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Story · 16.10.2026 · Oliver Bayer

Wiederkehrende Figuren: Wie eine Figur Zuschauer an deinen Kanal bindet

„Er ist wieder da!“ Drei Video-Vorschaubilder nebeneinander. In jedem steht derselbe kleine Hund. Unter dem dritten Bild eine Kommentarblase mit einem Herz und dem Namen „Sven“.

Teil von Storytelling · Die Figur

PewDiePie ist einer der bekanntesten YouTuber der Welt. Vor Jahren hat er viele Videos über Minecraft gemacht, ein Videospiel, in dem man aus Blöcken ganze Welten baut. In diesen Videos hatte er einen Hund. Der Hund hieß Sven. Die Videos sind alt. Trotzdem reden Zuschauer bis heute über Sven.

Das erzählt der YouTuber Yikes in einem Podcast. Für ihn sind wiederkehrende Charaktere eines der einfachsten Mittel, um Zuschauer an einen Kanal zu binden. Er sagt sinngemäß: Figuren in Videos zu bauen bleibt den Leuten im Gedächtnis. Erfundene Figuren in YouTube-Videos seien wahrscheinlich sein Liebstes überhaupt.

Eine wiederkehrende Figur ist eine Figur, die Zuschauer aus früheren Videos wiedererkennen. Sie kann erfunden sein, wie Sven. Sie kann echt sein, wie die Mutter einer Creatorin. Sie muss nicht die Hauptfigur sein. Die Hauptfigur bist meistens du, das steht in Die Figur: Warum Zuschauer mitfiebern. Die wiederkehrende Figur steht oft daneben.

Buster: ein Jahr lang in den Kommentaren

Yikes hat 2020 mit 14 oder 15 Jahren angefangen, kurze Meme-Videos hochzuladen. Heute dreht er Herausforderungen im Internet. Zur Zeit des Podcasts hatte er gerade 1,5 Millionen Abonnenten erreicht. Im Podcast des Analyse-Tools 1of10 erzählt er von einer Serie: In zehn Tagen wollte er einen Kanal von null auf 100.000 Abonnenten bringen. Jeden Tag kam eine Folge.

Ursprünglich wollte er den neuen Kanal einfach „neuer Kanal“ nennen und darauf zufällige virale Videos posten. Dann fragte er sich, was die Serie einen Schritt weiterbringen würde. Was gibt den Zuschauern etwas, an das sie sich klammern können? Seine Antwort: Er machte den Kanal zu einer Figur der Serie.

In der Serie gab es eine Figur namens Buster. Über Buster schrieben Zuschauer laut Yikes „wahrscheinlich über ein Jahr“ lang Kommentare unter seine Videos.

Yikes nennt das Lore building. Lore ist das Hintergrundwissen über eine Welt und ihre Figuren, das sich über viele Folgen ansammelt. Fans von Fantasy-Serien kennen das: Wer wem was angetan hat, welche Geschichte hinter einem Namen steckt. Yikes sagt, sein Publikum liebe so etwas. Wer die Vorgeschichte kennt, versteht mehr als ein neuer Zuschauer.

Eine Figur, ein Video

Eine wiederkehrende Figur braucht keine lange Serie. Yikes nennt Ryan Trahan, einen bekannten amerikanischen YouTuber. In einem einzigen Video kam bei Trahan eine alberne Figur namens Brian Mayhem vor. Laut Yikes kommentieren die Leute bis heute über Brian Mayhem.

Ein drittes Beispiel ist der YouTuber Beluga. Er hatte eine ganze Reihe solcher Figuren, eine davon heißt Hecker. Als Yikes Beluga im Podcast erwähnt, zählen er und der Gastgeber sofort mehrere davon auf. Auch das zeigt, wie gut sich solche Figuren halten.

Daraus folgt eine einfache Rechnung. Das ist meine Einschätzung: Eine Figur kostet dich einen Namen und ein paar Sekunden im Video. Wird sie nicht angenommen, hast du fast nichts verloren. Wird sie angenommen, bekommst du jedes Mal etwas geschenkt, wenn sie wieder auftaucht.

Wer die Figur kennt, gehört dazu

Warum funktioniert das? Yikes beschreibt die Wirkung, nicht den Grund. Meine Erklärung: Wer Buster kennt, war dabei. Schreibt jemand „Buster“ unter ein neues Video, zeigt er allen anderen: Ich gehöre dazu. Das ist dasselbe wie bei einem Insider-Witz. Bei Yikes gibt es so etwas auch als Wort, „mopped“. Die Geschichte dazu steht in Das Ziel deines Videos.

