Teil von Storytelling · Teil 3 von 12
Ein Mann will seinem kleinen Sohn Frühstück machen. French Toast, also Brot, das in Ei und Milch getaucht und gebraten wird. Kurz vorher hat seine Frau die beiden verlassen. Er schlägt die Eier in einen Kaffeebecher. Das meiste läuft daneben. Das Fett in der Pfanne spritzt und qualmt. Der Sohn weint. Am Ende verbrennt sich der Vater die Hand, zieht den Jungen zur Tür und sagt: Wir gehen in ein Restaurant.
Die Szene stammt aus dem Film Kramer gegen Kramer. Robert McKee hält sie für einen der besten Filmmomente seiner Zeit. McKee ist einer der bekanntesten Drehbuch-Lehrer. In der Szene streitet niemand. Nichts explodiert. Trotzdem ist sie voller Konflikt.
Was ist Konflikt in einer Geschichte? Konflikt in einer Geschichte ist alles, was sich der Absicht einer Figur entgegenstellt. Das kann ein Mensch sein. Aber genauso eine Küche, eine Angst oder die Zeit. Der Vater will beweisen, dass er es allein schafft. Eier, Pfanne, Sohn und seine eigene Panik stehen ihm im Weg.
Dieser Artikel zeigt, wo Konflikt herkommt, wie du ihn für dein Video findest und wann du ihn nicht brauchst.
Konflikt heißt nicht Streit
In einem älteren Text habe ich geschrieben: Die meisten hören „Konflikt“ und denken an Drama. An Explosionen, Streit, hohe Einsätze und laute Stimmen. Darum geht es nicht. Konflikt ist einfacher.
Dean Movshovitz sieht das genauso. Er ist Drehbuchautor und hat ein Buch darüber geschrieben, wie die Filme des Animationsstudios Pixar erzählt sind. Er schreibt: Der Gegner der Hauptfigur ist alles, was zwischen ihr und ihrem Ziel steht. Eine Figur, ein Gegenstand, eine Idee oder die Hauptfigur selbst.
Sein Beispiel ist Findet Nemo. Der Clownfisch Marlin sucht seinen Sohn Nemo, den Taucher gefangen haben. Der größte Gegner in diesem Film ist laut Movshovitz einfach der Ozean. Er ist riesig, voller Tiere, und man verirrt sich leicht.
Konflikt stellt dem Zuschauer immer eine Frage: Schafft sie es? Diese Frage zieht ihn nach vorn. In Was ist eine Geschichte? heißt das Sog. Movshovitz beschreibt es so: Zwei Kräfte ringen gegeneinander, und wir wollen wissen, wer gewinnt.
Ein Beispiel für einen Vlog-Kanal:
- Ohne Konflikt: „Fünf Tipps, wie dein Sauerteig gelingt.“
- Mit Konflikt: „Kira will eine Woche lang jeden Tag ein Brot backen und filmen. Am dritten Tag geht der Teig nicht auf. Sie starrt auf die Schüssel. Die Kamera läuft schon.“
In der zweiten Fassung gibt es keinen Gegner. Nur Kira und ein Teig, der nicht aufgeht. Das reicht. Wie du ein Erklärvideo auf diese Weise erzählst, steht in Das Tutorial als Geschichte. Warum das Gefühl erst am Hindernis entsteht und nicht schon am Wunsch, steht in Was will die Figur?.
Konflikt im Video: drei Ebenen
McKee stellt sich die Welt einer Figur als drei Kreise vor. In jedem Kreis kann etwas gegen sie arbeiten.
- Der innere Konflikt. Der kleinste Kreis ist die Figur selbst: ihr Kopf, ihr Körper, ihre Gefühle. Die Gedanken sind nicht so schnell wie erhofft. Der Körper ist nicht stark genug. Ein Gefühl kommt im falschen Moment. McKee schreibt: Meist sind wir selbst unser ärgster Feind.
