Teil von Storytelling · Teil 2 von 12
Ein Beispiel: Eine Creatorin schaut in die Kamera und sagt: „Morgen starte ich meine 30-Tage-Challenge: jeden Tag 15 Minuten Ukulele üben. Beim letzten Mal habe ich nach vier Tagen aufgegeben.“ Dann kommen fünf Tipps fürs Ukulele-Üben. Es sind Tipps, die du schon hundertmal gehört hast.
Trotzdem schaust du anders zu. Du willst wissen, wie ihre Challenge läuft. Der Grund ist eine Figur, genauer: ein Protagonist.
Der Protagonist ist die Hauptfigur einer Geschichte. Ihm folgst du, mit ihm fieberst du mit. In Was ist eine Geschichte? geht es darum, was eine Geschichte vorantreibt: Ereignisse, die mit „aber“ und „deshalb“ verbunden sind. Das erzeugt Sog. Du fragst dich: Was passiert als Nächstes? Eine gute Geschichte braucht noch eine zweite Antwort. Warum ist mir das nicht egal? Diese Antwort liefert fast immer eine Figur.
In Videos ist diese Figur meistens der Creator selbst. Was für Filmfiguren gilt, gilt deshalb für dich vor der Kamera.
Wir sorgen uns, weil sie sich sorgt
Dean Movshovitz ist Drehbuchautor. Er hat ein Buch darüber geschrieben, wie die Filme des Animationsstudios Pixar erzählt sind. Pixar hat unter anderem Toy Story, Findet Nemo und Oben gemacht. Movshovitz‘ Kernsatz zu Figuren lautet: „Wir sorgen uns, weil sie sich sorgen.“
Sein Beispiel ist Woody, der Cowboy aus Toy Story. Woody ist das Lieblingsspielzeug des Jungen Andy. Für Woody ist Andy der Sinn seines Lebens. Darum fühlt er sich bedroht, als Andy ein neues Spielzeug bekommt, die Actionfigur Buzz. Darum verzichtet er im zweiten Teil auf einen Platz im Museum und kehrt zu Andy zurück. Movshovitz schreibt sinngemäß: Wäre es den Spielzeugen egal, ob jemand mit ihnen spielt, gäbe es keine Geschichte. Woody würde sich zufrieden zur Ruhe setzen.
Movshovitz geht noch einen Schritt weiter. Gute Figuren sorgen sich um etwas. Großartige Figuren sorgen sich, weil sie eine starke Meinung haben. Woody ist fest überzeugt: Spielzeug ist dafür da, dass ein Kind damit spielt. Und die stärksten Meinungen kommen laut Movshovitz aus Erfahrung, am besten aus schmerzhafter.
Für dein Video heißt das: Dein Zuschauer sorgt sich um deine Challenge, deinen Versuch oder deine These nur so sehr, wie du es sichtbar tust.
Ein Beispiel für einen Reise-Vlog:
- Nur ein Thema: „Diese fünf Reisetipps sind Unsinn.“
- Eine Figur, der es nicht egal ist: „Wegen dieser fünf Reisetipps habe ich meinen Flug nach Lissabon verpasst.“
Der zweite Satz hat eine Meinung, und die Meinung hat einen Grund aus dem eigenen Leben. Was im Video auf dem Spiel steht, legst du schon in der Idee fest. Das steht in Stakes. Was die Figur genau will, steht in Was will die Figur?.
Einen Schritt voraus
Wer anderen etwas beibringen will, muss nicht besser sein als sie. Er muss ihnen einen Schritt voraus sein. Du hast denselben Fehler gemacht wie dein Zuschauer. Aber du hast ihn schon gelöst.
Ein Beispiel: Eine Café-Besitzerin erklärt, wie man Stammkunden gewinnt. Sie sagt nicht: „Bei mir lief es von Anfang an.“ Sie sagt: „Im ersten Jahr kam fast niemand zweimal. Ich hätte beinahe zugemacht. Dann habe ich eine Sache geändert.“ Ihre Zuschauer stehen genau dort, wo sie im ersten Jahr stand. Und sie wollen wissen, was sie geändert hat.
Wäre sie nie gescheitert, könnte sich niemand in ihr wiederfinden. Stünde sie noch immer dort, könnte sie ihnen nichts beibringen. Sie braucht beides: den gleichen Fehler und die Lösung.
