Teil von Storytelling · Die Figur
Ein Theaterstück aus dem Jahr 1879 beginnt so: Eine junge Frau kommt mit einem Weihnachtsbaum nach Hause. Dem Träger gibt sie ein großzügiges Trinkgeld, obwohl sie heimlich jeden Groschen spart. Dann nascht sie Makronen. Ihrem Mann hat sie versprochen, keine Süßigkeiten zu essen. Als er fragt, lügt sie.
Am Ende des Stücks verlässt sie ihren Mann und ihre Kinder. 1879 war das fast unerhört.
Das Stück heißt Nora oder Ein Puppenheim, geschrieben hat es der norwegische Dichter Henrik Ibsen. Zwischen den Makronen und dem Abschied liegt Noras Figurenbogen.
Ein Figurenbogen ist der innere Weg, den eine Figur vom Anfang bis zum Ende einer Geschichte geht. Auf Englisch heißt er Character Arc. Er ist nicht dasselbe wie der Spannungsbogen. Der Spannungsbogen ist der Weg der Geschichte vom Startpunkt zum Ende, mehr dazu in Der Startpunkt. Der Figurenbogen fragt: Was macht dieser Weg mit der Figur?
Hier lernst du, wie ein Bogen gebaut ist, welche drei Arten es gibt und warum manche Figuren sich nie ändern.
Von Pol zu Pol
Lajos Egri unterrichtete Theaterautoren. 1942 schrieb er ein Lehrbuch für sie, das später als The Art of Dramatic Writing erschien. Er ist bei diesem Thema streng: Eine Figur, die am Ende an derselben Stelle steht wie am Anfang, ist schlecht gezeichnet. Jedes gute Stück wachse „von Pol zu Pol“. Ein Pol ist ein Extrem, etwa „ängstlich“ und „mutig“.
Für Nora schreibt Egri die beiden Pole auf. Am Anfang ist sie unterwürfig, unbekümmert, naiv und vertrauensvoll. Ihr Mann Helmer nennt sie seinen Singvogel. Am Ende ist sie unabhängig, erwachsen, verbittert und ohne Illusionen. Helmer geht den umgekehrten Weg, von selbstsicher und herrisch zu unsicher und schwach.
Dazwischen liegen Stufen. Noras Leichtsinn wird zu Sorge, die Sorge zu Angst, die Angst zu Verzweiflung. Dann trifft sie eine Entscheidung, die sich nicht zurücknehmen lässt. Egri: „Wachstum ist Evolution, der Höhepunkt ist Revolution.“ Die Figur verändert sich also Schritt für Schritt, und am Höhepunkt kommt der Umschlag.
Egri nennt Paare von Polen, etwa von Schüchternheit zu Dreistigkeit oder von Treue zu Untreue. Wer beide Pole kennt, kann den Weg dazwischen in gleichmäßigen Schritten bauen. Springt die Figur in einem Satz von einem Pol zum anderen, nennt Egri das einen springenden Konflikt, siehe Aber und deshalb.
Der Samen steckt im Anfang
Egris zweite Regel: Jede Figur trägt den Samen ihrer späteren Entwicklung von Anfang an in sich. Wer eine Eichel pflanzt, erwartet eine Eiche. Wüchse daraus ein Apfelbaum, wäre man mindestens schockiert.
Nora wirkt am Anfang liebevoll und gehorsam. Aber gleich in der ersten Szene zeigt Ibsen mehr. Das Trinkgeld zeigt: Sie geht nicht sparsam mit Geld um. Die Makronen zeigen: Sie bricht Versprechen. Die Lüge zeigt: Sie hält Verbote für unsinnig, wie ein Kind. Später erfährt man, dass sie vor Jahren eine Unterschrift gefälscht hat, um ihrem Mann das Leben zu retten. Für Egri hat Nora alles, was später passiert, selbst ausgelöst.
Sein zweites Beispiel ist Romeo aus Shakespeares Romeo und Julia. Am Anfang ist Romeo unglücklich in eine Rosalind verliebt. Um sie kurz zu sehen, schleicht er sich in das Haus der Capulets, der Todfeinde seiner Familie. Egri fragt: Wer sein Leben für einen Blick riskiert, was tut der erst für die große Liebe seines Lebens? Das Ungestüme, das Romeo am Ende in den Tod treibt, ist laut Egri schon in seiner ersten Zeile zu sehen.
Drei Arten von Figurenbögen
K. M. Weiland ist eine preisgekrönte Romanautorin. In ihrem Ratgeber Creating Character Arcs unterscheidet sie drei Grundformen.
