Teil von Storytelling · Die Figur
Ein Beispiel: Zwei Fitness-Coaches drehen ein Video über den Einstieg ins Training. Der erste steht in einem hellen Studio und sagt: „Ich hatte noch nie einen schlechten Trainingstag.“ Die zweite erzählt, dass ihr Training letzte Woche nach zehn Minuten vorbei war, weil sie ihre Sportschuhe zu Hause vergessen hatte. Sie lacht darüber. Dann sagt sie, was sie daraus gelernt hat.
Beide geben danach dieselben Tipps. Aber nur bei der zweiten willst du wissen, wie es ihr beim nächsten Training geht.
Sympathisch wirken heißt: Zuschauer mögen dich und wünschen dir, dass es gut ausgeht. Im Film ist das kein Zufall. Drehbuchautoren bauen es mit Absicht, und zwar in den ersten Minuten. Ihre Werkzeuge funktionieren auch im Video, besonders wenn du selbst vor der Kamera stehst.
Mitfühlen beginnt in den ersten Minuten
Michael Hauge berät seit über 20 Jahren Drehbuchautoren in Hollywood. In seinem Buch Writing Screenplays That Sell fragt er: Wie bringt ein Film uns dazu, mit der Hauptfigur mitzufühlen?
Mitfühlen heißt bei Hauge: Wir erleben die Gefühle durch die Figur. Ist sie in Gefahr, haben wir Angst. Verliert sie etwas, sind wir traurig. Ohne dieses Mitfühlen bleibt der Zuschauer nicht bei der Sache, sagt Hauge.
Hauge nennt drei Werkzeuge dafür, nach Wichtigkeit geordnet. Mindestens eins braucht jede Hauptfigur. Mit zwei oder drei wird die Bindung stärker. Und er sagt, wann: sofort, sobald die Figur zum ersten Mal auftaucht.
Werkzeug 1: Unverdientes Pech
Hauges stärkstes Werkzeug heißt im Englischen sympathy. Gemeint ist Mitleid. Wir bedauern eine Figur, wenn ihr etwas Schlimmes passiert, das sie nicht verdient hat.
Hauges erstes Beispiel: Der Film Schlaflos in Seattle zeigt Sam zum ersten Mal auf der Beerdigung seiner Frau. Neben ihm steht sein kleiner Sohn. Mehr braucht es nicht. Wir sind auf Sams Seite, bevor er ein Wort gesagt hat.
Das Pech kann ein Ereignis sein. In School of Rock fliegt der Musiker Dewey aus seiner Band. Es kann auch die Lage sein, in der die Figur lebt. Erin Brockovich ist im gleichnamigen Film arm, arbeitslos und allein mit ihren Kindern. Je früher der Film das zeigt, desto stärker wirkt es, sagt Hauge.
Das wichtige Wort ist „unverdient“. Das wusste schon der griechische Philosoph Aristoteles vor über 2.300 Jahren: Mitleid empfinden wir für jemanden, der unverdient leidet. Mehr zu ihm steht in Was ist eine Geschichte?.
Ein Beispiel: Ein Fitness-Creator beginnt sein Video so: „Ich habe drei Monate für diesen Lauf trainiert. Am Abend vorher kam die Mail: Wegen Sturm abgesagt.“ Jeder, der das kennt, ist sofort bei ihm.
Werkzeug 2: Gefahr
Das zweite Werkzeug liegt nah am ersten. Wir sorgen uns um eine Figur, wenn ihr etwas droht. Hauges Beispiel sind die Indiana-Jones-Filme. Jeder beginnt mit einer Szene, in der das Leben des Helden auf dem Spiel steht.
Die Gefahr muss nicht tödlich sein. Hauge nennt drei kleinere: bloßgestellt werden, sich blamieren, den Job verlieren. Welche passt, hängt vom Ton des Films ab.
Im Video ist die Blamage die häufigste Gefahr. Ein Beispiel: Ein Fitness-Creator probiert im vollen Kraftraum zehn Geräte zum ersten Mal aus. Jede Übung kann peinlich werden, vor laufender Kamera. Die Zuschauer bleiben, weil sie mit ihm zittern. Wie du so ein Risiko schon in die Idee legst, steht in Stakes: Videoideen, bei denen viel auf dem Spiel steht.
Werkzeug 3: Sympathisch sein
Erst an dritter Stelle steht, was wir im Deutschen „sympathisch“ nennen. Hauge kennt drei Wege dahin. Man kann sie einzeln nutzen oder kombinieren.
