Teil der Content-Recherche · Teil 3 von 5
Jenny Hoyos macht kurze Videos auf YouTube. Als sie im 1of10 Podcast über ihre Strategie sprach, hatte ihr Kanal 8 Millionen Abonnenten.
In einem ihrer Videos verschwinden ihre Erdbeeren. Sie kauft welche, am nächsten Tag sind sie weg. Also sucht sie den Täter. Verdächtige Nummer eins ist ihre Mutter. Dann kommt ein Familienmitglied nach dem anderen dran. Das Video bekam in weniger als einem Monat rund 24 Millionen Views.
Die Idee kam nicht von YouTube. Hoyos schaute gerade die Sitcom How I Met Your Mother. Die Serie hält ihre Zuschauer mit einer Frage bei der Stange: Wer ist die Mutter? Hoyos wollte das auch herausfinden. Und sie wollte ein Video, das genauso funktioniert. Der Moderator sagt dazu: Wer mehr als 10 Millionen Views will, muss sehr breit suchen, auch außerhalb von YouTube. Hoyos stimmt zu.
Die meisten Creator suchen Ideen in ihrer eigenen Nische, also bei Kanälen mit demselben Thema. Für meinen Dating-Kanal habe ich viel in der Nische geschaut, was gerade funktioniert, bei Männern wie bei Frauen. Das ist der erste Kreis der Content-Recherche. Der zweite sind Nachbar-Nischen. Dieser Artikel zeigt den dritten Kreis: alles andere. Eine Sitcom, ein Spielemagazin, ein Minecraft-Video.
Du erfährst, warum Ideen von ganz woanders so gut funktionieren. Wie du sie sammelst, statt zufällig zu scrollen. Und wie du sie festhältst, bevor sie weg sind.
Warum die besten Ideen oft von woanders kommen
Jim Edwards ist Werbetexter und hat das Buch Copywriting Secrets geschrieben. Eine seiner erfolgreichsten Überschriften fand er auf dem Titel eines Videospiel-Magazins. Dort stand: „The Grand Theft Auto 4 Secrets You’re Not Supposed To Know“. Auf Deutsch etwa: „Die Geheimnisse von Grand Theft Auto 4, die du nicht kennen sollst“.
Edwards’ Thema ist ein ganz anderes: Ebook-Marketing, also wie man digitale Bücher verkauft. Er machte daraus: „The Ebook Marketing Secrets You’re Not Supposed To Know“.
Wer Ebooks verkaufen will, liest keine Spielemagazine. Für diese Leser war die Überschrift neu.
In deiner eigenen Nische ist das anders. Dort sehen alle dieselben erfolgreichen Videos. Paddy Galloway, einer der bekanntesten YouTube-Strategen, beschreibt das an einem Titel: Ein Business-Kanal hatte Erfolg mit dem Wort „Goldrausch“. Bald nutzten es viele Business-Kanäle. Eine Zeit lang lief es gut, dann war es verbraucht.
Je weiter weg du suchst, desto seltener kennen deine Zuschauer die Idee schon. Und desto seltener hat deine Konkurrenz sie auch gefunden.
Der Autor Austin Kleon sieht darin sogar den Kern von Originalität. In Zeig, was du kannst! schreibt er: Die „Verschiedenheit und Bandbreite unserer Inspirationsquellen“ macht uns einzigartig. Mehr zu Kleon steht in Steal Like an Artist.
Ein Beispiel: Ein Kanal erklärt YouTube-Anfängern, wie sie mehr Views bekommen. In dieser Nische heißen viele Titel „10 Tipps für mehr Views“. Beim Fußballschauen sieht der Creator die Bundesliga-Tabelle. Daraus wird: „Titel-Liga: 8 Titel für dasselbe Video, nur einer gewinnt“.
Fürs Video heißt das: Such nicht nur dort, wo deine Konkurrenz sucht. Schau jede Woche bewusst auch Dinge, die nichts mit deinem Thema zu tun haben. Aber prüf jede Idee an deinen Zuschauern. Warum dieselbe Idee bei einem Publikum zündet und beim anderen floppt, zeigt Hoyos in der Zielgruppenanalyse.
