimm die letzten zehn langen Videos. Lass Videos weg, die jünger als zwei Wochen sind. Die wachsen noch.
  3. Sammle alle Videos ab dem Dreifachen. Nicht älter als ein Jahr. Trag sie in eine Tabelle ein: Kanal, Titel, Views, Faktor, Datum.
  4. Such bei zwei Ausreißern die Flops. Gib den Kern des Titels in Anführungszeichen ins Suchfeld. Zähl, wie viele Videos mit derselben Idee gut liefen und wie viele nicht.
  5. Sortier deine eigenen Videos nach Views. Schreib das beste dazu.

Am Ende hast du rund 20 Zeilen. Aus ihnen entstehen deine nächsten Ideen. Wie du aus solchen Zeilen Ideen machst und die beste auswählst, zeigt der Hebel Idee.

Wer hier schreibt

Oliver Bayer

Oliver Bayer

Sammelt, was erfolgreiche Creator anders machen, und übersetzt es in einen Ablauf, den du für jedes Video nutzen kannst.

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