Der positive Bogen. Die Figur beginnt unzufrieden und in einem Irrtum gefangen. Am Ende hat sie sich zum Besseren verändert. Ein Beispiel bei Weiland ist der erste Thor-Film aus der Marvel-Reihe. Thor ist ein arroganter Prinz, der glaubt, Stärke gebe ihm recht. Er wird auf die Erde verbannt. Dort scheitert er auf demütigende Weise und kann seinen eigenen Hammer nicht mehr heben. Am Ende hört er auf zu kämpfen und bietet sein Leben an, um andere zu retten.
Der flache Bogen. Die Figur kennt die Wahrheit schon am Anfang und ändert sich kaum. Weiland nennt ihn auch den Prüfungsbogen. Verändert wird trotzdem etwas: Hier verändert die Figur ihre Welt, statt dass die Welt sie verändert. Weilands Beispiel ist der Trickfilm Chicken Run – Hennen rennen. Die Henne Ginger lebt auf einer Hühnerfarm, die wie ein Gefangenenlager geführt wird. Sie ist überzeugt: Lieber bei der Flucht sterben, als in Gefangenschaft leben. Ginger ändert ihre Meinung nie. Es ändern sich die anderen Hühner und vor allem der Zirkushahn Rocky.
Der negative Bogen. Die Figur endet schlechter, als sie begonnen hat. Etwa weil sie sich immer tiefer in ihren Irrtum verstrickt, wie Heathcliff in Sturmhöhe. Oder weil sie die Wahrheit kennt und sich trotzdem dagegen entscheidet, wie Anakin Skywalker in den ersten drei Star Wars-Episoden.
Im Zentrum des positiven Bogens steht bei Weiland eine Lüge: eine falsche Überzeugung, die die Figur über sich oder die Welt hat. Mehr dazu in Gut, aber nicht perfekt. Und oft will die Figur etwas anderes, als sie braucht. Das steht in Was will die Figur?
Weiland zitiert außerdem den Autor Jeff Lyons: Mit Figurenbogen ist es eine Geschichte, ohne ist es eine Situation. Ihr Beispiel für eine Situation ist Jäger des verlorenen Schatzes. Indiana Jones ist am Ende derselbe wie am Anfang. Geschadet hat das dem Film laut Weiland nicht.
Von der Angst zum Mut
Michael Hauge berät Drehbuchautoren in Hollywood und hat das Buch Writing Screenplays That Sell geschrieben. Für ihn führt der Figurenbogen „von der Angst zum Mut, vom inneren Konflikt zum echten Selbstwert“. Am Anfang steckt die Figur fest, weil sie sich vor etwas fürchtet. Am Ende hat sie den Mut gefunden, es zu wagen.
Hauge zeigt den Bogen über zwei Nebenfiguren: den Gegenspieler und die Spiegelfigur, eine Vertraute an der Seite der Hauptfigur. Die Figur beginnt zu wachsen, wenn sie merkt: Ich bin meinem Gegner ähnlicher, als ich dachte. Und meiner Spiegelfigur bin ich unähnlicher, als ich dachte.
Sein Beispiel ist die Komödie Die Waffen der Frauen (Working Girl). Tess McGill ist Sekretärin an der Wall Street und hat eine Idee für ein großes Geschäft. Ihre Chefin Katharine will ihr die Idee stehlen. Deshalb gibt sich Tess als Maklerin aus und treibt das Geschäft selbst voran.
- Ähnlich wie die Gegenspielerin: Beide lügen, um zu bekommen, was sie wollen. Beide setzen auf ihr Image: Tess trägt bald Katharines Kleider und wohnt in ihrer Wohnung. Und Tess hält sich für nicht gut genug, genau wie Katharine sie sieht.
- Anders als die Spiegelfigur: Tess‘ beste Freundin Cyn ist auch Sekretärin. Sie hilft beim Schwindel, aber sie steht für Ehrlichkeit. Sinngemäß sagt sie: Nur weil du gehst wie eine Maklerin und redest wie eine Maklerin, bist du noch lange keine.
Erst am Höhepunkt erzählt Tess offen, wie sie auf die Idee gekommen ist. Erst dann bekommt sie das Geschäft. Hauge formuliert das Thema so: Stehe zu dem, der du wirklich bist, nicht zu einem falschen Bild davon, wer du sein solltest.
Hauge betont auch: Den Bogen musst du nicht zeigen. Viele sehr erfolgreiche Filme bleiben beim äußeren Ziel der Figur.