Freundlich und großzügig. Fast jede Rolle von Tom Hanks gehört dazu, sagt Hauge. Selbst als Auftragsmörder in Road to Perdition lernen wir ihn zuerst als liebevollen Vater kennen. Seine dunkle Seite zeigt der Film erst danach.
Von anderen gemocht. In Good Will Hunting und Natürlich blond sehen wir die Hauptfigur früh mit Freunden, die zu ihr halten. Wen andere mögen, mögen wir auch. Hauge vergleicht das mit den beliebten Kindern an der Schule, mit denen alle befreundet sein wollten.
Lustig. Hier wird es überraschend. Eine Figur muss weder nett noch anständig sein, wenn sie uns zum Lachen bringt. In Besser geht’s nicht spielt Jack Nicholson Melvin Udall, einen Menschenfeind, der Frauen und Minderheiten verachtet. In seiner ersten Szene wirft er einen Hund in den Müllschlucker. Hauge merkt augenzwinkernd an: Der Hund hatte in Melvins Hausflur gepinkelt. Unverdientes Pech. Vor allem aber ist Melvin witzig. Deshalb bleiben wir bei ihm.
Vier Verstärker
Zu den drei Werkzeugen nennt Hauge Eigenschaften, die die Bindung noch stärker machen.
Können. Wir mögen Menschen, die etwas meisterhaft beherrschen. Eines von Hauges Beispielen passt genau zu einem Coaching-Kanal. In Hitch – Der Date-Doktor hilft die Hauptfigur unbeholfenen Männern, die Frau ihrer Träume zu gewinnen. Wir wollen so sein wie er. Genau das macht Identifikation aus, sagt Hauge.
Macht. Hauge meint damit nicht nur Macht über andere. Für Creator passt eine andere Form besser: Du sagst offen, was du fühlst, egal was andere denken. Viele Rollen von Jack Nicholson leben davon.
Eine vertraute Umgebung. Schüler, Studenten, Ärzte oder Eltern sind leichter zu verstehen als ein Höhlenmensch oder ein russischer Graf. Niemand muss die Lage selbst erlebt haben. Es reicht, dass wir sie kennen.
Vertraute Schwächen. Läuft die Figur ab und zu gegen eine Wand, wie wir alle, fühlen wir uns ihr näher. Besonders gilt das für Unsicherheit beim Flirten. Hauge erzählt von gut aussehenden Männern, die sich in Woody Allens nervösen Filmfiguren wiedererkannten. Jeder war schon einmal unbeholfen vor jemandem, der ihm gefiel. Für einen Fitness-Kanal gilt dasselbe bei Anfängern: Jeder war schon einmal ratlos vor einem Gerät, das er nicht kannte.
Einen fünften Verstärker nennt Hauge auch: Wir erfahren alles im selben Moment wie die Figur. Ob das Sympathie schafft, ist umstritten. Mehr dazu in Auf wessen Seite stehst du? Folgen ist nicht Mögen.
Tootsie: Mitfiebern mit einem Ekel
Wie gut die Werkzeuge zusammen wirken, zeigt Hauge an der Komödie Tootsie. Michael Dorsey ist ein arbeitsloser Schauspieler. Er verkleidet sich als Frau, um eine Rolle in einer Seifenoper zu bekommen.
Eigentlich ist Michael ein Ekel, schreibt Hauge. Die Gefühle anderer sind ihm egal. Ihn interessieren nur die Schauspielerei, Frauen und wie er das Gesicht wahrt, wenn eine Lüge auffliegt. Trotzdem fiebern wir mit ihm. Das liegt an den ersten Szenen:
- Er bekommt Absage um Absage. Nicht, weil er schlecht spielt, sondern weil er zu klein ist oder man ihn übersieht. Unverdientes Pech.
- Er ist ein geachteter Schauspiellehrer. Können.
- Er hilft seinen Freunden Jeff und Sandy. Sympathisch.
- Er ist witzig, lebt in einer vertrauten Lage und droht für immer arbeitslos zu bleiben. Lustig, vertraut, in Gefahr.
Hauges Regel dahinter: Erst bauen die Werkzeuge das Mitgefühl auf. Erst danach zeigt der Film die Schwächen der Figur.