Yikes sagt, viele YouTuber wüssten nicht, wie man eine Gemeinschaft am Leben hält. Manche wollten nur wachsen und machten deshalb immer breitere Videos. Dann habe ihre Gemeinschaft nichts mehr, was sie verbindet. Er rät, ab und zu Videos zu machen, die nicht für neue Zuschauer gedacht sind, sondern für die, die schon da sind.

Den Nutzen nennt er auch. Eine starke Gemeinschaft hebt die Untergrenze deiner Views. Gemeint ist die Zahl an Aufrufen, die ein Video mindestens bekommt, weil Stammzuschauer es sowieso anschauen. Und wenn du später ein Produkt verkaufst, hast du Leute, die dich unterstützen. Welcher Job ein Video für deinen Kanal hat, Reichweite oder Vertrauen, steht ebenfalls in Das Ziel deines Videos.

Wiederkehrende Charaktere aus dem echten Leben

Eine Figur muss nicht erfunden sein. Jenny Hoyos macht kurze Videos auf YouTube, sogenannte Shorts. Als sie im 1of10 Podcast über ihre Strategie sprach, hatte ihr Kanal 8 Millionen Abonnenten. Ihre wichtigste Nebenfigur ist ihre Mutter.

Hoyos sagt: Immer wenn ihre Mutter im Video ist, laufen die Videos viel besser. Und mehr Figuren laufen meistens noch besser. Ihre Zuschauer sind vor allem Kinder. Mit der Mutter versucht sie, auch Erwachsene zu erreichen. Die Kinder schauen wegen Hoyos, die Erwachsenen wegen der Sicht der Mutter. Hoyos sagt selbst, dass sie das noch ausprobiert.

Ihre Erklärung kommt aus dem Fernsehen. Beliebte Serien hätten viele verschiedene Figuren, weil sich jeder Zuschauer in einer anderen wiederfinden kann. In einem ihrer erfolgreichsten Videos kommt nacheinander ihre ganze Familie vor: Mutter, Vater, Großmutter. Jede Person bekommt eine eigene Eigenschaft. Was in dem Video passiert, steht in Inspiration finden.

Für ein anderes Video hat Hoyos nach eigener Aussage eine Idee von Mark Rober fast kopiert. Rober ist ein früherer NASA-Ingenieur, der Videos über Technik und Experimente macht. Hoyos baute ihre Mutter ein, denn dafür seien ihre Videos bekannt: das Geplänkel zwischen Mutter und Tochter. Das Video bekam 13 Millionen Views und brachte ihr nach ihrer Erinnerung rund eine Million neue Abonnenten.

Die Familie steht auch hinter der Kamera. Ihr Vater filmt, ihre Mutter hilft beim Aufbauen. Hoyos nennt die beiden ihre Produzenten.

Figuren, die zusammen wiederkommen

Daniel Mace ist Filmemacher. Er hat nach eigener Aussage in über 100 Ländern gedreht und mehr als 500 Filme gemacht, zuletzt vor allem mit MrBeast, dem größten YouTuber der Welt. Für dessen Kanal Beast Philanthropy, auf dem Hilfsprojekte gezeigt werden, dreht er zum Beispiel, wie ein Krankenhaus in Nepal Strom bekommt. Wie Mace jedes Video vorher in einem Satz festhält, steht in Die Logline.

In diesen Filmen kommen immer wieder dieselben Menschen vor: Jimmy, dem der Kanal gehört, sein Mitstreiter Darren und Mace selbst. Mace sagt: Diese wiederkehrenden Figuren helfen dem Publikum, eine Beziehung aufzubauen. Man versteht mit der Zeit, wie die zwei oder drei zueinander stehen.

Dafür baut er kleine komische Momente ein. In einem Film aus Mexiko stoßen sie im Park auf eine Mariachi-Band. Darren wollte angeblich schon immer in so einer Band mitspielen. Also darf er, und es klingt furchtbar. In einem anderen Moment laufen alle Hunde vor Darren davon. Solche Szenen sind laut Mace wichtig, weil die Filme oft traurige Themen haben. Erst bringt der Film die Zuschauer zu Tränen, dann gibt er ihnen etwas zum Lachen. So ermüden sie nicht.

