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Recherche · 14.10.2026 · Oliver Bayer

Angrenzende Zielgruppen: Wo Zuschauer dasselbe wollen wie deine

Wer will dasselbe? Das Format Speedrun wandert auf einer Linie von Gaming (Format belegt) über Dropshipping (Geld-Publikum belegt) zur Kaltakquise (übertragen). Darunter: Gleiche Absicht, anderes Thema.

Teil der Content-Recherche · Nachbar-Nischen

Speedrunning kommt aus dem Gaming. Ein Spieler versucht, ein Spiel so schnell wie möglich durchzuspielen. Auf YouTube funktionieren solche Videos seit Jahren.

Dann tauchte das Wort in einer ganz anderen Nische auf: Dropshipping. Das ist ein Online-Handel, bei dem der Händler keine Ware lagert. Ein Creator drehte ein Video, in dem er einen kompletten Online-Shop im Speedrun aufbaut. Der Titel versprach, alles zu zeigen. Das Video lief gut.

Jake Trinder sah darin einen Beweis. Trinder baut YouTube-Kanäle für Unternehmen auf. Nach eigenen Angaben betreut er über 100 Kanäle. Einer seiner Kunden, Glen Coco, macht Videos über Kaltakquise, also das Anrufen fremder Leute oder Firmen, um ihnen etwas zu verkaufen. Trinders Team machte daraus ein Speedrun-Video: von null bis zum ersten Verkauf, alles gezeigt. Laut Trinder kam es auf 300.000 Views und brachte dem Kunden in den ersten 30 Tagen über 100.000 Dollar ein.

Warum hat das geklappt? Gaming und Kaltakquise haben nichts gemeinsam. Aber die Zuschauer von Dropshipping-Videos und Kaltakquise-Videos wollen dasselbe: Geld verdienen. Trinder nennt das die Absicht hinter dem Ansehen. Hier lernst du, wie du Zielgruppen mit derselben Absicht findest und ihre Formate sicher überträgst. Den Überblick gibt Nachbar-Nischen.

Woher die Idee kommt

Trinder begründet das so: Kopierst du nur, was in deiner eigenen Nische läuft, kannst du den Markt nie schlagen. Du machst dann nur dasselbe wie alle anderen. Experimentierst du dagegen völlig frei, weißt du nicht, ob es funktioniert.

Der Ausweg: Such Zuschauer, die so denken wie deine und mit derselben Absicht schauen. Funktioniert ein Format bei ihnen in mehreren Nischen immer wieder, kannst du nach Trinder eine gut berechnete Wette eingehen, dass es auch bei deinen Zuschauern ankommt. Du kopierst also nicht wahllos. Du nutzt fremde Videos als Beleg für dein Publikum.

Eine zweite Wurzel liegt im Marketing. Russell Brunson hat die Software-Firma ClickFunnels mitgegründet und mehrere Bücher über Online-Marketing geschrieben. In Expert Secrets teilt er alle Märkte nach drei Kernwünschen ein: Gesundheit, Wohlstand und Beziehungen. Jeder Kernwunsch zerfällt in Teilmärkte, etwa Abnehmen oder Muskelaufbau bei Gesundheit. Und jeder Teilmarkt in viele Nischen. Was bei Brunson nebeneinander auf derselben Karte steht, sind gute Kandidaten für angrenzende Zielgruppen.

Schritt 1: Schreib die Absicht auf

Frag nicht, worüber deine Videos sind. Frag, warum jemand sie anschaut. Was will er danach können, haben oder fühlen?

Trinders Beispiel: Ein Kanal über Facebook-Werbung. Das Thema ist Werbung. Die Absicht der Zuschauer ist eine andere: Sie wollen ihr Geschäft wachsen lassen. Werbung ist nur der Weg dorthin.

Bei der Kaltakquise ist es genauso. Trinder sagt: Kaltakquise ist nur der Mechanismus. Der Betrag im Titel spricht jeden an, der Geld verdienen will.

Für deine Recherche heißt das: Schreib einen Satz: „Meine Zuschauer wollen …“. Ohne dein Thema darin. Was Menschen wirklich wollen, vertieft Was suchen deine Zuschauer um 1 Uhr nachts?