Sympathie gewinnen vor der Kamera
Bei vielen Videos bist du selbst die Hauptfigur. Ein Selbstversuch, ein Vlog, ein Kommentar: Die Zuschauer fühlen mit dir oder gar nicht. Hauges Werkzeuge lassen sich direkt übertragen.
| Werkzeug | Im Video (Ein Beispiel, Fitness-Kanal) |
|---|---|
| Unverdientes Pech | Der Lauf, der am Vorabend abgesagt wird |
| Gefahr | Zehn Geräte zum ersten Mal im vollen Kraftraum, jede Übung vor der Kamera |
| Freundlich | Du nimmst dir die Frage einer Zuschauerin vor, die sich nicht ins Studio traut, und hilfst ihr |
| Von anderen gemocht | Ein Trainingspartner, der dich im Video aufzieht und zu dir hält |
| Lustig | Du liest deinen eigenen ersten Trainingsplan von früher vor |
| Können | Du siehst bei einer Kniebeuge in zehn Sekunden, was nicht stimmt |
| Vertraute Schwäche | Du gibst zu, dass du vor dem Training nach einer Pause immer noch nervös bist |
Ein Beispiel aus einer anderen Nische: Eine Psychologin dreht ein Video darüber, warum wir Dinge aufschieben. Ihr erster Entwurf beginnt vor dem Bücherregal mit einer Studie. Ihr zweiter beginnt in ihrer Küche, um 23 Uhr, vor der eigenen Steuererklärung, die seit Wochen fällig ist. Abgabe ist morgen. Sie lacht über sich selbst. Dann erklärt sie in zwei Sätzen, was in ihrem Kopf gerade passiert.
Im zweiten Entwurf stecken vier Dinge: eine vertraute Schwäche, eine kleine Gefahr, Humor und am Ende Können. Die Studie kommt immer noch vor. Nur später.
Wie du zeigst, dass du dein Thema beherrschst, steht ausführlich in Warum sollte man dir zuhören? Der Beweis im Intro.
Aus Hauges Reihenfolge folgt noch etwas. Willst du eine harte Meinung sagen, die manche Zuschauer stört, gib ihnen vorher einen Grund, dich zu mögen. Erst das Mitgefühl, dann die Kante. Das ist meine Übertragung, nicht Hauges Wort.
Sympathisch wirken ist nicht alles
Sympathie allein hält niemanden bis zum Ende. Das sagt Robert McKee. Er unterrichtet seit über 25 Jahren Drehbuchautoren in aller Welt und berät Hollywood-Studios. In seinem Buch Story schreibt er: „Empathie ist daher absolut, während Sympathie optional ist.“
Mitfühlen muss also sein, Mögen nicht. McKee erinnert daran, dass viele Filme mit bezaubernden Hauptfiguren an der Kasse gescheitert sind. Nett zu sein ist für ihn nur Oberfläche. Wir fühlen mit dem, was eine Figur wirklich ausmacht. Das zeigt sich, wenn sie unter Druck eine Entscheidung treffen muss.
Hauge widerspricht dem weniger, als es klingt. Auch bei ihm reicht eines der drei Werkzeuge. Melvin Udall und Michael Dorsey sind alles andere als nett.
Und es gibt eine Grenze nach oben. Aristoteles beobachtete: Stürzt ein makellos guter Mensch ins Unglück, empfinden wir kein Mitleid, sondern Abscheu. Für dein Video heißt das: Du musst nicht perfekt wirken. Wer nur seine Erfolge zeigt, wirkt makellos, und mit makellosen Menschen fiebert niemand mit. Wie viel Fehler eine Figur braucht, steht in Gut, aber nicht perfekt: Gute Figuren haben Fehler.
Übung: Die ersten 60 Sekunden
- Nimm dein nächstes Video. Schreib die ersten 60 Sekunden auf oder schau sie dir an.
- Such dein Pech. Was ist dir zu diesem Thema passiert, das du nicht verdient hast? Ein Satz reicht.
- Such die Gefahr. Was kann in diesem Video schiefgehen? Für dich, vor der Kamera?
- Prüf die drei Wege. Bist du in den ersten 60 Sekunden freundlich, von jemandem gemocht oder lustig? Mindestens einer davon?
- Such einen Verstärker. Wo zeigst du Können? Wo eine Schwäche, die deine Zuschauer kennen?
- Zähl. Mindestens zwei Werkzeuge gehören in die erste Minute. Erst danach kommt die harte Meinung.