Mace zeigt damit: Zuschauer mögen nicht nur die einzelne Figur, sondern auch, wie die Figuren zueinander stehen. Darren ist für sie der, mit dem Mace seine Witze macht. Warum zwei Figuren besser wirken, wenn sie verschieden sind, steht in Figurenkonstellation.

So baust du eine Figur, die wiederkommt

Aus den Beispielen lassen sich drei Bausteine ablesen. Das ist meine Einteilung, keine Regel aus den Quellen:

  1. Ein Name. Sven, Buster, Brian Mayhem. Ohne Namen kann niemand die Figur in einen Kommentar schreiben.
  2. Eine Eigenschaft. Eine reicht. Bei Hoyos hat jedes Familienmitglied seine eigene.
  3. Eine Situation, die sich wiederholt. Darren und die Hunde. Je öfter die Situation kommt, desto mehr erkennt der Zuschauer sie wieder.

Ein Beispiel: Eine Dating-Creatorin erzählt nach jedem Date vor der Kamera davon. Neben ihr auf dem Sofa sitzt ihre beste Freundin Pia. Pia ist seit zehn Jahren mit demselben Mann zusammen und hält Dating-Apps für Unsinn. Nach jedem Date stellt sie dieselbe Frage: „Und hat er dich auch mal was gefragt?“ Klappt es, schreiben Zuschauerinnen nach ein paar Videos die Frage selbst unter jedes neue Date-Video.

Ein Beispiel aus dem Edutainment: Ein Lernkanal für Geschichte lässt in jedem Video denselben Praktikanten die Fragen stellen, die sich Schüler im Unterricht nicht trauen. Er heißt Ben und verwechselt verlässlich die Jahrhunderte. Wer ein paar Folgen kennt, wartet schon auf seinen Fehler.

Erklär die Figur nicht jedes Mal neu. Das ist ebenfalls meine Einschätzung. Stammzuschauer kennen sie, und neue Zuschauer müssen nur verstehen, dass die beiden sich kennen. Wie viel von dir selbst ins Video gehört, steht in Der Creator als Figur. Wie sich eine Figur über viele Videos verändern kann, steht in Der Figurenbogen.

Grenzen

Man hört nur von den Treffern. Sven, Buster und Brian Mayhem kennt man, weil Zuschauer sie aufgegriffen haben. Figuren, über die niemand geredet hat, tauchen in keinem Podcast auf. Wie oft eine Figur nicht zündet, wissen wir also nicht.

Insider schließen Neue aus. Ein Witz, den man nur versteht, wenn man die Serie gesehen hat, sagt einem neuen Zuschauer nichts. Yikes plant deshalb in Phasen. Mal stärkt er die Gemeinschaft, die er hat. Mal will er wachsen. Nach der Serie mit Buster hat er sich vorgenommen, wieder einzelne Videos für neue Zuschauer zu machen.

Echte Menschen müssen mitspielen wollen. Deine Mutter, dein Partner oder deine Freundin werden für deine Zuschauer zu Figuren. Das bleibt auch, wenn sie irgendwann nicht mehr im Video sein wollen. Frag sie vorher. Das ist meine Einschätzung.

Die Quellen verkaufen etwas. Yikes und Hoyos erzählen ihre Erfahrungen im Podcast von 1of10. Die Firma verkauft in denselben Folgen Strategie-Betreuung für YouTuber. Beide berichten von ihrem eigenen Kanal, nicht von Messungen über viele Kanäle.

Übung: deine wiederkehrende Figur

  1. Schau dir deine letzten zehn Videos an. Gibt es eine Person, ein Tier oder einen Gegenstand, der öfter vorkommt? Schreib auf, wer oder was das ist.
  2. Lies die Kommentare. Wird diese Figur erwähnt? Gibt es Wörter oder Sätze, die Zuschauer immer wieder schreiben?
  3. Gib der Figur die drei Bausteine. Einen Namen, eine Eigenschaft, eine Situation, die sich wiederholt. Je ein Satz.
  4. Frag, ob sie mitmacht. Ist die Figur ein echter Mensch, sprich mit ihm, bevor er zum dritten Mal vorkommt.
  5. Entscheide die Phase. Ist dein nächstes Video für Stammzuschauer oder für neue? Nur im ersten Fall darf die Figur ohne Erklärung auftauchen.

Wer hier schreibt

Oliver Bayer

Oliver Bayer

Sammelt, was erfolgreiche Creator anders machen, und übersetzt es in einen Ablauf, den du für jedes Video nutzen kannst.

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