Sammeln statt scrollen: dein Archiv
Bevor Hoyos eine Million Abonnenten hatte, suchte sie ihre Ideen von Hand. Werkzeuge dafür gab es damals kaum. Sie scrollte den ganzen Tag durch YouTube Shorts und schaute dabei nur auf den Like-Knopf.
Sie scrollte weiter, bis ein Video mehr als eine Million Likes hatte. Für sie hieß das: Dieses Video hat meistens mindestens 10 Millionen Views. Solche Videos nennt man Ausreißer: Sie laufen viel besser als üblich. Jeden Ausreißer speicherte Hoyos in einer Playlist. Am Ende sammelte sie Ideen rund um diese Videos. Sie sagt selbst: sehr mühsam.
Der Podcast, in dem sie das erzählt, gehört übrigens zu 1of10. Die Firma verkauft ein Werkzeug, das solche Ausreißer automatisch findet.
Der Unterschied zum normalen Scrollen sind zwei Dinge. Ein fester Filter: Hoyos hielt nur bei über einer Million Likes an. Und ein fester Ort: Was den Filter schaffte, kam in die Playlist. Ohne beides scrollst du an guten Ideen vorbei und vergisst sie.
Ein Beispiel: Der Creator des Anfänger-Kanals legt eine Playlist „Ausreißer“ an. Abends sieht er ein Video, in dem jemand 30 Tage lang jeden Morgen eiskalt duscht. Es hat viel mehr Views als die anderen Videos des Kanals. Er speichert es. Zwei Monate später wird daraus: „30 Tage, jeden Tag ein Short: Was mit einem neuen Kanal passiert“.
Fürs Video heißt das: Leg eine Playlist an und speichere jedes Video, das deutlich besser läuft als der Rest des Kanals. Egal, aus welcher Nische es kommt. Und nimm dir einen festen Termin, an dem du die Playlist durchgehst.
→ Mehr dazu: Study-Playlists: dein Archiv für das, was funktioniert
Deine Informations-Diät
Jimmy Donaldson, bekannt als MrBeast, betreibt einen der größten YouTube-Kanäle der Welt. Für seine Mitarbeiter hat er ein Handbuch geschrieben. Darin nennt er alles, was du konsumierst, deine Informations-Diät: Social Media, YouTube, Fernsehen, die Spiele, die du spielst.
Sein Kernsatz, Wort für Wort betont: Du kannst dich nicht von Dingen inspirieren lassen, von denen du nicht weißt, dass es sie gibt. Was du heute schaust, liegt später in deinem Kopf bereit. Vielleicht erst beim zehnten oder hundertsten Video.
Der Filmemacher Van Neistat, älterer Bruder des YouTubers Casey Neistat, ergänzt etwas Wichtiges. Gute Ideen kommen bei ihm nicht durch Anstrengung. Sie kommen, wenn alle Kleinigkeiten erledigt sind, er seinen Tee getrunken hat und entspannt ist. Er beruft sich dabei auf den Regisseur David Lynch.
Beides gehört zusammen. Erst kommt der Input. Dann braucht dein Kopf Ruhe, um daraus etwas zu machen.
Ein Beispiel: Wer einen Dating-Kanal macht und nur Dating-Videos schaut, bekommt Ideen, die aussehen wie die der anderen Dating-Kanäle. Wer daneben Krimiserien, Reality-Shows und Kochvideos schaut, hat mehr im Kopf, worauf er zurückgreifen kann.
Fürs Video heißt das: Schau dir an, was du in einer Woche wirklich konsumierst. Steht da nur deine eigene Nische, füg bewusst andere Dinge hinzu. Und plan Zeit ohne Input ein.
→ Mehr dazu: Deine Informations-Diät: was du konsumierst, kommt als Idee zurück
Alte Medien und andere Plattformen
Mark Rober war Ingenieur bei der NASA. Heute macht er YouTube-Videos über Technik und Experimente. Während der Corona-Zeit merkte er, dass Eichhörnchen sein Vogelfutter klauten. Also baute er ihnen einen Hindernisparcours. Wer ihn schafft, bekommt das Futter. Jedes Eichhörnchen bekam einen Namen. Laut Galloway hat das Video über 100 Millionen Views. Sogar Galloways Vater, der mit YouTube nichts anfangen kann, fand es richtig gut.