Das ist keine neue Idee. Schon der griechische Philosoph Aristoteles schrieb: Wir fiebern mit Figuren, die uns ähnlich sind, aber nicht perfekt. Mehr dazu in Gut, aber nicht perfekt. Und der Unternehmer Russell Brunson sagt: Deine Erfolge interessieren erst, wenn die Leute wissen, dass du einmal dort warst, wo sie jetzt sind. Mehr dazu in Der Creator als Figur.
Was „Identifikation“ wirklich ist
Wenn wir mit einer Figur mitfiebern, sagen wir oft: Ich identifiziere mich mit ihr. Das klingt nach einem Entweder-oder. Entweder es klappt, oder nicht. Der Filmforscher Murray Smith hält das Wort deshalb für zu grob. In seinem Buch Engaging Characters zeigt er: Es stecken drei verschiedene Dinge darin.
- Erkennen. Wer ist das? Ist das dieselbe Person wie vorhin? Im Film passiert das über Körper, Gesicht und Stimme, meist ganz automatisch.
- Folgen. Bei wem bleibt die Erzählung? Was erfährst du darüber, was die Figur denkt und fühlt? Das ist die Nähe zur Figur.
- Partei ergreifen. Auf wessen Seite stehst du? Du bewertest die Figur und fühlst mit: Angst um sie, Wut für sie, Freude mit ihr.
Für ein Video übersetzt: Der Zuschauer weiß sofort, wer da spricht. Er ist dabei, wenn du etwas versuchst, und hört, was du dabei denkst. Und er will, dass es dir gelingt.
Die drei Ebenen können auseinanderfallen. Du kannst einer Figur das ganze Video lang folgen und sie trotzdem nicht ausstehen. Warum das so ist, was eine Identifikationsfigur stattdessen ausmacht und was das für deine Gäste, Kunden und Gegner im Video heißt, steht in Auf wessen Seite stehst du?.
Ähnlichkeit öffnet die Tür, der Vergleich entscheidet
Viele Ratgeber sagen: Die Figur muss dem Zuschauer ähnlich sein, sonst fiebert er nicht mit. Smith sieht das anders. Der Zuschauer stellt sich auf die Seite einer Figur, wenn er sie im Vergleich mit den anderen Figuren der Geschichte besser findet. Sie muss nicht perfekt sein. Sie muss die bessere Wahl sein als die Leute neben ihr.
Beides zusammen ergibt ein brauchbares Bild. Das ist meine Einschätzung, keine Regel von Smith: Ähnlichkeit hilft am Anfang. Erkennt sich der Zuschauer in deiner Lage wieder, versteht er sofort, warum dir etwas wichtig ist. Danach trägt etwas anderes: wie du dich verhältst.
Ein Beispiel: Ein Reise-Creator zeigt seinen Bildschirm. „Mein Zug ist weg, mein Handy ist leer, und es ist 23 Uhr in einer Stadt, deren Namen ich nicht aussprechen kann.“ Viele Zuschauer kennen genau diese Lage. Sie sind sofort im Video. Was danach passiert, entscheidet über ihre Seite. Macht sich der Creator nur über die Stadt und die Leute lustig, gibt er Sympathie ab. Fragt er ehrlich, was er bei der Planung übersehen hat, bleiben die Zuschauer bei ihm.
Wie du die Lage deiner Zuschauer so genau triffst, dass sie sich wiedererkennen, steht in Pain Points finden.
Die Hauptfigur bist meistens du
Filmfiguren sind erfunden. In Videos ist die Hauptfigur meistens echt, und oft bist du es selbst. Dazu kommen andere Menschen, die im Video eine Rolle spielen. Die Übersicht ist meine Einteilung:
| Format | Wer ist die Figur? | Was muss der Zuschauer über sie wissen? |
|---|---|---|
| Selbstversuch | du | Was willst du erreichen, was riskierst du dabei? |
| Vlog | du | Was ist dir heute wichtig? |
| Kommentar, Meinung | du mit deiner These | Warum ist dir das Thema nicht egal? |
| Interview, Gast | der Gast | Was hat er erlebt, was will er? |
| Fallstudie | der Kunde, die Zuschauerin | Wo stand sie vorher, was wollte sie? |
| Reaktion, Kritik | dein Gegner (eine Person, eine Firma, ein schlechter Rat) | Wofür steht er, und warum ist deine Seite die bessere? |
Bist du die Figur, gilt Movshovitz‘ Satz für dich: Zeig, was dir wichtig ist und warum. Ist ein anderer die Figur, gilt er für ihn. Dann musst du dem Zuschauer zeigen, was dem Gast oder dem Kunden wichtig ist.
