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Story · 16.10.2026 · Oliver Bayer

Gut, aber nicht perfekt: Gute Figuren haben Fehler

„Wie wir, nur etwas besser“. Eine Staffelei mit einem lächelnden Porträt, daneben der Kopf des Modells. Beide haben denselben roten Punkt als Warze auf der Wange.

Teil von Storytelling · Die Figur

Ein Beispiel: Ein Fitness-Creator zeigt in jedem Video, wie souverän er trainiert. Jede Wiederholung sauber, kein Zittern, nie ein Satz, den er abbrechen muss. Nach drei Videos weißt du alles über ihn. Beim vierten ist es dir egal, wie sein nächstes Training ausgeht.

Das Problem ist älter als YouTube. Der griechische Philosoph Aristoteles hat es vor über 2.300 Jahren beschrieben: Ein makelloser Held bewegt uns nicht. Wir fiebern mit Menschen, die gut sind, aber nicht perfekt.

Wer Charaktere entwickeln will, ob für einen Film oder für sich selbst vor der Kamera, braucht also Fehler. Aber nicht irgendwelche. Dieser Artikel zeigt, welche Fehler eine Figur stärker machen und welche sie kaputt machen.

Charakter heißt: Wie jemand entscheidet

Aristoteles schrieb in seiner Poetik auf, was eine gute Tragödie ausmacht. Wer er war und was er über Geschichten dachte, steht in Was ist eine Geschichte?. Hier geht es um seinen Teil über Figuren.

Ein Charakter ist nicht das Aussehen einer Figur und nicht ihre Macken. Ein Charakter zeigt sich darin, wie sie sich entscheidet. So erklärt es Malcolm Heath, Professor für Griechisch an der Universität Leeds. Er hat die Poetik übersetzt und kommentiert.

Eine Figur lernst du also nicht über eine Liste von Eigenschaften kennen, sondern wenn sie wählen muss.

Die vier Anforderungen an eine Figur

Aristoteles stellt vier Anforderungen an jede Figur. Für dein Video heißen sie: nicht schlechter als nötig, passend, wie dein Zuschauer, folgerichtig.

1. Nicht schlechter als nötig. Aristoteles‘ Gegenbeispiel ist Menelaos im Stück Orestes des Dichters Euripides. Menelaos lässt seinen Neffen Orestes im Stich, obwohl er ihm helfen müsste. Die Handlung braucht nur, dass er nicht hilft. Dafür hätte ein Grund gereicht, Feigheit oder Eigennutz. Euripides macht ihn zu einem feigen Egoisten. Das ist unnötig schlecht. Die Regel lautet: Mach eine Figur nicht gemeiner, als die Geschichte es braucht.

2. Passend. Was eine Figur sagt und kann, muss zu ihr gehören. Ein Fitness-Creator, der plötzlich wie ein Anwalt redet, wirkt falsch. Aristoteles‘ eigene Beispiele sind an seine Zeit gebunden: Er fand etwa eine Frau unpassend, die klug argumentiert. Das gilt heute nicht mehr. Der Kern bleibt.

3. Wie wir. Eine Figur soll uns ähnlich sein, nur ein Stück besser. Aristoteles vergleicht das mit guten Porträtmalern: Sie malen Menschen, wie sie sind, nur etwas schöner. Die Warze bleibt, sie sieht nur weniger hässlich aus. Heath nennt als Beispiel die Warzen des englischen Staatsmanns Oliver Cromwell. Für dich heißt das: Du darfst besser sein als dein Zuschauer, aber nicht makellos.

4. Folgerichtig. Was eine Figur tut, muss zu dem passen, wer sie ist. Aristoteles nennt Iphigenie aus einem anderen Stück des Euripides. Sie soll geopfert werden, damit das griechische Heer nach Troja fahren kann. Erst fleht sie um ihr Leben. Kurz darauf nimmt sie ihr Schicksal für Griechenland an. Das ist für Aristoteles zu sprunghaft. Was eine Figur tut, muss „notwendig oder wahrscheinlich“ sein. Wir müssen es aus dem verstehen, was wir von ihr wissen.

Es gibt eine Ausnahme. Manche Figuren sind unberechenbar, etwa weil sie verzweifelt sind oder vor einer unlösbaren Wahl stehen. Dann müssen sie „folgerichtig unbeständig“ sein. Der Zuschauer muss damit rechnen, dass sie schwanken.