Wie kam Rober auf die Idee? Galloway weiß es nicht. Er vermutet: Rober hat geschaut, was im Fernsehen funktioniert hat. Etwa Shows wie Ninja Warrior, in denen Kandidaten über einen Hindernisparcours turnen. Und er hat sich gefragt, wie das auf YouTube aussähe.
Fernsehshows, Filme und Bücher haben einen Vorteil. Sie haben ihr Publikum schon gefunden. Viele YouTube-Zuschauer kennen sie aber nicht oder haben sie vergessen. Dasselbe gilt für andere Plattformen: Ein Format von TikTok, eine Frage aus einem Forum, ein Thema aus einem Podcast kann auf YouTube neu wirken.
Ein Beispiel: Der Creator erinnert sich an die Kochshow Das perfekte Dinner. Dort kochen fünf Fremde nacheinander füreinander und bewerten sich gegenseitig. Daraus wird: „Das perfekte Dinner für Kanäle: 4 kleine YouTuber bewerten sich gegenseitig“.
Fürs Video heißt das: Frag nicht nur, was gerade auf YouTube läuft. Frag auch, was im Fernsehen, in Büchern oder auf anderen Plattformen lange funktioniert hat. Übernimm die Idee, nicht das Material: keine Ausschnitte, keine Musik aus der Sendung.
→ Mehr dazu: Alte Ideen, neues Publikum: Fernsehen, Bücher, andere Plattformen
Halte jede Idee sofort fest
CommonLuke macht Videos übers Programmieren. Der Tech-YouTuber Bog hat ihn in seiner Community interviewt. Laut Bog hatte Luke nach sieben Monaten elf lange Videos hochgeladen und 53.000 Abonnenten.
Luke führt eine sehr lange Liste mit Ideen in den Notizen auf seinem iPhone. Er ergänzt sie ständig. Sein Grund: Eine Idee kann jederzeit kommen. Schreibt er sie nicht auf, ist sie weg. Manchmal schaut er etwa ein Minecraft-Video und bekommt dabei eine Idee für ein Format. Minecraft hat mit Programmieren nichts zu tun.
David Allen hat den Klassiker Getting Things Done über Selbstorganisation geschrieben. Sein Satz dazu: Dein Kopf ist dafür da, Ideen zu haben, nicht, sie aufzubewahren.
Ein Beispiel: Der Creator notiert nicht nur „Titel-Liga“. Er schreibt dazu, woher die Idee kommt: „Bundesliga-Tabelle, Spannung bis zum letzten Spieltag“. So weiß er später noch, was ihn daran gereizt hat.
Fürs Video heißt das: Führ eine Liste, die du immer dabeihast. Schreib zu jeder Idee die Quelle und in einem Satz, was dir aufgefallen ist. Wenn dir die Ideen ausgehen, setz dich gezielt hin. Luke nutzt dafür ein Raster aus Formaten und Themen. Wie das geht, zeigt das Format-Themen-Raster.
Vom Fundstück zur Idee
Was du sammelst, ist Rohstoff. Ein Ausreißer, eine Sitcom, eine Überschrift aus einem Magazin sind noch kein Video. Auch Hoyos hat erst gesammelt und dann Ideen dazu entwickelt.
Aus dem Rohstoff Ideen machen, viele davon aussortieren und die beste drehen: Das gehört zum nächsten Schritt im Prozess, dem Hebel Idee. Hier geht es nur darum, dass dein Vorrat voll ist, wenn du ihn brauchst.
Übung: eine Woche außerhalb deiner Nische
- Leg eine private Playlist „Ausreißer“ an. Speichere eine Woche lang jedes Video, das deutlich besser läuft als der Rest seines Kanals. Mindestens fünf davon kommen aus Themen, die nichts mit deinem zu tun haben.
- Schau eine Folge einer alten Fernsehshow oder Serie. Schreib in einem Satz auf, warum die Leute dranbleiben.
- Führ eine Liste mit allen Ideen, die dir in dieser Woche kommen, jeweils mit Quelle.
- Nimm dir am Ende der Woche eine Stunde. Schreib zu jedem gespeicherten Video einen Titel, wie er auf deinem Kanal aussehen könnte.