- Der persönliche Konflikt. Der zweite Kreis sind enge Beziehungen: Familie, Freunde, Partner. Menschen, die uns nah sind und trotzdem nicht so reagieren, wie wir erwarten.
- Der außerpersönliche Konflikt. Der äußere Kreis ist alles andere. Ämter, Firmen, die Polizei. Menschen in ihrer Rolle, etwa der Chef oder der Kellner. Und die Umgebung: Zeit, Raum und jeder Gegenstand darin.
Die French-Toast-Szene ist für McKee so stark, weil sie alle drei Ebenen gleichzeitig bespielt. Innen: Der Vater ist sich sicher, dass Hausarbeit leicht ist. Gleichzeitig hat er Angst, dass er es nicht schafft. Persönlich: Der Sohn fürchtet, ohne seine Mutter nichts mehr zu essen zu bekommen. Der Vater verspricht ihm, das werde lustig, wie beim Zelten. Außerpersönlich: Die Küche ist für ihn eine fremde Welt. In drei Minuten verliert er auf allen drei Ebenen. Sein Selbstvertrauen, das Vertrauen seines Sohnes und den Kampf mit dem Haushalt.
Je mehr Ebenen gegen die Figur arbeiten, desto dichter wird die Geschichte. McKee unterscheidet dabei zwei Begriffe. Eine Geschichte ist kompliziert, wenn aller Konflikt auf einer Ebene liegt. Actionhelden wie James Bond kämpfen fast nur gegen die äußere Welt. Seifenopern leben fast nur von persönlichen Konflikten. Komplex wird eine Geschichte, wenn die Figur auf mehreren Ebenen zugleich kämpft. McKees Rat: Bau einfache, aber komplexe Geschichten. Wenige Figuren, wenige Orte.
Ein Beispiel: Jannik betreibt einen Challenge-Kanal. In einem Video will er mit seinem Bruder ein ganzes Wochenende lang ohne Geld durch Leipzig kommen.
- Innen: Er hat Angst, Fremde um Essen zu bitten. Immer wenn es ernst wird, macht er einen Witz.
- Persönlich: Sein Bruder findet die Idee peinlich und will nicht gefilmt werden.
- Außerpersönlich: Es regnet, und der letzte Bus fährt um 22 Uhr.
Viele Creator-Videos nutzen nach meiner Einschätzung nur eine Ebene. Ein Tutorial kämpft mit der Software, also mit der äußeren Welt. Ein Vlog zeigt oft nur, was im Kopf des Creators passiert. Eine zweite Ebene macht das Video nicht länger, sondern dichter. Um die inneren Konflikte deiner Zuschauer geht es in Innere Konflikte.
Wirf der Figur das Gegenteil entgegen
Woher kommt der Konflikt, bevor du ein Wort schreibst? Movshovitz beschreibt, wie Pixar dabei vorgeht. Das Studio fragt: Was will die Hauptfigur am meisten? Dann stellt es ihr das Gegenteil in den Weg: einen Ort oder eine Lage, in der sie ihr Ziel am schwersten erreicht.
Sein Beispiel ist Ratatouille. Der Film erzählt von einer Ratte, die kochen will. Kocht sie in der Kanalisation, ist das niedlich, vielleicht sogar originell. Aber nicht dramatisch. Kocht sie in einem Feinschmecker-Restaurant, stellen sich sofort Fragen: Wie kommt sie hinein? Wie schafft sie es jeden Tag? Was passiert, wenn sie jemand sieht? Was, wenn ihre Gerichte gelingen?
Jede dieser Fragen wird ein Strang der Geschichte. Movshovitz nennt zwei Gründe, warum das funktioniert. Erstens liefert der Ort sofort Szenen. Zweitens zwingt er die Figur in eine Entwicklung. Wer aus seiner Komfortzone geworfen wird, kämpft darum, wieder hineinzukommen.