Schritt 2: Sammle Nischen mit derselben Absicht

Für den Kanal über Facebook-Werbung zählt Trinder auf: Kanäle über YouTube-Wachstum, LinkedIn-Wachstum, Wachstum auf sozialen Medien, allgemeine Business-Themen, Kalt-E-Mails und Kundengewinnung. Er sagt: Die Zuschauer dort haben dieselbe Absicht, dasselbe Ziel und denken gleich. Sogar beim YouTube-Wachstum, obwohl dort oft keine Firmeninhaber schauen. Die einen wollen ihren Kanal wachsen lassen, die anderen ihr Geschäft. Die Absicht ist dieselbe.

Gleiche Absicht, anderes Thema. In der Mitte der Satz „Ich will mein Geschäft wachsen lassen.“ Darum herum Facebook-Werbung, LinkedIn-Wachstum, YouTube-Wachstum, Kalt-E-Mails und Kundengewinnung. Nach Jake Trinder.

Für so eine Liste lässt Trinder sich auch von einer KI helfen.

Brunsons Karte hilft dir, Lücken zu finden. Für Beziehungen nennt er unter anderem den Teilmarkt Dating mit Nischen wie „wie spreche ich eine Frau an“, „wie komme ich über eine Trennung hinweg“ und „woran merke ich, dass ich verliebt bin“. Daneben steht der Teilmarkt Elternschaft. Machst du Videos übers Ansprechen, sind die anderen Dating-Nischen deine nächsten Nachbarn. Elternschaft ist weiter weg: gleicher Kernwunsch, aber eine andere Lebenslage.

Brunsons Karte: Kernwunsch, Teilmarkt, Nische. Vom Kernwunsch Beziehungen führen Linien zu Dating und, blass, zu Elternschaft (weiter weg). Unter Dating die Nischen Ansprechen (dein Thema), Trennung verarbeiten und Bin ich verliebt? (nahe Nachbarn).

Für deine Recherche heißt das: Schreib fünf bis zehn Nischen auf, deren Zuschauer deinen Satz aus Schritt 1 unterschreiben würden. Dann durchsuchst du jede so gründlich wie deine eigene. Wie das geht, zeigt Die Tiefensuche.

Schritt 3: Prüf in zwei Stufen

Das Speedrun-Beispiel hat zwei Stufen. Trinder sagt: Im Gaming war das Format belegt, aber nur für Gamer. Offen war, ob ein Publikum, das Geld verdienen will, auf das Wort „Speedrun“ reagiert. Das zeigte erst das Dropshipping-Video. Erst danach hatte sein Team den Mut, es in die Kaltakquise zu bringen.

Bevor du ein Format übernimmst, beantworte also zwei Fragen:

  1. Wo ist das Format belegt? In welcher Nische hat es mehrfach Ausreißer gebracht, also Videos mit drei- bis viermal so vielen Views wie sonst auf dem Kanal? (Mehr dazu: Ausreißer finden)
  2. Wo ist es bei Zuschauern mit deiner Absicht belegt? Gibt es mindestens ein erfolgreiches Video damit in einer Nische, deren Zuschauer deinen Satz aus Schritt 1 unterschreiben würden?

Fehlt die zweite Antwort, ist das Video ein Experiment. Das darf es sein, aber du solltest es wissen.

Ein Beispiel: ein Coaching geht auf YouTube

Ich hatte einen Kunden aus der Edutainment-Nische, ein Bildungsunternehmen mit eigenem Coaching. Er hatte seine Zielgruppe auf Instagram und Facebook ständig mit Werbung bespielt. Der nächste Schritt war YouTube. Auf einer neuen Plattform hast du keine eigenen Daten. Welche Formate dort wirken, musst du woanders ablesen.

Wie das mit den drei Schritten aussieht, zeigt ein ausgedachtes Beispiel in derselben Lage. Ein Bildungsunternehmen bietet ein Coaching für Menschen an, die sich beruflich neu orientieren wollen. Der erste Satz lautet: „Meine Zuschauer wollen den Beruf wechseln.“ Das ist das Thema, nicht die Absicht.

In den Kommentaren unter den Anzeigen zeigen sich zwei Gruppen. Die einen wollen endlich mehr Geld verdienen. Die anderen wollen eine Arbeit, die zu ihnen passt. Das sind zwei Absichten. Das Unternehmen entscheidet sich für die zweite: „Meine Zuschauer wollen morgens gern zur Arbeit gehen.“

Jetzt findet es andere Nachbarn: Kündigen, Selbstständigkeit, Stärken erkennen. Mit der ersten Absicht wären es Gehaltsverhandlung oder Nebenverdienst gewesen.