Figuren, die sich nicht ändern
Egri sagt: Wer sich nicht ändert, ist schlecht gezeichnet. Dagegen hält der Video-Essay Conflict doesn’t make a story good. This does. (sein Sprecher bleibt namenlos). Er nennt Beispiele: Paddington, der Bär aus den Kinderbüchern, ändert sich nicht. Ferris Bueller, der Schüler aus Ferris macht blau, auch nicht. Und James Bond bemüht sich seit etwa 60 Jahren recht entschlossen, es nicht zu tun.
Für den Essay ist der Figurenbogen ein Werkzeug unter vielen, damit uns eine Geschichte nicht egal ist. Er funktioniert oft glänzend, ist aber keine Pflicht. Was eine Geschichte wirklich braucht, steht in Was ist eine Geschichte?
Nach meiner Einschätzung liegt das näher beieinander, als es klingt. Paddington ändert sich nicht, aber die Familie, bei der er wohnt. Das ist ein flacher Bogen im Sinne Weilands. Bond hat gar keinen Bogen. Nach Lyons ist er eine Situation. Das ist gewollt: Wer einen Bond-Film schaut, will genau diesen Bond wiedersehen. Wie solche Figuren Zuschauer binden, steht in Wiederkehrende Figuren. Weiland selbst schreibt, sie kenne keine Geschichte, die ein durchdachter Bogen nicht besser gemacht hätte, selbst wenn es nur ein flacher ist.
Der Figurenbogen im Video
Ein Bogen in einem Video. Ein Beispiel: Hannes hat einen Unternehmer-Kanal. In einem Video erzählt er, wie er zum ersten Mal Arbeit an einen Mitarbeiter abgibt.
- Pol A: „Ich gebe nichts aus der Hand, sonst geht es schief.“
- Pol B: Er überlässt seiner Mitarbeiterin den Anruf beim wichtigsten Kunden, bevor er weiß, ob sie es kann.
- Der Samen: In den ersten Sekunden sagt er, er brauche keine Hilfe. Dabei hat er gerade eine Stunde an einer Rechnung gefeilt.
- Die Stufen: Er gibt nur Aufgaben ab, die ihm egal sind. Dann kommt ein wichtiger Kunde, und er will doch wieder selbst anrufen. Er lässt es und hält es kaum aus. Nach drei Wochen schreibt er seiner Mitarbeiterin: „Den Kunden machst du.“
Ob der Kunde zusagt, bleibt offen. Gerade das macht den Mut sichtbar. Wie du den Startpunkt eines Bogens vom Ende her findest, steht in Der Startpunkt.
Der flache Bogen für Experten. Viele Creator erklären etwas, das sie längst wissen. Ein Beispiel aus einem Business-Kanal: Der Creator prüft den Satz „Erfolgreiche Gründer arbeiten 80 Stunden pro Woche“. Er hat es selbst ausprobiert, seine Haltung steht von Anfang an fest. Was sich ändert, ist die Welt um sie herum: ein Gast, der anfangs fest daran glaubt, oder der Zuschauer selbst. Das ist Weilands flacher Bogen. Er trägt nur, wenn die Wahrheit wirklich geprüft wird, also durch ein starkes Gegenargument. Wie du so einen Gegner baust, steht in Der Gegenspieler.
Ein Bogen über eine Serie oder einen Kanal. Weiland kennt zwei Wege für Serien: ein großer Bogen über alle Teile oder ein eigener Bogen pro Teil. Thor geht im ersten Film einen positiven Bogen, im zweiten einen flachen. Jetzt nutzt er die Wahrheit, die er gelernt hat, um seine Welt zu verändern. Auch deinen eigenen Weg können Zuschauer über viele Videos verfolgen, wenn sie ihn sehen. Wie viel von dir ins Video gehört, steht in Der Creator als Figur. Wie eine Serie als Geschichte funktioniert, steht in YouTube-Serie.
Übung: Pol, Samen, Stufen
- Schreib die beiden Pole der Figur deines nächsten Videos auf. Woher, wohin? Nach Egri: „von Schüchternheit zu Dreistigkeit“, nicht „wird irgendwie besser“.
- Leg die Art fest. Positiv, flach oder negativ? Beim flachen Bogen: Welche Wahrheit vertrittst du, und wer ändert sich?
- Pflanz den Samen. Was zeigt in den ersten 30 Sekunden, dass die Figur zu Pol B fähig ist? Eine Handlung ist stärker als eine Behauptung.
- Bau die Stufen. Drei bis fünf Zwischenschritte. Keiner darf springen.
- Stell zwei Figuren daneben. Wem ähnelt deine Figur, obwohl sie es nicht will? Wer zeigt ihr, wer sie wirklich ist?
- Kein Bogen? Auch gut. Dann prüf, was dem Zuschauer stattdessen einen Grund gibt, dass es ihm nicht egal ist.