Teil von Storytelling · Aufbau
Die Drei-Akt-Struktur ist das bekannteste Bauschema für Geschichten. Hollywood benutzt es seit Jahrzehnten. Für dein Video ist es eine einfache Uhr: Sie sagt dir, wann etwas Neues passieren muss.
Die Drei-Akt-Struktur teilt eine Geschichte in Anfang, Mitte und Ende. Im ersten Akt erfährst du, wer die Figur ist und was sie will. Im zweiten kämpft sie um ihr Ziel. Im dritten gewinnt oder verliert sie. Warum Anfang, Mitte und Ende überhaupt zusammengehören, steht in Was ist eine Geschichte?.
Ein Viertel, die Hälfte, ein Viertel
Michael Hauge berät Drehbuchautoren und Hollywood-Studios. Sein Buch Writing Screenplays That Sell gehört zu den Klassikern für Drehbuchautoren. Für Hauge hängt die ganze Struktur am äußeren Ziel der Hauptfigur, also an dem, was man sie sichtbar erreichen sehen will. Mehr dazu in Was will die Figur?.
Die drei Akte haben bei ihm feste Längen. Akt 1 ist immer das erste Viertel. Akt 2 ist die Hälfte. Akt 3 ist das letzte Viertel. Bei einem Kinofilm von zwei Stunden heißt das: eine halbe Stunde, eine Stunde, eine halbe Stunde. Bei einer Sitcom von 24 Minuten: sechs, zwölf, sechs. Die Regel gilt laut Hauge für jede Länge.
Die Wendepunkte der drei Akte
Zwischen den Akten liegen Wendepunkte. Ein Wendepunkt ist ein Ereignis, nach dem die Geschichte eine neue Richtung nimmt. Hauge legt sie auf feste Stellen:
- Das Setup (0 bis 10 %). Die Figur lebt ihr Alltagsleben. Sie steckt fest, oft in einer Angst.
- Die Gelegenheit (10 %). Der Figur passiert etwas, das ihr noch nie passiert ist. Es bringt sie in eine neue Lage. In Spider-Man wird Peter Parker bei 10 Prozent von der Spinne gebissen.
- Der Aufbruch (25 %). Erst jetzt verfolgt die Figur ihr sichtbares Ziel. Akt 2 beginnt.
- Der große Rückschlag (75 %). Der Plan der Figur platzt. Es sieht aus, als sei alles verloren. Akt 3 beginnt.
- Der Höhepunkt (in der zweiten Hälfte von Akt 3). Die Figur gewinnt oder verliert, ohne Zweifel. Hauge legt ihn bewusst nicht auf 90 Prozent fest. Er spiegelt die Gelegenheit: Die Gelegenheit beginnt die Reise, der Höhepunkt beendet sie. Mehr dazu in Der Höhepunkt.
- Das Nachher. Das neue Leben der Figur, als Gegenbild zum Setup. Warum das Vorher dafür so wichtig ist, steht in Der Startpunkt.
Hauges Beispiel ist der Film Little Miss Sunshine. Eine chaotische Familie will ihre kleine Tochter Olive zu einem Schönheitswettbewerb für Kinder nach Kalifornien bringen. Genau bei 25 Prozent steigen alle in den alten Bus. Dann geht alles schief: Der Bus fällt aus, der Großvater stirbt, ein Polizist hält sie an. Bei 75 Prozent kommen sie vier Minuten zu spät, und Olive darf nicht mehr antreten. Akt 3 ist der letzte Versuch, sie doch noch auf die Bühne zu bringen.
Was in der Mitte passiert
Bei Hauge hat die Mitte keinen eigenen Wendepunkt. Ian Bousher, der dutzende Story-Modelle in einer Übersicht verglichen hat, zeigt Hauges Modell feiner. Dort steht in der Mitte ein „Point of No Return“: der Punkt, ab dem die Figur nicht mehr zurückkann. Danach werden die Hindernisse größer, und es steht mehr auf dem Spiel. Wie du diese Steigerung baust, steht in Eskalation.
Dazu kommt ein innerer Weg der Figur, der an denselben Stellen kippt. Wie das aussieht, steht in Der Figurenbogen.