Das Unternehmen überlegt, das Speedrun-Format zu übernehmen: Quereinstieg im Speedrun, von der ersten Bewerbung bis zum ersten Arbeitstag. Erst prüft es die zweite Stufe. Gibt es bei Kanälen über Kündigen oder Selbstständigkeit erfolgreiche Speedrun-Videos? Findet es keine, behandelt es das Video als Experiment.

Drei typische Fehler

1. Vom Thema ausgehen statt von der Absicht. Trinder sieht das oft: Jemand sieht bei MrBeast ein Format wie „1 Dollar gegen 10.000 Dollar“ und überträgt es auf ein Business-Publikum. Dort ergibt es keinen Sinn. Die Zuschauer schauen mit einer ganz anderen Absicht. MrBeast ist der größte YouTuber der Welt und macht aufwendige Unterhaltung. Wer Business-Videos schaut, will meist etwas für sein Geschäft mitnehmen.

2. Den Mittelschritt überspringen. Ein Format, das im Gaming läuft, ist noch kein Beleg für dein Publikum. Erst wenn es bei Zuschauern mit deiner Absicht funktioniert hat, ist die Wette gut berechnet.

3. Zwei Absichten in einem Video. Brunson schreibt: Viele Produkte passen zu mehr als einem Kernwunsch. Die Botschaft muss sich trotzdem auf einen festlegen. Versucht sie, zwei zu bedienen, sinken die Verkäufe nach seiner Erfahrung meist um die Hälfte, oft sogar um 90 Prozent oder mehr. Für Videos heißt das: Der Titel des Coachings spricht entweder die an, die mehr Geld wollen, oder die, die eine passende Arbeit suchen. Nicht beide.

Wo das Werkzeug an Grenzen stößt

Gleiche Absicht heißt nicht gleiches Publikum. Ein Format darfst du dir leihen. Die Zuschauer der Nachbar-Nische kommen deshalb nicht automatisch zu dir. Und ein Video, das zwar viele Views bringt, aber andere Leute als sonst, kann deinem Kanal schaden. Ob ein Video noch zu deinem Publikum passt, prüfst du mit der 80-%-Regel aus Das Ziel deines Videos.

Die Absicht ist eine Annahme. Der Satz des Coachings stimmt nur, wenn ihn die Kommentare und Fragen seiner Zuschauer stützen. Wie du solche Annahmen belegst, zeigt Zielgruppe finden.

Trinder verkauft genau diese Arbeit. Seine Beispiele und Zahlen stammen aus Vorträgen, die für seine Agentur werben. Ein Detail daraus zeigt aber, dass er nicht nur auf Views schaut: Das Kaltakquise-Video wurde laut Trinder im Schnitt nur zu 6 Prozent angeschaut, also kaum zu Ende. Trotzdem brachte es viel Geld, weil es genau die richtigen Leute erreichte.

Ein geliehenes Format ist noch keine eigene Idee. Warum ein Format wirkt, musst du trotzdem verstehen. Mehr dazu in Kopier die Ursache, nicht die Worte. Wie du später eigene Formate entwickelst, die keiner kennt, zeigt Blue Ocean auf YouTube.

Übung: deine Absichts-Karte

  1. Schreib deinen Satz: „Meine Zuschauer wollen …“. Ohne dein Thema. Gibt es zwei Absichten, entscheide dich für eine.
  2. Sammle zehn Nischen, deren Zuschauer den Satz unterschreiben würden. Lass dir von einer KI Vorschläge machen, aber prüf jeden selbst.
  3. Ordne sie nach Nähe: gleicher Teilmarkt, gleicher Kernwunsch, nur gleiche Absicht.
  4. Such in den drei nächsten Nischen die Ausreißer des letzten Jahres. Notier die Formate.
  5. Prüf für jedes Format die zwei Stufen aus Schritt 3. Was beide besteht, kommt in dein Format-Themen-Raster.

Wer hier schreibt

Oliver Bayer

Oliver Bayer

Sammelt, was erfolgreiche Creator anders machen, und übersetzt es in einen Ablauf, den du für jedes Video nutzen kannst.

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