Der Fehler, der uns bewegt: Irrtum statt Bosheit

Welche Figur bewegt uns am meisten? Eine, die gut ist, aber nicht perfekt, und die wegen eines Irrtums stürzt, nicht wegen Bosheit. Aristoteles geht im 13. Kapitel der Poetik alle Möglichkeiten durch. Er fragt, wer ins Unglück stürzt und was wir dabei fühlen:

  • Stürzt ein herausragend guter Mensch, empfinden wir kein Mitleid. Wir empfinden Abscheu. Sein Sturz empört uns.
  • Stürzt ein Schurke, sind wir zufrieden. Er hat es verdient. Mitleid gibt es auch hier nicht.
  • Übrig bleibt der Mensch dazwischen. Er ist nicht perfekt, aber auch nicht schlecht. Er stürzt wegen eines Fehlers. Bei ihm fühlen wir Mitleid, weil er es nicht verdient hat, und Furcht, weil er uns ähnlich ist.
„Wer stürzt, und was fühlen wir?“ Drei Strichfiguren, jede steht an einer Stufe und fällt eine Stufe hinunter. Links „makellos gut“, darunter rot „Abscheu“. In der Mitte „gut, aber nicht perfekt“ mit einem grünen Fragezeichen für den Irrtum, darunter grün „Mitleid und Furcht“. Rechts „böse“, darunter grau „Genugtuung“.]

Aristoteles nennt diesen Fehler hamartia. Oft wird das Wort mit „tragischer Fehler“ übersetzt. Viele denken dabei an eine Charakterschwäche wie Stolz oder Gier. Heath sagt: Das ist ein Missverständnis. Gemeint ist ein Fehler, der keinen schlechten Menschen zeigt.

Das kann Unwissen sein oder eine falsche Einschätzung. Es kann auch ein Fehler sein, den man verstehen kann. Ein Beispiel: Ein Ingenieur verrechnet sich, und seine Brücke stürzt ein. Er hätte sorgfältiger sein müssen. Aber er hatte kurz vorher erfahren, dass er unheilbar krank ist. Der Fehler ist schwer und hat schlimme Folgen. Trotzdem ist der Ingenieur kein schlechter Mensch.

Das bekannteste Beispiel ist Ödipus. In der griechischen Sage tötet er seinen Vater und heiratet seine Mutter. Er weiß nicht, wer die beiden sind. Hätte er es gewusst, wäre er ein Ungeheuer. Sein Sturz würde uns dann zufrieden machen, nicht traurig.

Für dein Video heißt das: Zeig einen Irrtum, den deine Zuschauer verstehen. Keine Gemeinheit.

Wer jemand ist, zeigt sich unter Druck

Robert McKee unterrichtet seit über 25 Jahren Drehbuchautoren in aller Welt und berät Hollywood-Studios. In seinem Buch Story trennt er zwei Dinge, die oft verwechselt werden.

Kurz gesagt: Ob jemand ehrlich oder mutig ist, siehst du erst, wenn es ihn etwas kostet.

Die Charakterisierung ist alles, was man an einem Menschen beobachten kann: Alter, Beruf, Kleidung, Sprache, Wohnung, Auto. Der wahre Charakter liegt darunter. McKee schreibt: „Der wahre Charakter offenbart sich in den Entscheidungen, die ein Mensch unter Druck trifft“.

Ohne Druck sagt eine Entscheidung nichts. Wer die Wahrheit sagt, wenn eine Lüge ihm nichts bringen würde, zeigt damit wenig. Wer die Wahrheit sagt, obwohl eine Lüge sein Leben retten würde, zeigt, wer er ist.

McKee macht das an einer Szene klar. Zwei Autos fahren auf einer Schnellstraße. Im einen sitzt eine Putzfrau ohne Aufenthaltserlaubnis, die ihre Familie allein versorgt. Im anderen ein reicher Neurochirurg. Vor ihnen verunglückt ein Schulbus und fängt Feuer. Beide hätten gute Gründe weiterzufahren. Ihr droht die Abschiebung, ihm verbrannte Hände. Hält einer an? Ruft er nur einen Krankenwagen, oder klettert er in den brennenden Bus? Mit jeder Entscheidung sehen wir tiefer, wer die beiden sind.

Stimmen Oberfläche und Kern einer Figur völlig überein, wird es langweilig. McKees Beispiel: Ein Mann tritt als liebender Ehemann auf und ist am Ende immer noch genau das, ohne Geheimnis. Solche Menschen gibt es. McKee schreibt: „Flache, eindimensionale Leute gibt es wirklich – aber sie sind langweilig.“

Die Lüge, die deine Figur glaubt

Die amerikanische Autorin K. M. Weiland schreibt Romane und Ratgeber fürs Schreiben. In Creating Character Arcs fragt sie, warum sich eine Figur im Lauf einer Geschichte ändert. Ihre Antwort: Am Anfang glaubt die Figur eine Lüge.

Die Lüge ist eine falsche Überzeugung über sich selbst oder über die Welt. Man muss sie in einem kurzen Satz sagen können. Ebenezer Scrooge aus Charles Dickens‘ Eine Weihnachtsgeschichte ist ein geiziger alter Geschäftsmann. Er glaubt: Was ein Mensch wert ist, misst sich an dem Geld, das er verdient hat.

Oft weiß die Figur gar nicht, dass sie die Lüge glaubt. Sie spürt nur die Folgen: Angst, Schuld, Scham, ein Geheimnis, nicht verzeihen können. Weiland nennt das Symptome. Die Figur will sie loswerden. Das gelingt nicht, solange sie an der Lüge festhält.