Die Wendepunkte in Minuten
Rechnest du Hauges Stellen auf ein Video um, kommt das heraus (meine Rechnung):
| Wendepunkt | Video mit 10 Minuten | Video mit 20 Minuten |
|---|---|---|
| Gelegenheit (10 %) | 1:00 | 2:00 |
| Aufbruch, Akt 2 (25 %) | 2:30 | 5:00 |
| Mitte (50 %) | 5:00 | 10:00 |
| Großer Rückschlag, Akt 3 (75 %) | 7:30 | 15:00 |
| Höhepunkt | zwischen 8:45 und 10:00 | zwischen 17:30 und 20:00 |
Ein Beispiel für einen Wissenskanal: Der Physik-Creator Jonas dreht ein Video mit zehn Minuten.
- 0:00 bis 1:00, Setup. Sein Neffe hat in der Schule das Ei-Experiment verloren. Sein Ei ist beim Fall zerbrochen. Jonas sagt: „Mit Physik wäre das nicht passiert.“
- 1:00, Gelegenheit. Der Neffe fordert ihn heraus: „Dann mach’s doch. Samstag, dritter Stock.“
- 2:30, Aufbruch. Jonas fängt an zu bauen. Jetzt ist das Ziel klar: Das Ei kommt heil unten an.
- 2:30 bis 7:30, Akt 2. Jeder Versuch scheitert anders. Der Strohhalm-Käfig ist zu schwer, die Watte zu dünn. Bei jedem Fehler erklärt Jonas, was physikalisch passiert ist. Das Wissen steckt in den Hindernissen.
- 7:30, Rückschlag. Am Samstag weht starker Wind. Sein bester Bau, ein Fallschirm, ist nutzlos.
- 8:45 bis 9:45, Höhepunkt. Er baut mit dem, was er bisher gelernt hat, eine letzte Hülle. Der Neffe wirft. Das Ei hält oder nicht.
- Danach, Nachher. Der Neffe nimmt die Hülle mit in die Schule.
Eine Minute Setup ist auf YouTube allerdings lang. Dein Intro muss den Klick in den ersten Sekunden bestätigen. Mehr dazu in Das YouTube-Intro. Nach meiner Einschätzung rückt die Gelegenheit im Video deshalb oft nach vorn, und das Setup wird ein paar Sätze kurz. Hauge selbst schreibt über Serien: Wer die Figuren schon kennt, braucht ihren Alltag nicht noch einmal. Das gilt auch für deine Stammzuschauer.
Kunst, keine Buchhaltung
Hauge rechnet nach. Bei Little Miss Sunshine kommt der große Rückschlag auf Seite 80 von 109, also bei 73 Prozent. Sein Kommentar sinngemäß: nah genug, das hier ist Kunst und keine Buchhaltung.
Was passiert, wenn man Seitenzahlen zur Pflicht macht, zeigt die „Whammo-Tabelle“ eines Hollywood-Studios. Die Geschichte steht in Storystruktur.
Gegen feste Strukturen gibt es Kritik: Sie machen Geschichten vorhersehbar. Hauge hält dagegen: Nicht die drei Akte machen eine Geschichte langweilig. Langweilig wird sie, wenn der Autor nichts Eigenes hineinlegt. Beides lässt sich nach meiner Einschätzung verbinden. Die Prozentzahlen sind eine Prüfliste für den fertigen Plan, kein Formular, das du ausfüllst. Warum es so viele Modelle gibt und alle ähnlich aussehen, steht in Storystruktur.
Übung: Finde deine vier Stellen
- Nimm dein nächstes Video und schreib die geplante Länge auf.
- Rechne die vier Stellen aus: 10, 25, 75 Prozent und die zweite Hälfte des letzten Viertels.
- Schreib zu jeder Stelle einen Satz. Was passiert dort? Bei 10 %: Was ist neu? Bei 25 %: Welches Ziel ist ab jetzt klar? Bei 75 %: Was geht schief?
- Prüf den Höhepunkt. Beantwortet er die Frage, die bei 25 % gestellt wurde? Und zwar eindeutig?
- Fehlt eine Stelle, such zuerst den Rückschlag. Ohne ihn läuft das letzte Viertel einfach aus.