Teil von Storytelling · Die Figur
Ein Junge wird in einem Zimmer einer Botschaft in London festgehalten. Unten im Keller macht sich ein Mann auf den Weg nach oben. Er will den Jungen erwürgen. Vom Erdgeschoss läuft der Vater die Treppe hinauf, er folgt dem Pfeifen seines Sohnes. Im Zimmer versucht eine Frau verzweifelt, den Jungen zu retten. Dann hämmert jemand an die Tür.
Wer ist es? Der Vater oder der Mörder?
Die Szene stammt aus Alfred Hitchcocks Film Der Mann, der zu viel wusste von 1956. Rein logisch müsste der Vater zuerst oben sein. Er startet im Erdgeschoss, der Mörder im Keller. Trotzdem tippen die meisten Zuschauer auf den Mörder. Das schreibt zumindest der Filmwissenschaftler Murray Smith, der die Szene genau untersucht hat. Sein Grund: Die Zuschauer stehen längst auf einer Seite. Sie haben Angst um den Jungen. Dazu sehen sie das Gesicht der Frau, und darin steht Angst. Diese Angst steckt an. Sie ist schneller als die Logik.
Eine Identifikationsfigur ist die Figur, auf deren Seite du als Zuschauer stehst. Du hoffst mit ihr, und du hast Angst um sie. Smith ist Filmwissenschaftler an der Universität Kent in England. In seinem Buch Engaging Characters (1995, Neuauflage 2022) zeigt er: Im Wort „Identifikation“ stecken drei verschiedene Dinge. Die Übersicht dazu steht in Die Figur: Warum Zuschauer mitfiebern. Hier geht es darum, wie Zuschauer eine Seite wählen.
Was eine Identifikationsfigur ausmacht: drei Ebenen
Kurz zur Geschichte des Films: Ben und Jo McKenna, gespielt von James Stewart und Doris Day, sind ein amerikanisches Ehepaar. Mit ihrem Sohn Hank machen sie Urlaub in Marokko. Dort lernen sie einen Franzosen kennen und ein älteres englisches Ehepaar, die Draytons. Der Franzose wird auf dem Markt erstochen. Sterbend flüstert er Ben etwas über ein geplantes Attentat ins Ohr. Damit Ben schweigt, entführen die Draytons Hank. Die Eltern suchen ihn in London und finden ihn am Ende in einer Botschaft.
An diesem Film zeigt Smith seine drei Ebenen.
1. Erkennen: Wer ist wer? Bevor du für jemanden sein kannst, musst du ihn auseinanderhalten können. Die Zuschauer kennen James Stewart und Doris Day und bringen ein Bild von ihnen mit. Gleich in der ersten Szene erwähnt Hank, dass sein Vater in Las Vegas Geld verspielt hat. Hält ihn deshalb jemand für einen leichtsinnigen Spieler? Kaum. Die Zuschauer haben sich schon ein Bild gemacht: ein gut gelaunter Familienvater. Kurz darauf erfahren sie, dass er Arzt ist. Der erste Eindruck sortiert, was danach kommt. Was nicht passt, gilt als Ausrutscher.
2. Folgen: Bei wem bist du? Die Geschichte bleibt bei einer Figur, und du erfährst, was sie weiß und fühlt. In der ersten Hälfte bleibt der Film fast nur bei den McKennas. Du weißt, was sie wissen, und siehst, was sie fühlen. Die anderen Figuren bleiben undurchsichtig. Was der sterbende Franzose flüstert, hören nur Ben und du.
3. Partei ergreifen: Für wen bist du? Du urteilst über die Figur: Ist sie auf der richtigen Seite? Daraus entstehen Gefühle wie Angst um sie oder Wut für sie. Im Film sind die Seiten verteilt, sobald klar wird, dass die Draytons Hank entführt haben. Von da an hältst du zu den McKennas. Und genau jetzt kommen die anderen Figuren kaum noch vor. Folgen und Partei ergreifen fallen zusammen. Smith nennt das die besten Bedingungen für starkes Mitfühlen.
Dabei musst du nicht dasselbe fühlen wie die Figur. Smith betont: Du musst ihr weder ähneln noch ihre Gefühle teilen. Du fühlst für sie, nicht wie sie. Freut sich ein Bösewicht über seine Grausamkeit, bist du entsetzt.
In der Neuauflage von 2022 korrigiert Smith sich: Die drei Ebenen laufen gleichzeitig ab, nicht nacheinander. Ein Beispiel ist der Attentäter aus demselben Film. Ein Blick auf sein vernarbtes, regungsloses Gesicht genügt. Du erkennst ihn, du erfährst kaum etwas über ihn, und du magst ihn schon nicht.