Wie du eine Idee mit Figur auf eine Seite bringst („Ein Video über ___, die/der ___ will“), steht in Videokonzept erstellen. Wer deine Zuschauer selbst gern wären, steht in Von A nach B. Das ist eine andere Frage als die nach deiner Figur, aber die beiden hängen zusammen. Zuschauer folgen gern jemandem, der schon ein Stück des Wegs gegangen ist, den sie gehen wollen.
Sieben Fragen an jede Figur
Ob Zuschauer mit einer Figur mitfiebern, hängt an sieben Fragen. Jede hat einen eigenen Artikel.
- Mag ich sie? Der Hollywood-Drehbuchberater Michael Hauge nennt drei Werkzeuge, mit denen Zuschauer eine Figur ins Herz schließen. Mehr in Sympathie gewinnen: Drei Werkzeuge aus Hollywood.
- Auf wessen Seite stehe ich? Folgen und Mögen sind zwei verschiedene Dinge. Mehr in Auf wessen Seite stehst du? Folgen ist nicht Mögen.
- Hat sie Fehler? Aristoteles‘ Held scheitert an einem Irrtum, nicht an Bosheit. Mehr in Gut, aber nicht perfekt: Gute Figuren haben Fehler.
- Was will sie? Hauge trennt das sichtbare Ziel einer Figur von dem, was sie innerlich antreibt. Mehr in Was will die Figur? Ziel und Bedürfnis.
- Wie viel von dir gehört ins Video? Manche Creator erzählen ihr ganzes Leben, andere fast nichts. Beides kann funktionieren. Mehr in Der Creator als Figur.
- Kommt sie wieder? Eine Figur, die in mehreren Videos auftaucht, bindet Zuschauer an den Kanal. Mehr in Wiederkehrende Figuren.
- Verändert sie sich? Viele Figuren ändern sich im Lauf der Geschichte, manche bleiben, wie sie sind. Mehr in Der Figurenbogen.
Grenzen
Nicht jedes Video braucht eine Figur mit Sorgen. Ein Tutorial kann ohne persönliche Geschichte gut funktionieren. Wie es trotzdem zur Geschichte wird, steht in Das Tutorial als Geschichte.
Die Quellen kommen aus dem Film. Movshovitz deutet fertige Pixar-Filme von außen, sein Buch ist kein Handbuch aus dem Studio. Smith schreibt keinen Ratgeber, er beschreibt, wie Zuschauer auf Figuren reagieren. Er sagt selbst: Das meiste beruht auf begründeten Annahmen, nicht auf gemessenen Reaktionen.
Über Ähnlichkeit wird gestritten. Der Drehbuch-Lehrer Robert McKee schreibt in seinem Buch Story: Die Hauptfigur muss den Eindruck „sie ist wie ich“ auslösen, und das gelte immer. Smith hält dagegen. Zuschauer halten auch zu Figuren, denen sie kaum gleichen, etwa zum Mafiaboss Tony Soprano. Für dein Video heißt das: Wer nur wenige Sekunden hat, braucht die schnelle Ähnlichkeit eher mehr als ein Film. Das ist meine Einschätzung.
Übung: deine Figur in fünf Sätzen
- Nimm dein nächstes Video. Schreib auf, wer die Figur ist: du, ein Gast, ein Kunde oder jemand, gegen den du argumentierst.
- Was ist der Figur nicht egal? Ein Satz. Dann ein zweiter: Woher kommt diese Meinung? Am besten aus einer eigenen Erfahrung.
- Woran erkennt sich dein Zuschauer wieder? Schreib die Lage auf, die er kennt, in seinen Worten.
- Wer steht neben der Figur? Mit wem vergleicht der Zuschauer sie im Video? Warum ist sie die bessere Wahl?
- Prüf den ersten Satz deines Skripts. Hört der Zuschauer darin eine Figur, der etwas wichtig ist, oder nur ein Thema? Wenn nur ein Thema: Schreib ihn so um wie das Beispiel mit den fünf Reisetipps.