Ein Beispiel: Ein Reise-Vlogger will zeigen, dass man eine Stadt auch nur zu Fuß entdecken kann, ohne Bahn, Bus und Taxi. In seiner eigenen Stadt mit seinen Freunden wäre das leicht. Es gäbe wenig zu erzählen. Also fährt er in eine Stadt, in der er niemanden kennt, und bucht keine Unterkunft. Sofort entstehen Fragen: Wo schläft er? Wen fragt er um Rat? Was, wenn die Füße vor dem letzten Tag nicht mehr mitmachen?
Diese Entscheidung triffst du bei der Idee, nicht beim Schnitt. Was dabei auf dem Spiel steht, steht in Stakes.
Die Wunde ist schon da
Ein gutes Hindernis trifft eine Stelle, die bei der Figur schon wehtut. Movshovitz nennt das die Wunde. Schon bevor die Handlung losgeht, muss im Leben der Figur etwas kaputt sein.
In Findet Nemo ist Marlin überängstlich. Er erdrückt seinen Sohn und lässt ihm keine Freiheit. In Oben hat der alte Carl seine Frau Ellie verloren. Sein Herz ist gebrochen, sein Leben hat keinen Sinn mehr.
Dann treibt die Handlung genau diese Wunde auf die Spitze. Der überängstliche Vater verliert seinen Sohn. Der trauernde Carl soll das Letzte verlieren, das ihn mit Ellie verbindet: ihr gemeinsames Haus. Je enger Wunde und Handlung zusammenhängen, desto mehr steht für den Zuschauer auf dem Spiel, schreibt Movshovitz.
Bei Creatorn kann die Wunde echt sein. Justus Reid ist ein US-amerikanischer YouTuber, der auf dem Balkan lebt. Er hat eine Ruine im kroatischen Wald gekauft und baut sie vor der Kamera um. Als er sie zum ersten Mal sah, wollte er sie genau deshalb. Je schwieriger, desto besser. Wie die Serie entstand, steht in Logline.
Pixars zweite Bedingung erfüllt Reids Serie ganz von selbst. Das Haus war eine Ruine, bevor die Kamera lief. Niemand musste etwas kaputt machen. Der Zuschauer sieht ein echtes Problem.
Ein Beispiel für den Challenge-Kanal: Jannik hat vor einem Jahr eine Challenge nach vier Tagen abgebrochen und seitdem keine neue gedreht. Das ist seine Wunde. Ein Video, in dem er sie noch einmal startet, greift genau sie an. Wo du dieses Vorher im Video zeigst, steht in Der Startpunkt.
Größer wählen, nicht künstlich erschweren
Bei Reid zeigt sich auch eine Grenze. Er hört oft, dass er die Arbeiten am Haus in einer seltsamen Reihenfolge macht. Seine Antwort: Er will Folgen machen und die Serie am Laufen halten. Als Beispiel nennt er, ausdrücklich ausgedacht, eine Fassade, die er vor den Rohren macht, weil der Fassadenbauer früher Zeit hat. Später müsste er die Fassade wieder aufschneiden.
Nach meiner Einschätzung gilt Pixars Regel deshalb nur zur Hälfte für echte Projekte:
- Bei der Auswahl: ja. Die schwierigere Fassung zu wählen kostet im Moment der Entscheidung wenig. Und sie liefert Stoff, solange das Projekt läuft.
- Beim Dreh: nein. Ein schon gewähltes Projekt künstlich schwerer zu machen, kostet Zeit, Geld und am Ende Ehrlichkeit. Der Zuschauer sieht etwas Gestelltes und hält es für echt.
Für die Ehrlichkeit hat Reid sich eine eigene Regel gegeben. Sinngemäß: Sagt er, dass etwas gratis war, war es gratis. Sagt er es nicht, war es das nicht.
Braucht jede Geschichte Konflikt?