Für dich vor der Kamera heißt das: Dein Zuschauer urteilt ab der ersten Sekunde. Was er am Anfang von dir sieht, entscheidet, wie er alles danach einordnet. Wie du anfängst, steht in Der erste Satz.
Folgen ist nicht Mögen
Viele Literaturwissenschaftler haben angenommen: Bei wem eine Geschichte bleibt, den mögen wir auch. Smith hält das für falsch. Sein Beispiel ist der Horrorfilm Maniac von William Lustig. Die Kamera folgt fast die ganze Zeit einem brutalen Vergewaltiger und Mörder. Du erfährst sogar, was in ihm vorgeht. Auf seiner Seite stehen trotzdem fast keine Zuschauer.
Smith spielt es durch: Schneide Maniac so um, dass der Film abwechselnd dem Mörder und einem Kommissar folgt. Dein Urteil über den Mörder bliebe gleich. Und wäre Folgen dasselbe wie Mögen, gäbe es keine Antihelden. Ein Antiheld ist eine Hauptfigur, deren Weg wir verfolgen, die wir aber nicht durchweg sympathisch finden.
Nicht alle sehen das so. Der Hollywood-Drehbuchberater Michael Hauge rät, den Helden zu den „Augen des Publikums“ zu machen: Die Zuschauer erfahren alles erst, wenn der Held es erfährt. Das stärke die Identifikation manchmal. Ganz widersprechen sich die beiden nicht. Auch Smith sagt: Meist halten wir zu denen, bei denen die Geschichte bleibt. Das Folgen bereitet die Sympathie vor, erzeugt sie aber nicht. Hauges eigentliche Werkzeuge für Sympathie stehen in Sympathie gewinnen.
Für Creator heißt das: Kamera-Zeit ist keine Sympathie. In einem Vlog folgen dir die Zuschauer den ganzen Tag. Ob sie dich mögen, entscheidet, was sie dabei über dich erfahren.
Kleine Gesten entscheiden
Was bringt Zuschauer auf eine Seite? Laut Smith ein Urteil: Diese Figur hat bessere Werte als die anderen in der Geschichte. Daraus entstehen Gefühle: Angst, wenn sie bedroht ist, Wut, wenn ihr Unrecht geschieht.
Ein wichtiger Hinweis ist, wie eine Figur mit Schwächeren umgeht, also mit Kindern, Alten, Kranken. Oder mit Tieren. Smiths Beispiel stammt aus dem Liebesdrama Daisy Kenyon von 1947. Daisy, gespielt von Joan Crawford, hat eine Affäre mit einem verheirateten Anwalt. Dann tritt ein zweiter Mann in ihr Leben, ein Kriegsheimkehrer, gespielt von Henry Fonda. Gleich am Anfang streichelt er Daisys Hund. Der Anwalt beachtet den Hund gar nicht.
Die Geste fällt kaum auf, Hunde streichelt man eben. Aber stell dir vor, er hätte den Hund getreten, sagt Smith. Weil das Streicheln eine der ersten Handlungen im Film ist, prägt es den ersten Eindruck.
In deinem Video gibt es auch Schwächere: die Zuschauerin, deren Nachricht du vorliest, den Anfänger, dessen Kanal du bewertest, den Kellner im Vlog, den Kommentar, auf den du antwortest.
Ein Beispiel: Ein Kanal über YouTube-Strategie bewertet die Kanäle kleiner Creator. Der Creator kann sagen: „Dein Thumbnail ist Müll.“ Oder: „Dein Thumbnail kostet dich Klicks. Ich zeig dir, warum, und wie du es in zehn Minuten änderst.“ Beides ist ehrlich. Nur einmal streichelt er den Hund.
Besser als die anderen
Ob eine Figur sympathisch wirkt, hängt vom Umfeld ab. Sie muss nicht gut sein im Vergleich zur ganzen Welt. Sie muss besser sein als die, die neben ihr stehen.
Das zeigt Mrs. Drayton, die Frau im Zimmer aus dem Anfang. Sie ist eine der Entführerinnen. In der zweiten Hälfte zeigt Hitchcock aber, wie sie Hank beschützt und freundlich zu ihm ist. Ihr Mann dagegen plant, den Jungen zu töten. Laut Smith wechseln die Zuschauer bei ihr zweimal von Abneigung zu Sympathie. Deshalb fürchten sie an der Tür mit ihr.
Wie weit das trägt, zeigt die Fernsehserie Die Sopranos. Tony Soprano ist Mafiaboss und Mörder, und trotzdem halten viele Zuschauer zu ihm. Smith erklärt das mit zwei Szenen. Schüchtert Tony den Chirurgen seines Onkels ein, weil der Arzt nachlässig war, genießen die Zuschauer das. Schlägt Tony seinen Fahrer, weil er einen schlechten Tag hat, sind sie entsetzt. Der Unterschied ist das Motiv. Im ersten Fall handelt Tony für seinen Onkel, im zweiten aus schlechter Laune. Solange bei einer Figur noch ein Gewissen zu spüren ist (Smith: ein „moralischer Puls“), bleibt sie für ihn ein Held. Witz und Ausstrahlung helfen auch. Entscheidend ist aber, ob wir ihr Handeln anständig finden.