Die Lüge ist also ein Irrtum, genau wie die Hamartia bei Aristoteles. Der Autor Will Storr nennt so eine Überzeugung den „heiligen Fehler“: Die Figur hat ihr Selbstbild darum gebaut und hält deshalb an ihr fest. Mehr zu Storrs Ansatz steht in Haltung der Zielgruppe. Was die Figur stattdessen braucht, steht in Was will die Figur? Ziel und Bedürfnis.

Kennen ist nicht zeigen

Der Dramaturgie-Lehrer Lajos Egri schrieb 1942 ein Lehrbuch für Theaterautoren, später erschienen als The Art of Dramatic Writing. Er sagt: Jede Figur hat einen Körper, eine Herkunft und eine Psyche, also ein Innenleben. Das Innenleben entsteht für Egri aus den ersten beiden.

Wichtig ist Egris Zusatz: Du musst alles über deine Figur wissen, aber kaum etwas davon erwähnen. Ein Mann von 1,83 Meter verhält sich anders als einer von 1,42 Meter. Das muss niemand sagen. Man sieht es daran, wie er sich benimmt.

Für dein Video heißt das: Du musst nicht deine ganze Geschichte erzählen. Zeig, wie du dich entscheidest. Den Rest ahnen die Zuschauer.

McKee warnt vor dem umgekehrten Fehler: viele Eigenschaften, aber keine Entscheidung. Ein Produzent beschrieb ihm einmal eine angeblich vielschichtige Figur: gerade aus dem Gefängnis, Börsenexperte, Breakdancer, schwarzer Gürtel in Karate, Jazz-Saxofonist. Für McKee war das eine flache Figur mit aufgeklebten Eigenschaften. Eigenheiten machen keinen Charakter. Entscheidungen schon.

Charaktere entwickeln für dein Video

Stehst du selbst vor der Kamera, bist du die Figur. Was Aristoteles, McKee und Weiland beschreiben, lässt sich übertragen.

Zeig Irrtümer, keine unnötige Gemeinheit. Bevor du Fehler zeigst, brauchen die Zuschauer einen Grund, dich zu mögen (siehe Sympathie gewinnen). Ein Beispiel: „Ich habe zwei Jahre lang jede Mahlzeit abgewogen. Ich dachte, das zeigt Disziplin.“ Das ist ein Irrtum, den viele kennen. Er macht dich menschlich. Ganz anders klingt: „Ich habe meine Vorher-Fotos absichtlich bei schlechtem Licht gemacht, damit der Fortschritt größer aussieht.“ Das ist kein Irrtum, das ist Absicht. So ein Fehler kostet Mitgefühl, wie bei Menelaos.

Bleib folgerichtig. Deine Zuschauer kennen dich aus vielen Videos. Was du sagst und tust, muss dazu passen. Änderst du deine Meinung, zeig, warum. Dann bist du „folgerichtig unbeständig“ und nicht sprunghaft. Wofür du stehst, klärst du in Wofür dein Kanal steht.

Zeig eine Entscheidung unter Druck. Ein Beispiel aus einem Lernkanal: Ein Physik-Creator wettet vor der Kamera, dass sein Experiment klappt. Es klappt nicht. Jetzt hat er zwei Möglichkeiten. Er schneidet es raus und dreht neu. Oder er zeigt, was schiefging, und sucht vor laufender Kamera den Fehler. Die zweite Entscheidung kostet ihn etwas, sein Bild als Experte. Gerade deshalb zeigt sie, wer er ist. Wie du so einen Druck schon in die Idee legst, steht in Stakes: Videoideen, bei denen viel auf dem Spiel steht.

Kenn deine alte Lüge. Viele gute persönliche Geschichten erzählen, wie jemand einen Irrtum über sich selbst abgelegt hat. Ein Beispiel: „Ich dachte, ich muss erst fit sein, damit mich jemand vor der Kamera sehen will.“ Wie du deine eigene Geschichte erzählst, kommt später im Hebel Story.

Übung: Der Figur-Check

  1. Nimm dein nächstes Video. Schreib in einem Satz auf, welchen Irrtum du zu diesem Thema einmal hattest.
  2. Mach den Aristoteles-Test. Ist dein Fehler ein Irrtum oder Absicht? Wirkst du irgendwo schlechter, als das Video es braucht? Streich das.
  3. Prüf die Folgerichtigkeit. Passt, was du im Video sagst, zu dem, was deine Zuschauer von dir kennen? Wenn nicht: Erklärst du, warum?
  4. Such den Druck. An welcher Stelle musst du dich entscheiden, und die Entscheidung kostet dich etwas?
  5. Zeig die Entscheidung. Nicht nur das Ergebnis. Die Zuschauer sollen sehen, wie du wählst.

Wer hier schreibt

Oliver Bayer

Oliver Bayer

Sammelt, was erfolgreiche Creator anders machen, und übersetzt es in einen Ablauf, den du für jedes Video nutzen kannst.

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