McKee ist sich sicher. Er schreibt: „Nichts bewegt sich in einer Story voran außer durch Konflikt.“ Er vergleicht das mit Musik. Hört ein Orchester mitten in der Sinfonie auf zu spielen, hören wir in Gedanken plötzlich eine Uhr ticken. Drei Minuten Stille fühlen sich an wie eine halbe Stunde. Für McKee gilt: „Die Musik der Story ist der Konflikt.“
Nicht alle sehen das so. Ein Video-Essay auf YouTube heißt Conflict doesn’t make a story good (Konflikt macht eine Geschichte nicht gut). Er sagt: Konflikt ist nur ein Werkzeug von vielen. Gute Geschichten brauchen Sog und Bedeutung, und das geht auch anders. Seine Gegenbeispiele stehen in Was ist eine Geschichte?.
Ich lese den Streit so: Die beiden meinen mit dem Wort Verschiedenes. McKee zählt fast alles dazu, auch jeden Kampf im Inneren. Der Essay meint etwas Engeres: zwei Seiten, die gegeneinander kämpfen.
Für dein Video heißt das: Wenn Konflikt heißt, dass sich etwas deiner Absicht entgegenstellt, dann hat fast jedes Video einen, das bis zum Ende trägt. Wenn Konflikt heißt, dass jemand streitet, brauchen ihn viele gute Videos nicht. Wie Geschichten ohne Gegner funktionieren, steht in Geschichte ohne Konflikt.
Was in diesem Teil noch kommt
Vier Artikel gehen tiefer:
- Hindernis oder Unannehmlichkeit?: Der Drehbuchautor Corey Mandell unterscheidet drei Stufen von Widerstand. Nur bei der höchsten weiß der Zuschauer nicht mehr, wie es ausgeht.
- Der Gegenspieler: Der Drehbuch-Berater John Truby sagt: Ein echter Gegner will nicht nur verhindern, dass die Hauptfigur ihr Ziel erreicht. Er kämpft um dasselbe Ziel.
- Gegensätze: Der Theater-Lehrer Lajos Egri nennt es die Einheit der Gegensätze. Die Figuren sind so aneinander gebunden, dass keiner einfach gehen kann.
- Geschichte ohne Konflikt: Was nach vorn zieht, wenn niemand im Weg steht.
Konflikt braucht eine Figur, die etwas will. Ohne Absicht stellt sich nichts entgegen. Mehr dazu in Die Figur. Was auf dem Spiel steht, wenn die Figur scheitert, steht im nächsten Teil: Stakes und Spannung.
Grenzen
Die Regeln kommen aus dem Film. McKee und Movshovitz beschreiben Spielfilme. Movshovitz liest seine Regeln von außen aus fertigen Pixar-Filmen. Die Übertragung auf Videos ist meine Einschätzung.
Reid erzählt im Rückblick. Er erklärt eine Serie, die schon erfolgreich war. Wer eine ebenso kaputte Ruine kaufte und keinen Erfolg hatte, sitzt nicht im Podcast.
Konflikt rettet keine schwache Idee. Ein großes Hindernis bei einem Thema, das niemanden interessiert, bleibt ein Video, das niemand schaut. Erst kommt die Idee, dann die Story.
Übung: Was steht deinem Video im Weg?
- Nimm dein nächstes Video. Schreib die Absicht in einen Satz: „Ich will …“ oder „Sie will …“. Ohne Absicht gibt es keinen Konflikt.
- Geh die drei Ebenen durch. Was steht innen im Weg (Angst, Zweifel, Können)? Was bei nahen Menschen? Was in der Welt (Regeln, Zeit, Ort, Dinge)? Schreib zu jeder Ebene einen Satz. Wo dir nichts einfällt, lass die Zeile leer.
- Streich alles Erfundene. Was davon ist wirklich da? Nur das bleibt.
- Such das Gegenteil. Was will die Figur am meisten? Gibt es eine Fassung deiner Idee, in der sie genau das Gegenteil bekommt? Entscheide das jetzt, vor dem Dreh.
- Find die Wunde. Was war schon kaputt, bevor das Video anfängt? Greift dein Video genau das an?
- Schreib die Frage auf, die der Konflikt stellt. „Schafft er es, …?“ Kannst du die Antwort schon jetzt sicher sagen, ist der Widerstand zu klein. Mehr dazu in Hindernis oder Unannehmlichkeit?.