Für Creator heißt das: Wer neben dir steht, bestimmt, wie du wirkst.
Ein Beispiel: Ein Kanal über YouTube-Strategie stellt sich gegen einen ausgedachten „Algorithmus-Guru“, der teure Kurse mit geheimen Tricks verkauft. Neben ihm wirkt ein Creator, der offen sagt „Es gibt keinen Trick, nur bessere Videos“, sofort vertrauenswürdig.
Dabei prüft der Zuschauer dein Motiv, wie bei Tony Soprano. Machst du den Gegner nur lächerlich, um selbst gut dazustehen, kippt die Seite. Das ist meine Einschätzung. Wie du dich mit dem ganzen Kanal gegen die übliche Meinung stellst, steht in Das Gegenteil des Marktführers. Wofür du stehst, steht in Wofür dein Kanal steht.
Durch die Augen sehen ist nicht auf der Seite stehen
Ein verbreiteter Irrtum lautet: Zeigt die Kamera, was eine Figur sieht, kennen wir auch ihre Gedanken und Gefühle. Solche Aufnahmen heißen POV, von point of view (Blickwinkel). Smith nennt die Annahme den „POV-Irrtum“.
Sein Beleg ist der Krimi Die Dame im See aus den 1940er-Jahren. Fast der ganze Film zeigt, was Detektiv Philip Marlowe sieht. Ihn selbst sieht man kaum. Das Ergebnis: Man erfährt weniger über ihn als in einem normalen Film. Als Marlowe die Mörderin trifft, die sich als Vermieterin ausgibt, weiß der Zuschauer nicht, ob Marlowe ihr misstraut. Es fehlt sein Gesicht.
Der französische Regisseur François Truffaut hat es so gesagt: Das Publikum identifiziert sich mit dem Gesicht, das es am häufigsten sieht, von vorn und in Nahaufnahme. Smith gibt ihm recht. Das klassische Kino zeigt, was in einer Figur vorgeht, vor allem über Gesicht und Körper. Und Gefühle im Gesicht stecken an. Smith schaltet nach einem langen Tag den Fernseher an und sieht einen weinenden Mann in Nahaufnahme. Er weiß nichts über ihn und hat trotzdem sofort einen Kloß im Hals.
Für dein Video heißt das: Eine Kamera am Kopf zeigt, was du siehst. Was du fühlst, zeigt dein Gesicht. Filmst du einen Selbstversuch mit Actionkamera, schneide zu deinem Gesicht, wenn etwas schiefgeht oder gelingt. Mehr zum Schnitt beim Erfolgsfaktor Schnitt.
Grenzen
Smith misst nicht, er beschreibt. Seine Aussagen über „den Zuschauer“ beruhen auf begründeten Annahmen, nicht auf Experimenten. Auch die Tür-Szene ist seine Erfahrung, keine Umfrage. Eine Stelle stützt er auf erste Studien: Zuschauer mit den Persönlichkeitszügen Psychopathie, Machiavellismus und Narzissmus halten eher zum Bösewicht.
Die Beispiele sind Spielfilme. Filmfiguren sind erfunden, du bist echt. Ob Zuschauer einen echten Creator strenger beurteilen als eine Filmfigur, sagt Smith nicht.
Ein Gegner ist kein Pflichtteil. Wer jedes Video gegen jemanden richtet, wird zur Figur, die nur dagegen ist. Auch das ist meine Einschätzung.
Übung: der Seiten-Check
- Nimm dein nächstes Video. Schreib auf, wer die Hauptfigur ist und auf wessen Seite der Zuschauer am Ende stehen soll.
- Prüf die ersten zehn Sekunden. Was sieht der Zuschauer zuerst von dir? Passt dieser erste Eindruck zu der Figur, die du sein willst?
- Such deinen Hund. Wer ist im Video schwächer als du (Zuschauerin, Gast, Anfänger, Kommentar)? Schreib auf, wie du mit ihm umgehst.
- Wer steht neben dir? Gibt es einen Gegner oder einen schlechten Rat? Schreib in einem Satz auf, warum du dich dagegenstellst. Klingt das nach „für die Zuschauer“ oder nur nach „gegen ihn“?
- Markier die wichtigsten Momente im Skript. Wo geht etwas schief, wo gelingt etwas? Plan für jede Stelle eine Aufnahme deines Gesichts ein.